Anzeige

Darf man über fette Nazis spotten? Darf man für die Türken werben?

Podolski wirbt für die Türkei, Schipanski zieht Kritik am „NSA-Komplex“ zurück, ein fetter Nazi wird zum Spott-Objekt
Podolski wirbt für die Türkei, Schipanski zieht Kritik am "NSA-Komplex" zurück, ein fetter Nazi wird zum Spott-Objekt

Nicht nur die Beziehungen Deutschland zur Türkei wurde in dieser Woche neu justiert, sondern auch die Beziehung der Medien zur Türkei-Werbung. Es stellte sich die Frage, ob man fette Nazis an den Facebook-Pranger stellen darf und einige mussten sich korrigieren. Der MEEDIA-Wochenrückblick.

Anzeige
Anzeige

Nachdem Außenminister Sigmar Gabriel der Türkei den Krieg erklärt hat, ach nein, pardon: einen Kurswechsel in der deutschen Türkei-Politiker erklärt hat, überdenken auch einige Medien ihr geschäftliches Verhältnis zur Türkei. Am Montag sorgte eine Jubel-Anzeige in der Süddeutschen für Aufregung, die den gescheiterten Putschversuch in der Türkei von vor einem zu einem Hohefest der Demokratie verklärte. Ich finde die Kritik an der Anzeige berechtigt, wobei die SZ hier eher stellvertretend für viele Medien stand. In der Zeit und in der FAZ wurden zuvor im Rahmen der Kampagne „Turkey – discover the potential“ Anzeigen-Beilagen veröffentlicht, die die Türkei als Wirtschaftsstandort priesen. Bei den Nachrichtensendern n-tv und N24 liefen egelmäßig schöne TV-Spots ebenjener Kampagne, in denen zum Beispiel der allseits beliebte Fußballer Lukas Podolski die Vorzüge der Türkei lobte: „I’ve been writing my own happinez story here.“

In die Türkei gekommen und eine ganz spezielle „Story“ erlebt haben u.a. ja auch der Welt-Reporter Deniz Yücel und der Menschenrechtsaktivist Peter Steudtner. Sie sitzen in der „Trillion Dollar Economy“ (Werbespot) Türkei im Knast. Silke Burmester weist in der taz absolut zu recht darauf hin, dass es mindestens ein Geschmäckle hat, wenn z.B. die Zeitung Die Welt eine „Free Deniz“-Kampagne für ihren zu unrecht inhaftierten Mitarbeiter fährt und der Verlag parallel Heile-Welt-Werbebeilagen der Türkei veröffentlicht und druckt. Überspitzt gesagt: mit der einen Hand die Kohle Erdogan einstecken, mit der anderen mit dem Zeigefinger winken. Groteske Ausmaße nahm diese Diskrepanz bei der Übertragung von Gabriels Stellungnahme zur Türkei bei n-tv und N24 an. Während der deutsche Außenminister vor Reisen in die Türkei warnte und Firmen dazu aufforderte, nicht mehr in der Türkei zu investieren, zeigten beide Sender fröhlich weiter die Türkei-Image-Werbung direkt im Umfeld von Gabriels Ansprache. Das war dann derartig offensichtlich ungut, dass es sogar die Sender merkten und ankündigten, künftig die Türkei-Image-Filmchen aus dem Programm zu nehmen.

Oliver Gehrs hatte die SZ bei Übermedien schon vorher scharf für Türkei-Werbung kritisiert. Eine ganze Kolumne lang ließ er sich Anfang Juli darüber aus, warum es eine schlechte Idee ist, wenn eine Zeitung wie die SZ eine Werbe-Beilage für die Türkei (oder für Google) in redaktionell anmutender Aufmachung veröffentlicht.

Screenshot: Übermedien.de

Blöd nur: Die von Gehrs angeprangerte Beilage war gar nicht in der SZ-erschienen, sondern in FAZ und Zeit. Übermedien schrieb: „Korrekturen veröffentlichen zu müssen, ist für Redaktionen immer ärgerlich. Aber manche sind besonders peinlich.

Ach ne, Moment. Damit meinten die Kollegen ja gar nicht den eigenen Fehler, sondern einen kapitalen Fehler des FAZ-Bloggers Don Alphonso, der über das Zeit-Online-Blog „Störungsmelder“ im Zusammenhang mit der G20-Berichterstattung geschrieben hatte, das Zeit-Blog wurde bei der G20-Berichterstattung Terror verharmlosen und würde vom Justizministerium finanziert. Dabei hatte „Störungsmelder“ gar nicht über die G20-Krawalle berichtet und wird auch nicht vom Justizministerium finanziert. Aber Übermedien hat natürlich den eigenen Fehler auch korrigiert, bzw. die ganze Kolumne offline genommen, weil sie wegen der Beilagen-Verwechslung schlicht keinen Sinn mehr ergab:

Anzeige

Hier stand ein Artikel, der die „Süddeutsche Zeitung“ scharf dafür kritisierte, dass sie vor drei Wochen mit einer zweifelhaften zwölfseitigen Werbebeilage für die Türkei erschienen sei. Dieser Text war an entscheidender Stelle falsch: Diese Werbung lag am 29. Juni nicht der „Süddeutschen Zeitung“ bei, sondern der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ und der „Zeit“. Wir haben den Artikel deshalb gelöscht.

Immerhin gab Übermedien zu Protokoll, dass ihnen die Sache „sehr peinlich“ sei.

Es war eine Woche der Korrekturen. Nicht nur Medien mussten sich korrigieren, auch der CDU-Bundestagsabgeordnete Tankred Schipanski. Der hatte Ende Juni in einer Bundestagsrede massive Kritik an der NSA-Berichterstattung einiger Journalisten geübt. So warf er Marcel Rosenbach (Spiegel) und Holger Stark (Zeit) vor, für ihr Buch „Der NSA-Komplex“ die journalistische Sorgfaltspflicht verletzt zu haben. Sie hätten die Snowden-Veröffentlichungen „ungeprüft zur Grundlage ihrer Berichterstattung gemacht“. Ähnliche Vorwürfe erhob er gegen die Journalisten Christian Fuchs und John Goetz wegen ihres Buchs „Geheimer Krieg“. Holger Stark: „Das ist starker Tobak. Deshalb haben wir ihn gebeten, seine Vorwürfe zu belegen und ihm erläutert, wie ausführlich wir im NSA-Komplex recherchiert und mit sämtlichen Behörden, auch der NSA und dem Weißen Haus, gesprochen haben. Auf wiederholte Bitte konnte Schipanski nicht erklären, was jenseits einer unterschiedlichen politischen Bewertung seine konkrete zu bemängelnde Punkte sind.“ Immerhin hat der CDU-Politiker seine Vorwürfe in einer Stellungnahme auf seiner Homepage zurückgezogen:

Nach konstruktiven Gesprächen mit Holger Stark, einem der Autoren des Buches „Der NSA-Komplex“ und mit Christian Fuchs, Autor von „Geheimer Krieg“ komme ich zu einer anderen Bewertung. Ich finde, Fehler muss man auch eingestehen können. Das möchte ich an dieser Stelle tun. Mein Vorwurf gegenüber den beiden Buchveröffentlichungen ist unrichtig.

Das Blöde ist nur: Sind solche Vorwürfe erst einmal gemacht, dringen spätere Richtigstellungen und Entschuldigungen oftmals kaum durch.

Ist Ihnen bei Facebook diese Woche auch dieses Bild vom fetten Nazi untergekommen? Das Foto zeigt einen sehr dicken Mann augenscheinlich rechter Gesinnung. Er trägt ein schwarzes T-Shirt mit der Aufschrift „Nationalstolz kann man nicht zerbrechen“. Unter dem Shirt guckt sein Bauchansatz hervor. Schön ist das nicht. Das Foto entstand wohl bei einem Rechtsrockkonzert im thüringischen Themar. Auch Journalisten teilten das Bild eifrig bei Facebook, versehen mit mehr oder weniger lustigen Sprüchen über die Körperfülle des Nazis und den blöden Spruch auf seinem T-Shirt. Bemerkenswert reflektiert fand ich in diesem Zusammenhang die Kolumne von Heinrich Schmitz bei Tagesspiegel Causa: „Zeigt nicht auf den dicken Mann!“ Schmitz erörtert aus juristischer Perspektive, warum man das Foto des dicken Nazis nicht zeigen darf. Für manche überraschend: Das Recht am eigenen Bild gilt womöglich sogar für mutmaßliche Nazis. Außerdem: „Der zweite Grund. Was hier mit der Verbreitung des Fotos geschieht, ist eine Form von Lookismus, also der Annahme, dass das Aussehen ein Indikator für den Wert einer Person ist.“ Nun sind die Verbreiter des Fotos offenbar der Ansicht, dass das Recht am eigenen Bild und gutes Benehmen nicht mehr angesagt sind, wenn das Objekt des Spottes a) Nazi und b) fett ist. Vielleicht sollte man bei Social Media Angeboten eine Zeitverzögerung vor Veröffentlichungen und Weiterleitungen einbauen. Ein Zwangs-Denkpause, bevor man auf den „Kommentieren“ oder „Teilen“-Button drückt, das wäre manchmal tatsächlich hilfreich.

Schönes Wochenende!

Anzeige

Mehr zum Thema

Anzeige
Anzeige