Kritik an mangelnder Transparenz: Spiegel löscht umstrittenes Sachbuch „Finis Germania“ aus Bestseller-Liste

Macht im Umgang mit dem umstrittenen Buch Finis Germania eine unglückliche Figur: Spiegel-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer
Macht im Umgang mit dem umstrittenen Buch Finis Germania eine unglückliche Figur: Spiegel-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer

Wer in dieser Woche einen Blick in die Bestsellerliste des Spiegel wirft, bekommt kein wahrheitsgetreues Bild der erfolgreichsten Buchtitel des Landes präsentiert. Die Chefredaktion hat in das Ranking eingegriffen und einen Titel gestrichen: das als antisemitisch kritisierte Buch Finis Germania. Für den Schritt steht der Spiegel nun in der Kritik. Auf einen Vermerk hat die Redaktion nämlich verzichtet.

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Normalerweise sollte Finis Germania, das als antisemitisch kritisierte Sachbuch des verstorbenen Historikers Rolf Peter Sieferle, auf Platz 6 der Bestsellerliste geführt werden. Doch in dieser Woche war es verschwunden – nicht etwa, weil der Titel keine Käufer mehr fand, sondern die Chefredaktion des Spiegel ihn nicht mehr sehen wollte und gestrichen hat, wie eine Sprecherin des Verlages auf Anfrage von MEEDIA bestätigt. Sie erläutert: „Sie (die Chefredaktion; Anm. d. Red.) tut dies nur in absoluten Ausnahmefällen, aber sie hält das Buch für klar antisemitisch, hat dies auch bereits öffentlich geäußert und möchte die Verbreitung nicht unterstützen.“ Bei der Bestsellerliste des Spiegel handele es ich um ein kuratiertes Ranking, für dessen Erstellung auch qualitative Kriterien gelten, heißt es weiter. Zuvor hatte der Buchreport, der Liste zusammenstellt, den Eingriff der Chefredaktion in die Liste gegenüber Übermedien bestätigt.

Für sein Handeln steht der Spiegel nun in der Kritik. Dabei sorgt nicht nur der Eingriff in die Liste für Empörung, sondern auch die Intransparenz, mit der die Redaktion vorgegangen ist. Auf einen entsprechenden Vermerk oder eine Angabe von Gründen hat das Nachrichtenmagazin verzichtet. Für den Leser war also nicht nachvollziehbar, weshalb das Buch nicht mehr im Ranking zu finden ist. Zusätzlich richtete der Spiegel Chaos mit der Bestsellerliste auf den eigenen Plattformen an. Während Finis Germania aus der Print-Ausgabe sowie aus den online erscheinenden Listen (beispielsweise bei Spiegel Online und Amazon) gestrichen wurde, wird der Titel in der Digital-Ausgabe weiter gelistet. Grund dafür ist nach Verlagsangaben ein technischer Fehler, an dessen Behebung noch gearbeitet wird. Kritiker – die vorwiegend aber nicht nur dem rechten Spektrum stammen – werfen dem Spiegel nun Unglaubwürdigkeit vor.

Das ist Kritik, die sich der Spiegel und sein Chefredakteur Klaus Brinkbäumer nun durchaus gefallen lassen müssen. Vor allem in Zeiten, in denen intensiv über die Glaubwürdigkeit der Medien diskutiert wird und fast jeder Chefredakteur (auch Brinkbäumer) Transparenz und Leserkommunikation als Rezept für mehr Vertrauen empfiehlt, vermittelt der Spiegel den Eindruck, als nehme er solche Diskussionen nicht ernst. Ein riskantes Verhalten.

Zu der ganzen Debatte kommt hinzu, dass der Erfolg des Buches ausgerechnet auf den Spiegel beziehungsweise auf einen seiner Redakteure zurückzuführen ist. In seiner Rolle als Jurymitglied brachte Spiegel-Redakteur Johannes Saltzwedel den Titel in das Juni-Ranking der „Sachbücher des Monats“, die von der Süddeutschen Zeitung und dem Norddeutschen Rundfunk veröffentlicht werden. Die Empfehlung des als antisemitisch geltenden Werkes galt als Skandal, woraufhin Saltzwedel – der eigenen Angaben zufolge „bewusst ein sehr provokantes Buch der Geschichts- und Gegenwartsdeutung zur Diskussion bringen“ wollte – seinen Posten in der Jury räumte und sich sein Chef, Spiegel-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer, von ihm distanzierte. Erst dieser Vorfall verschaffte dem Buch, das bereits im Februar auf den Markt gekommen war, die nötige Aufmerksamkeit.

Diese dürften die Spiegel-Macher durch ihr Vorgehen noch noch einmal erhöht haben – unnötigerweise. Wie der Buchreport gegenüber Übermedien mitgeteilt hat, wäre Finis Germania „nach vorläufigen Verkaufszahlen auf der kommenden Bestellerliste nicht mehr vertreten“ gewesen.

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