Anzeige

Correctiv-Bericht über Medikamenten-Handel: die seltsame PR-Strategie eines Pharma-Unternehmens

Wird vom Importeur Kohlpharma kritisiert: Correctiv-Chef Markus Grill verteidigt die Berichterstattung seines Teams
Wird vom Importeur Kohlpharma kritisiert: Correctiv-Chef Markus Grill verteidigt die Berichterstattung seines Teams

Das "RTL Nachtjournal" und Correctiv haben sich mit dem Thema Medikamenten-Knappheit im Ausland befasst. Als Aufhänger dient der umstrittenen Arznei-Handel von Exporteuren. Einer dieser im Bericht erwähnten Exporteure ist Kohlpharma und der wiederum kritisiert die Arbeit der Investigativ-Journalisten als handwerklich schlecht. Statt sich rechtlich zur Wehr zu setzen, reagiert das Unternehmen mit einer kuriosen PR-Offensive.

Anzeige
Anzeige

Der Druck, dem sich investigative Journalisten ausgesetzt sehen, ist vielseitig. Es gehört zu ihrem Job, dass sich Recherchen als nicht besonders einfach gestalten. Oft versuchen Interessenvertreter oder Betroffene Einfluss zu nehmen, indem sie Auskünfte verweigern oder – im Gegenteil – die Journalisten mit Informationen überfluten, um sie zu überfordern. In Härtefällen werden Reporter vor der Veröffentlichung „gewarnt“ – oder es wird im Nachhinein versucht, sie und ihre Arbeit zu diskreditieren.

Letztes widerfährt derzeit nach eigener Ansicht dem Team von Correctiv. Gemeinsam mit dem „RTL Nachtjournal“ hat sich das Recherchebüro mit der Medikamenten-Knappheit im Ausland befasst. Als Grund für den Mangel an überlebenswichtigen Medikamenten in einigen Ländern haben die Journalisten den internationalen Handel und seine Ex- beziehungsweise Importeure ausgemacht. Diese kaufen gewisse Medikamente beispielsweise in Rumänien billig ein und importieren sie nach Deutschland, wo sie ihre Einkäufe gewinnbringend wieder absetzen. Dieser „Parallelhandel“ führt nach Angaben von Correctiv dazu, dass lebenswichtige Medikamente, wie das Epilepsie-Mittel Trileptal, das im Bericht exemplarisch angeführt wird, in Rumänien und anderen Ländern Osteuropas zur Mangelware werden.

Einer dieser Händler ist die Firma Kohlpharma. Das Unternehmen wurde von den Correctiv-Reportern als Beispiel für einen Akteur in diesem umstrittenen Geschäft hervorgehoben. Genannt wurden auch ein weiteres Unternehmen, Emramed/MPA, sowie weitere Medikamente.

Kohlpharma passt der kritische Bericht freilich gar nicht. Das Unternehmen fühlt sich zu Unrecht von den Reportern an den Pranger gestellt und wirft ihnen zudem vor, Tatsachen verdreht und Fakten missachtet zu haben. Das Unternehmen bestreitet einen Medikamentenmangel in Rumänien und bestreitet dort Trileptal eingekauft zu haben – letzteres hatte Correctiv aber auch gar nicht behauptet.

Das Vorgehen der Reporter ist erst einmal gewöhnlich. Einen Marktteilnehmer, auf den die Vorwürfe zutreffen, als Protagonisten hervorzuheben, ist ein gängiges Mittel. Kohlpharma ist Marktführer in seinem Segment und erklärte sich zudem für ein Interview mit den Journalisten von Correctiv bereit. „Im Zusammenhang mit Kohlpharma ließen sich die vielfältigen Lobbytätigkeiten beleuchten“, sagt Markus Grill, Chefredakteur von Correctiv, gegenüber MEEDIA. Für die Misere ist nach Ansicht von Correctiv freilich nicht nur die Wirtschaft verantwortlich, sondern auch die Politik, bei der die Wirtschaft eine erhebliche Einflussnahme versucht.

Anzeige

Die Art und Weise der Krisenkommunikation von Kohlpharma überrascht. Bereits in der vergangenen Woche hat das Unternehmen einen „Offenen Brief“ an Correctiv geschrieben und die Journalisten mit seinen Vorwürfen konfrontiert. Öffentlich zu lesen ist das Schreiben, wie auch ein mittlerweile zweiter Brief, aber nicht. Ein Sprecher des Unternehmens hat es direkt an Correctiv gesendet und parallel einigen Medienjournalisten zukommen lassen.

Von seiner Aktion erhofft sich das Unternehmen womöglich eine Berichterstattung, in der Vorwürfe gegen Correctiv wiederholt werden und so der Eindruck erweckt wird, die Arbeit der Journalisten sei fehlerhaft gewesen. Nachdem MEEDIA auf die erste Mail, die auf den „Offenen Brief“ hingewiesen hatte, nicht reagiert hatte, meldete sich sogar ein in Brüssel ansässiger Lobbyist, um nochmal auf „das Thema“ aufmerksam zu machen.

Bereits am Wochenende veröffentlichte die Autorin des Correctiv-Stückes „Die Medikamente der Anderen“ eine Antwort, ging auf jeden Punkt der Kritik ein und korrigierte dabei sogar eine Ungenauigkeit. Diese betraf dabei keine wesentlichen Punkte der Recherche sondern lediglich eine falsche Angabe bei der Unternehmenszugehörigkeit eines Managers. Die Vorgehensweise von Correctiv in diesem Fall eine kluge Reaktion. Die Redaktion handelte umgehend und verhinderte damit, dass sich die Kritik des Unternehmens unerwidert weiterverbreitet.

Kohlpharma erhob durchaus Vorwürfe, über die diskutiert werden konnte, macht einsgesamt aber eine schlechte Figur – auch weil das Unternehmen weitere Vorwürfe erhob, die völlig aus der Luft gegriffen waren.  So hatte das Unternehmen die Reporter nicht nur der unsauberen Arbeit, sondern auch der Lüge bezichtigt. Dabei ging es unter anderem um die Herkunft einer abgebildeten Medikamenten-Verpackung, bei der Kohlpharma selbst die darauf gedruckte Sprache verwechselt hatte. Zum anderen stellt das Unternehmen infrage, ob Journalisten ein rumänisch geführtes Interview wirklich sauber übersetzt haben – nur weil der Original-Ton angeblich schwer zu verstehen war.

Womöglich hätte das Unternehmen für eine erhellende Diskussion gesorgt, wenn es sich auf wesentliche Punkte seiner Kritik beschränkt hätte. Obwohl Correctiv nicht falsch berichtet hat, war die Darstellung womöglich missverständlich. Ob sich demnächst eine Pressekammer mit dem Fall befassen muss, ist noch unklar. Ein Sprecher von Kohlpharma betont zwar, dass man weitere juristische Schritte prüfe. Tätig geworden sind die Anwälte bislang aber noch nicht.

Anzeige

Mehr zum Thema

Anzeige
Anzeige