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40 Jahre plattdeutsche Nachrichten bei Radio Bremen: „In Hamburg harr dat böös Krawall geven“

Hilft beim Übersetzen und Sprechen der Platt-Nachrichten: Reinhard Goltz vom Bremer Institut für niederdeutsche Sprache
Hilft beim Übersetzen und Sprechen der Platt-Nachrichten: Reinhard Goltz vom Bremer Institut für niederdeutsche Sprache

Für Einheimische klingen sie vertraut, für Auswärtige kurios: Nachrichten auf Plattdeutsch gehören seit Jahren zum Programmangebot norddeutscher Sender. Vorreiter war vor 40 Jahren Radio Bremen. Die kleinste ARD-Anstalt wagte sich 1977 als erster Sender an regelmäßige Nachrichten für die plattdeutsche Minderheit.- ein Genuss nicht nur für Eingeborene.

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Von Eckhard Stengel 

„De Klock is halbig ölben – de Nahrichten.“ Wenn vormittags um halb elf im ersten Hörfunkprogramm von Radio Bremen (RB) dieser Vorspann zu hören ist, dann spitzen viele Norddeutsche die Ohren. Denn dann wissen sie: die nächsten dreieinhalb Minuten bekommen sie aktuelle Nachrichten „up Platt“ zu hören. Seit vier Jahrzehnten versorgt die ARD-Anstalt ihr Publikum auf dem platten Land (und inzwischen auch im Internet) mit diesem Zusatzservice – in Zusammenarbeit mit dem Bremer „Institut für niederdeutsche Sprache“, dessen Leiter Reinhard Goltz noch heute beim Übersetzen und Sprechen der Meldungen mitwirkt.

Da heißt dann die Bundeskanzlerin „de Kanzlersche“, bei VW tobt ein „Afgas-Schandaal“, und in Hamburg „harr dat böös Krawall geven bi de Proteste vun G20-Gegnern“. Am Ende darf natürlich der Wetterbericht nicht fehlen. Der Wind kommt dabei nicht „aus unterschiedlichen Richtungen“, sondern „maal vun hier, maal vun daar“, und wenn es hin und wieder regnet, „pladdert dat immer Mol wedder“.

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Zunächst wurden zweimal pro Woche kurzerhand die regulären 10-Uhr-Nachrichten durch die Mundart-Fassung ersetzt. Wer kein Platt verstand, hatte dann eben Pech. Erst 1995 bekamen „De Plattdüütschen Nahrichten“ ihren eigenen Sendeplatz: montags bis freitags um 10:30 Uhr, also nicht mehr als Ersatz, sondern als Ergänzung zu den regulären Nachrichten.

Das werktägliche Spezialangebot erfreut nicht nur die vom Aussterben bedrohte Spezies der „Plattsnackers“, sondern auch sprachinteressierte Hochdeutsche, die das Besondere des Plattdeutschen lieben: Es klingt menschlicher und anschaulicher als die oft hochgestochene und floskelhafte Sprache herkömmlicher Nachrichtensendungen. Als mal im Bremer Umland eine Kutsche verunglückte, „güng se öber Kopp“, und als ein Wirtschaftsprofessor die ernste Finanzlage der Hansestadt beklagte, umschrieb die Platt-Redaktion das mit den Worten, „dat Jan Mangel un Peter Knapp wieder dat Regiment in Bremen hebbt“.

Ausgewählt werden die Meldungen zunächst von der regulären Nachrichtenredaktion, und danach macht sich reihum einer der hauseigenen oder externen Platt-Spezialisten ans Übersetzen – auch für auswärtige Sprachliebhaber, die die Sendungen im Internet anhören oder nachlesen können. Leiterin des sechsköpfigen Teams ist die langjährige RB-Redakteurin Gesine Reichstein. „Plattdeutsch ist bei mir Muttersprache. Hochdeutsch habe ich in der Schule gelernt“, erzählt sie. Allerdings musste sie vor ihrem Einsatz bei RB noch etwas umschulen: Ihr Platt klang zu sehr nach ihrer früheren Heimat Bad Bentheim im südwestlichen Niedersachsen und nicht bremisch genug.

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