„Ballern und Bumsen“: In der ZDF-Journalistenserie „Zarah“ stirbt die Originalität einen qualvollen Tod

Zarah.jpg

Groß angekündigt hatte das ZDF bereits den Drehstart seiner neuen Serie „Zarah“, in der es um eine Journalistin und Feministin geht, die Anfang der 70er ausgerechnet in einem Mainstream-Magazin ihre politischen Ziele durchsetzen will. Die Serie startet nach der Sommerpause am 7. September, doch schon von der "Arbeitsversion" der vorab veröffentlichten ersten Folge ist keine Minute sehenswert.

Anzeige

Von Hendrik Steinkuhl

Manchmal reicht ein kurzer Blick in die Pressemappe und man weiß: Das wird nichts. Und wenn, wie in diesem Fall, die Drehbuchautoren Eva und Volker A. Zahn über die bundesrepublikanische Presse der 70er schreiben, sie sei „noch nicht rufgeschädigt gewesen von den Blog-Warten“, dann möchte man sogar am liebsten schreiend wegrennen. „Blog-Warte“: ein Wortspiel aus der Hölle, so originell wie eine Weihnachtsmann-Krawatte und dazu auch noch völliger Unsinn, denn Blogger waren nun wirklich noch nie das Problem der deutschen Medien.

Wer trotzdem noch nicht alle Hoffnung fahren gelassen hat, müsste spätestens bei Ansicht der Episodentitel soweit sein. Um einmal zu zeigen, was in dieser Disziplin möglich ist: In der ersten Staffel von „Fargo“ beziehen sich die Titel jeder Folge auf Kōans, Parabeln und Paradoxien, „The Crocodile’s Dilemma“ oder „Who shaves the Barber?“ wären zwei Beispiele. Die Folgen von „Zarah“ heißen „Titel & Titten“, „Ich hab auf sein Grab gepinkelt“, oder „Ballern und bumsen“. Dass sich das ZDF mittlerweile traut, seinem Publikum solche Titel zuzumuten, ist erfreulich. Genauso lobenswert ist es, eine Nicht-Krimiserie um 21 Uhr zu senden. Allein: Es wird niemanden interessieren, so schlecht ist dieses Format.

Die titelgebende Hauptfigur ist Zarah Wolf (Claudia Eisinger), Anfang 30 und Autorin einiger erfolgreicher feministischer Bücher. Als ihr der Verleger Frederik Olsen das Angebot macht, für sein erfolgreiches Magazin „Relevant“ zu arbeiten, nimmt Zarah das Angebot an. Sie träumt davon, die auflagenstarke Illustrierte zur Verbreitung ihrer politischen Forderungen zu nutzen. Für Zarahs fiktiven Arbeitgeber steht eindeutig Henri Nannens stern Pate, worauf man beim alleinigen Lesen des Namens aber nie käme. „Relevant“ als Titel für eine deutsche Publikumszeitschrift, die regelmäßig nackte Mädchen auf dem Titel hat – gut, dass Nannen das alles nicht mehr mitbekommt.

Nichts, aber auch wirklich gar nichts an dieser Serie passt, entweder servieren uns die Autoren vollkommen Unwahrscheinliches oder die schlimmsten Klischees. Zu Kategorie eins gehört, dass Verleger Olsen bekennt, Feministin Zarah nur wegen ihrer tollen, boshaften Schreibe zu seinem Magazin geholt zu haben – was noch vorstellbar wäre; dass er sie allerdings gleich zur stellvertretenden Chefredakteurin macht, klingt nicht nach Westdeutschland in den frühen 70ern, sondern nach einem Paralleluniversum.

Zur Kategorie zwei, zu den schlimmsten Klischees also, gehört der Maximal-Sexismus der männlichen Kollegen, der nach nicht einmal sieben Minuten zum Ausbruch kommt, damit auch ja jeder Zuschauer weiß, dass wir uns in grauer bundesrepublikanischer Vorzeit befinden und unsere Heldin in einem Haifischbecken gelandet ist. „Die muss ihm das halbe Frontalhirn weggeblasen haben“, sagt einer der Redakteure, „Eine Frau in dieser Position, oder sollen wir lieber sagen: in dieser Stellung“, sagt ein anderer.

Um ein weiteres Mal zu zeigen, was in dieser Disziplin möglich ist: In „Mad Men“ hat der Sexismus seinen ersten großen und zudem tief erschütternden Auftritt, als Don Draper mit kalter Selbstverständlichkeit den Psychiater seiner Frau darüber ausfragt, was seine Partnerin in der Therapie erzählt hat.

In Deutschland, dieser ach so großen Kulturnation, haben wir es da gerne etwas platter. Deshalb dürfen auch die Emanzen so sein, dass sie selbst der normale ZDF-Zuschauer gleich als solche erkennt. Nach zehn Minuten sehen wir Zarah in dieser Gegenwelt, es ist eine Vollholz-Kemenate mit lauter angeheiterten Schwestern, von denen uns eine mit diesem Exposition-Talk willkommen heißt: „Liebes, deine Vagina ist ein magischer Ort! Als ich das erste Mal in meine reingeschaut habe … das ist wie eine Tropfsteinhöhle, aber aus Fleisch. Komm, ich mache dich mit deiner Muschi bekannt!“ Anschließend erklärt Zarah ihren Plan vom langen Marsch durch die journalistischen Institutionen, dann tanzen alle zu „Respect“ von Aretha Franklin, und unbemerkt von unseren wackeren Schablonenfeministinnen stirbt gleichzeitig ein weiteres Mal die Originalität im deutschen Fernsehen einen unendlich qualvollen Tod.

Man könnte noch so viel Böses über „Zarah“ sagen, zum Beispiel über viele der Darsteller, allen voran Uwe Preuss, der in seiner Rolle als Verleger aus irgendwelchen Gründen auf Mimik und Stimmmodulation vollständig verzichtet. Oder über Leon Ulrich, dem das seltene Kunststück gelingt, in der Traumrolle eines sexistischen Cholerikers zu langweilen, weil jeder seiner Sätze aufgesagt klingt.

Man könnte sogar noch über die Ausstattung schimpfen und mal fragen, warum es eine deutsche Produktion nicht schafft, echtes Flair einer vergangenen Zeit herzustellen, was etwa den Franzosen mühelos gelingt. Aber noch mehr Aufmerksamkeit hat diese Serie, die mit Sicherheit keine zweite Staffel bekommen wird, gar nicht verdient.

Anzeige
Anzeige
Anzeige