G20-Demos: Wie ein taz-Reporter mit seinem Handy-Livestream zum Leitmedium der Krawallnacht wurde

Live via Periscope: Martin Kaul nimmt seine Follower mit auf die Straßenproteste gegen den G20-Gipfel
Live via Periscope: Martin Kaul nimmt seine Follower mit auf die Straßenproteste gegen den G20-Gipfel

Das G20-Gipfeltreffen in Hamburg zieht tausende Journalisten in die Hansestadt. Redaktionen aus aller Welt haben ihre Berichterstatter entsandt, um über die Proteste und schon im Vorfeld befürchteten Ausschreitungen zu berichten. Dabei sticht ein Journalist aus der Medienmasse heraus: taz-Reporter Martin Kaul, ein krisenerprobter Korrespondent, dessen Periscope-Livestream zum Leitmedium der Krawallnacht wurde.

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Es gibt Journalisten, denen ist kein Kriegsgebiet zu gefährlich, kein sozialer Brennpunkt zu düster – Martin Kaul ist so ein Typ. Denn für eine kurze Verschnaufpause hat sich der taz-Reporter in die abgerockte und ranzige Hamburger Kiezkneipe „Zum Anker“ verzogen. 100 Meter entfernt von Deutschlands berühmtester Polizeiwache in der Davidstraße, direkt auf der Ecke zur verruchten Herbertstraße. Draußen grölen für gewöhnlich die Sex-Touristen (heute sind es Demonstranten), drinnen dröhnt „Atemlos“ von Helene Fischer.

Und auch sonst zeigt sich der Journalist in diesen Tagen dort, wo es hart zur Sache geht. Kaul ist nach Hamburg gereist und berichtet seit Mittwochabend von den G20-Protesten auf den Straßen der Hansestadt. Erstmals streamt der Reporter dabei via Periscope und bereichert damit die gesamte Live-Berichterstattung, an der sich dieses Mal zahlreiche Journalisten versuchen. taz-Kaul aber macht es am besten, ist immer dicht am Geschehen, ohne sich in dieses hineinziehen zu lassen. Er vermeidet voreilige Schlüsse und weist auch Gesprächspartner darauf hin. Was weiß man wirklich? Was hat man selbst gesehen?

Am Anfang hatte Kaul noch mit Übertragungsproblemen zu kämpfen. Zum Auftakt der „Welcome to Hell“-Demo am Hamburger Fischmarkt war das Internet praktisch weg, ob gezielt von Behörden gedrosselt oder einfach durch die Massen von Smartphone-Nutzern hoffnungslos überlastet. Erst später, als sich die Gewalt schon ihren Weg bahnt, kann der taz-Reporter live senden, oft ruckelt und von minutenlagen Bildausfällen unterbrochen. Doch immer mehr Nutzer klicken seinen Periscope-Kanal an. Nach Mitternacht sind es 3.800 Live-Zuschauer – für eine solch improvisierte Sendung ist das eine hohe Zahl. Unter den Kommentatoren sind auch prominente Namen: Ex-Bild-Chef Kai Diekmann etwa oder ZDFneo-Moderator Jan Böhmermann.

Diese Resonanz liegt vor allem an der Erfahrung, die der „Redakteur für Soziale Bewegungen“ mitbringt. Seit 2009 schreibt er für das Blatt, begleitete zahlreiche Mai-Demonstrationen, Castor-Proteste oder Stuttgart21. Kaul hat dabei gelernt, wie man sich als Berichterstatter zwischen Demonstranten mit Transparenten (oder Steinen und Flaschen) und Wasserwerfern samt Hundertschaften bewegt und verhält. Mit seiner Handykamera bietet der Journalist seinen Zuschauern besondere Perspektiven, die TV-Kameras nicht einnehmen können und so manch anderer Journalist vielleicht gar nicht einnehmen will.

Dabei konzentriert er sich erst einmal auf das, um was sich jeder gute Journalist erst eimal können sollte: Er beschreibt, was er sieht und erklärt, was er erklären kann. So ordnet Kaul ein, wann und warum Wasserwerfer zum Einsatz kommen und in welcher Härte die Polizei ihre Mittel einsetzt, um Straßen oder Plätze zu räumen. Dabei versucht er zu erklären, weshalb dabei manchmal Maßnahmen ergriffen werden, obwohl die Lage keine aggressive oder bedrohliche scheint. Auch wenn eine Strategie nicht sofort ersichtlich ist – wie einige Maßnahmen zwischen Schanzenviertel und Eimsbüttel in der Nacht zu Freitag –, spricht Kaul das an. Immer wieder sucht er zur Einordnung auch Vergleiche zu anderen Demonstrationen wie beispielsweise den Straßenschlachten in Rostock während des G8-Treffens 2007 in Heiligendamm. Aus seiner eigenen Subjektivität heraus vermittelt der Reporter den Eindruck einer Objektivität.

Das gelingt ihm deshalb, weil Kaul nicht dramatisiert oder skandalisiert. Bis Freitagmorgen war die Lage in der Hansestadt noch vergleichsweise ruhig. Wenn eine Mülltonne brannte, brannte eben eine Mülltonne. Der Journalist blieb nicht minutenlang davor stehen, um eine Situation dadurch zu dramatisieren, die so extrem vielleicht gar nicht war. Wenn Flaschen flogen, erklärte er, ob es eine Glas- oder Plastikflasche war. Wenn Polizisten Demonstranten einkesseln und verhaften, begleitete er – auch wenn es zehn Minuten dauert – die Einsatzkräfte bis zu ihren Fahrzeugen. Dabei schreckte er nicht davor zurück, sie oder die Festgenommenen anzusprechen, wenn die Situation es erlaubte.

„Objektivität ist ein unrealistisches Ideal der Philosophie“: taz-Reporter Kaul über seinen G20-Livestream

Sollte der 35-Jährige, der vor seiner Arbeit bei der taz für Spiegel Online, der Financial Times und die dpa berichtet hat, mit einer Seite oder einem Lager persönlich sympathisieren, dann behält er es ziemlich gut für sich. Er benennt Gefahren und zeigt, dass vor allem er als Journalist ebenfalls von allen Seiten mit Gewalt gegen ihn gerechnet werden muss. Denn es gibt Situationen, in denen wollen weder vermummte Demonstranten noch Polizisten von Journalisten beobachtet werden.

Kaul gelingt es mit Situationsgespür und Erfahrung, das Geschehen mit seiner Kamera zu umkurven, ohne von den Ereignissen um ihn herum aufgesogen zu werden. Seine fast pausenlosen Kommentare wirken bisweilen beinahe wie die Beschreibungen eines Videospielers, der sich durch eine heikle Game-Situation bewegt und Außenstehenden die für sie fremde Welt erklärt. Nur dass hier alles real ist und immer wieder auch erschreckend brutal.

Es ist bemerkenswert, wie schnell und vorbildlich Kaul die Form des Social Video verstanden hat. Sich selbst beschreibt er immer wieder als „basisdemokratischsten Livestream-Reporter der Minute“, was bedeutet: Er lässt sich von seinen Zuschauern leiten, besucht Orte, die sie interessieren und greift dabei auf ihre Hilfe zurück – beispielsweise wenn der Berliner die Orientierung verloren hat. Spontan organisiert er zudem kleine Interviews mit Aktivisten oder Journalistenkollegen. Wenn er selbst fragen hat, lässt er die Nutzer für sich im Web recherchieren, bei ungenauen Einschätzungen lässt er sich korrigieren – eine vorbildliche Symbiose, bei der Kaul die Kontrolle behält.

Aber sehen Sie selbst:

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Alle Kommentare

  1. Grandiose 3.800 Live-Zuschauer bei taz-Periscope inclusive Zuschauer wie Böhmermann bis Dieckmann? Die 734.870 Aufrufe des Neun- (!) Stündigen Live-Streamings von Putins „RT Deutsch“ nicht gesehen? Überhaupt dominiert bei Youtube alles, was *nicht* (!) primär mit den Qualitätsmedien der Kulturelite in Deutschland zu tun hat: Einsatzfahrten Leipzig (624.706 Aufrufe), Alman360 (616.918 Aufrufe), EmergencyHamburg (342.019 Aufrufe), Blaulichtreport24 291.132 Aufrufe und Ruptly, Ruptly, Ruptly. Sieht so aus, als ob Russland nach den Präsidentschaftswahlen in den USA jetzt mit seiner ungefilterten Realität die Bundestagswahlen in Angriff nimmt? Zumindest haben Blechschmidt, Beuth, Schneider und van Aken das Unternehmen in trockene Tücher gewicket, das Kanzlerin Merkel im Jahr 2015 in Angriff genommen hat: Den Einzug der Alternative für Deutschland in den Bundestag.

  2. Okay, da streamt sich also einer live via Periscope zum Leitmedium der Krawallnacht. Und macht sich doch nur zu Merkels Wahlkampf-Deppen.

    Denn ihr Kalkül ging so: Hamburg als Veranstaltungsort garantiert für Krawalle durch die üblichen Verdächtigen. Die findet jeder scheisse und fragt, wie sowas möglich sein konnte. Und landet zwangsläufig bei der Betrachtung, dass Hamburg nun mal von Scholz-o-mat regiert wird, dem zweitgrößten SPD-Hoffnungsträger ever. Und an ihm persönlich bleibt, wenige Wochen vor der Wahl, die Sache kleben, und die Supergerechtigkeitspartei des rheinischen St. Martin (bitte immer mit dem Zusatz: „aus Würselen”) verliert weiter an Boden, während die Kanzlerin empört tut und wissen lässt, so wie in Hamburg gehe es natürlich nicht, sie und ihre Gäste könnten dort ja noch nicht mal unbeschwert Beethovens Neunter lauschen.

    Got it? Die Livestreamerei via Periscope oder sonstvia tut Merkel nur den Gefallen, billige Empörung zu erzeugen, von der sie politisch profitiert.

    Eine Spur der Verwüstung in Hamburg? In der Elphi saßen Leute, die in Syrien Krankenhäuser bombardieren ließen!

  3. Verschwörungstheorien und zukünftig dann Hatenews, ….von wegen Behörden drosseln das Internet um taz Reporter beim livestreamen zu behindern.

    Zumindest dürfte der Reporter sich in seiner subjektiv-objektiven Art glaubwürdig die Füße wund gelaufen habe, wenn er der breiten Schneise der Zerstörung durch Hamburg gefolgt wäre, die seine politischen Spießgenossen hinterlassen haben.
    Aber so genau will es ein taz Reporter sicher nicht wissen, sonst wäre er nicht bei der taz.

    1. Bisschen mit nem Jammer rumcybern;)
      Aber wahrscheinlicher ist, dass das Mobilfunknetz überlastet war.
      Naja, Internet und vorallem dessen performanter Anschluss ist halt noch #Neuland…
      Was wir können sind Wasserwerfer, Schlagstöcke, Rüstungsgüter….

    2. Dazu benötigt man nur einen Jammer, kann man sich auch privat besorgen ist aber glaube ich illegal…

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