Anzeige

Handelsblatt-Chef Sven Afhüppe: „Zu oft blasen Medien Ereignisse groß auf, ohne zu überprüfen, wie stichhaltig die Fakten sind“

Wie umgehen mit Fake News? Darüber diskutierten am Montagabend unter anderem Handelsblatt-Chefredakteur Sven Afhüppe und WDR-Intendant Tom Buhrow
Wie umgehen mit Fake News? Darüber diskutierten am Montagabend unter anderem Handelsblatt-Chefredakteur Sven Afhüppe und WDR-Intendant Tom Buhrow Foto: Rudolf Wichert für Handelsblatt

Spätestens seit der US-Präsidentschaftswahl ist das Schlagwort „Fake News“ auch in Deutschland in aller Munde. Doch was ist dran an der viel beschworenen Gefahr und was steht uns – vor allem im Vorfeld der Bundestagswahl – noch bevor? Beim Düsseldorfer Terrassengespräch des Handelsblatts begaben sich Chefredakteur Sven Afhüppe, WiWo-Chef Beat Balzli und WDR-Intendant Tom Buhrow auf Spurensuche.

Anzeige
Anzeige

Die erste Fake News liefert das Terrassengespräch direkt frei Haus: Schließlich fand das Expertengespräch nicht wie sonst auf der Dachterrasse der Verlagsgruppe Handelsblatt statt, sondern im Foyer. Das Wetter war schuld und doch hatte Geschäftsführer Frank Dopheide damit zur Begrüßung einen passenden Einstieg: „Wann hat das mit den Fake News eigentlich angefangen?“, fragte Dopheide die rund fünfzig Gäste. Schließlich seien wir doch alle mit ihnen groß geworden: Osterhase, Christkind, Weihnachtsmann. Wann wird aus einem Märchen Fake News? Und welches Ziel verfolgen ihre Urheber?

An der Beantwortung dieser und vieler weiteren Fragen versuchte sich am Dienstagabend eine Expertenrunde, bestehend aus Handelsblatt-Chefredakteur Sven Afhüppe, WDR-Intendant Tom Buhrow und Beat Balzli, Chefredakteur der WirtschaftsWoche. Zum Thema „Fake News, Bundestagswahl und die Verantwortung der Medien“ begaben sich die Journalisten nicht nur auf die Spurensuche nach Wirkung, Definition und Wesen der Falschnachrichten, sondern ergründeten auch die Frage danach, wie sich Journalismus ändern muss, um in Zukunft den gefährlichen Märchen im Netz die Grundlage zu entziehen.

Handelsblatt-Redakteurin Ina Karabasz, die als Moderatorin durch den Abend führte, eröffnete das Gespräch mit einer Falschnachricht: „Herr Buhrow, der WDR will seine Immobilien verkaufen, um die Abgaben der Beitragszahler zu senken?“ WDR-Intendant Buhrow blickt die Moderatorin irritiert an, bis die aufklärt: „Das waren natürlich Fake News.“

Buhrow fordert im Anschluss eine klare Unterscheidung von Fake News: „Es gibt irrtümliche Falschmeldungen, gezielte Falschmeldungen, um Entscheidungen oder Prozesse zu beeinflussen und es gibt die Kampagne – das alles ist nicht neu, allerdings sind es die Technologien, die es schaffen, jedwede Art der Falschnachricht in kürzester Zeit einem Millionenpublikum zugänglich zu machen.“ Auch Handelsblatt-Chefredakteur Afhüppe sieht diese Gefahr und hält jede Art von Fake News für gefährlich – egal, ob es sich um eine scheinbar noch so lustige Falschmeldung handele: „Sie alle zeigen eine verfälschte Wirklichkeit, die am Ende die Unterscheidung zwischen Realität und Wirklichkeit erschwert und damit die Willensbildung beeinflusst.“ WirtschaftsWoche-Chef Balzli sieht die Gefahr auch dadurch, dass Fake News haften bleiben: „Selbst wenn man sie widerlegt, wiederholt man sie doch“, so Balzli. Der WiWo-Chef illustrierte das mit Marine Le Pens falschem Vorwurf während des französischen Wahlkampfs, dass Macron Konten auf den Bahamas hätte. Was dieser auch tat, er musste sich immer wieder dagegen erwehren. Das Problem sei zudem, dass gewisse Zielgruppen gar nicht mehr durch klassische Medien erreicht würden, da hieße es dann oft „Das hab ich doch auf Facebook gelesen“.

Doch was hilft dagegen? Klar sei, so Balzli, dass man gegen vorgefestigte Meinungen nicht viel tun könne: „Es wird immer Menschen geben, die nur an das glauben wollen, was ihre Meinung bestätigt.“ Trotzdem sei es wichtig als Journalist seine Filterblase zu verlassen und danach zu schauen, was die Menschen bewege und Überzeugungsarbeit für das Vertrauen in die Medien zu leisten. Dafür plädierte auch Buhrow: „Es ist wichtig die Menschen ernst zu nehmen und sich als Journalist nicht als Nabel der Welt zu sehen, der anderen erzählt, was richtig und was falsch ist.“ Handelsblatt-Chef Afhüppe rief zu mehr Distanz und Sorgfalt auf: „Zu oft blasen Medien Ereignisse groß auf, ohne zu überprüfen, wie stichhaltig die Fakten sind. Das beste Beispiel ist der Hype um Martin Schulz, bei dem Medien eine entscheidende Rolle gespielt haben. Um die Glaubwürdigkeit nicht zu verlieren, sollte Journalismus immer kritisch und distanziert bleiben.“ Ein Mittel gegen Fake News sei zum Beispiel auch, Instrumente und Befähigungen zu schaffen, die Menschen dabei unterstützen, wahre und falsche Nachrichten zu unterscheiden. In der Schule sollte daher auch der Umgang mit digitalen Medien gelehrt werden.

Anzeige

Genau das passiere noch viel zu wenig, bemerkte eine Teilnehmerin während der anschließenden Diskussion – die Schule müsse die digitale Bildung viel stärker in den Fokus nehmen. Manuela Roßbach, Geschäftsführerin von „Deutschland hilft“, kritisierte, dass zu oft ein Tweet von US-Präsident Donald Trump die vielen wichtigen Nachrichten auf der Welt überlagere.

Die anwesenden Medienmacher sparten da auch nicht mit Selbstkritik: Andere wichtige Themen kämen oft zu kurz. Es sei zudem häufig so, dass ein polarisierender Artikel mehr Aufmerksamkeit bekomme, als ein ausgewogener – da sei es die Aufgabe von verantwortungsvollem Journalismus, Qualität über Reichweite zu stellen. Ein weiteres Mittel gegen Fake News kam ebenfalls als Vorschlag aus dem Publikum: Statt immer nur die eine Lösung auf dringliche Probleme rauf und runter zu berichten, sollten auch Alternativen beleuchtet werden – zum Beispiel im Falle der Staatsschuldenkrise in Griechenland. Da sei ein geeigneter Weg, um den Fake News das Milieu zu entziehen.

Wie dringlich und drängend die Debatte um die Fake News war, zeigten die vielen Handzeichen als Moderatorin Karabasz zu Fragen aufrief – und die zahlreichen Besucher, die noch lange nach dem Ende der Expertenrunde bei Snacks und Getränken weiterdiskutierten.

Dieser Text erschien zuerst bei Handelsblatt.com

MEEDIA gehört zur Verlagsgruppe Handelsblatt

Anzeige

Mehr zum Thema

Anzeige
Anzeige