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„Losungen der politischen Elite unkritisch übernommen“: Otto-Brenner-Studie kritisiert Flüchtlingsberichterstattung von FAZ, Bild & Co.

Professor Michael Haller analysierte die Flüchtlingsberichterstattung von FAZ, SZ, der Bild und der Welt
Professor Michael Haller analysierte die Flüchtlingsberichterstattung von FAZ, SZ, der Bild und der Welt

Von den Ergebnissen dieser Studie dürfte sich Zeit-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo bestätigt fühlen. Schon lange vertritt der Blattmacher die Meinung, dass die Medien am Anfang der Flüchtlingskrise zu freundlich über die Bundesregierung und die so genannte Willkommenskultur berichtet hätten. Eine neue Studie der Otto-Brenner-Stiftung kommt nun zu genau diesem Schluss und attestiert unter anderem FAZ, SZ, Bild und Welt, bei der kritischen Berichterstattung versagt zu haben.

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Die Analyse ist eine Zusammenarbeit der Hamburg Media School und der Uni Leipzig unter der Leitung von Professor Michael Haller. Der Wissenschaftler war von 1987 bis 1990 Leiter des Zeit Dossier. Passenderweise durfte die Hamburger Wochenzeitung auch als erstes einen Blick in die gut 200 Seiten starke Studie werfen, die von der gewerkschaftsnahen Otto-Brenner-Stiftung am kommenden Montag veröffentlicht wird. Teil der Untersuchung war die Zeit nicht. Haller und sein Team schauten sich Tausende von Artikeln aus den Tageszeitungen Frankfurter Allgemeine Zeitung, Bild, Süddeutsche Zeitung und Welt an. Dazu kamen noch einige Texte aus Regionalzeitungen.

Die Studie kritisiert, dass sich die „sogenannten Mainstreammedien“ geschlossen hinter Angela Merkels Flüchtlingspolitik versammelt hätten und dabei auch „Losungen der politischen Elite“ unkritisch übernommen hätten. Zudem sollen sie eine „euphemistisch-persuasive Diktion“ des Begriffs der Willkommenskultur verbreitet haben. Auf diese Weise sei „Willkommenskultur zu einer Art Zauberwort verklärt“ worden, „mit dem freiwillig von den Bürgern zu erbringende Samariterdienste moralisch eingefordert werden konnten“.

Die Zeit zitiert den Studienleiter mit seiner Einschätzung, dass eine „Sinn- und Strukturkrise“ die Medienbranche erfasst habe. „Große Teile der Journalisten haben ihre Berufsrolle verkannt und die aufklärerische Funktion ihrer Medien vernachlässigt.“ Meinungsstärke habe wohl Faktenschwäche ausgleichen sollen. Nachrichtliche Texte seien häufig mit kommentierenden Passagen eingefärbt gewesen, Fachleute, Bürger und Migranten kaum zu Wort gekommen, heißt es weiter in der Zeit dazu.

Es ist jetzt schon abzusehen, mit welchen Argumenten die kritisierten Journalisten und Medien die Studienergebnisse kontern werden, denn die Analyse enthält einige Angriffspunkte. So klammert sie sowohl Kommentare wie auch Gastbeiträge aus, die in den jeweiligen Zeitungen im Untersuchungszeitraum erschienen. Bei einem Titel wie der FAZ gehören die Meinungsbeiträge und die Stücke von Gastautoren aber ganz entscheidend mit zum pluralistischen Informationsbild, das die Zeitung präsentieren und transportieren will.
Mit seiner Analyse dürfte Haller vom Chefredakteur der Zeit eine gewisse Zustimmung erfahren. So sagte Giovanni di Lorenzo bereits im vergangenen Jahr am Rande des Jahrestreffens des Netzwerks Recherche, dass die einhellige Pro-Flüchtlinge-Stimmung den Medien nachhaltig geschadet hätte: „Das haben uns die Leute übel genommen.“ Auch die Zeit habe mit einem Titel im August 2015 einen Fehler gemacht. Rückblickend hätte di Lorenzo sich mehr Pluralität der Medien gewünscht. „Ich glaube, dass wir eine ganze Weile zu sehr dazu tendiert haben, uns zu Mitgestaltern der Flüchtlingskrise zu machen und uns nicht auf die Rolle der Beobachtung konzentriert haben“. Die Hamburg Media School, die Uni Leipzig und die Otto Brenner Stiftung stützen mit der neuen Studie offenbar genau diese Einschätzung des Blattmachers.

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