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„Mich stört, wie sich unsere Branche permanent selbst massakriert“: Focus-Chef Robert Schneider im ersten großen Interview

Focus-Chefredakteur Robert Schneider
Focus-Chefredakteur Robert Schneider

Umzug von München nach Berlin, Schließungen der Außenbüros, erneuter Stellenabbau: Robert Schneider hat in seinem ersten Jahr als Chefredakteur des Focus viele unangenehme Entscheidungen umsetzen müssen – parallel zur schwierigen Aufgabe, die Auflage des Magazins zu stabilisieren. Im ersten großen Interview erklärt der 41-Jährige unter anderem, wie sich das Heft unter seiner Führung entwickeln soll, wie er Relevanz definiert und das oft kritisierte Schwesterportal Focus Online sieht.

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Herr Schneider, in den vergangenen Wochen hat der Focus seinen Lesern erklärt, wie sie gesund joggen, sie konnten einen Burn-Out-Test machen oder lernen, wie man richtig Urlaub macht. Und das in einer Zeit, in der Donald Trump die gesamte Weltordnung auf den Kopf stellt oder über die Zukunft Großbritanniens und damit über die Zukunft Europas diskutiert wird. Wieso ist Ihnen das selten einen Titel wert?
Focus ist nah an der Lebenswirklichkeit seiner Leser, und deshalb dominieren auf dem Titel Themen, die die Konsumenten in ihrem Alltag weiterbringen. Unsere Leser erwarten, dass wir ihnen in einer immer komplexer werdenden Welt konkrete Lösungen für ihr eigenes Leben anbieten. Stories zu Trump, dem Brexit oder der Zukunft Europas finden Sie in unserem Politik- und Wirtschaftsteil, und sie werden auf dem Titel häufig angerissen oder zum Titel gemacht. Der Focus kam vor 25 Jahren als zweites deutsches Nachrichtenmagazin neben dem Spiegel auf den Markt und setzte auf eine komplett andere Ansprache. So wie beim Spiegel das politische Cover gelernt ist, ist es beim Focus der Nutzwerttitel, der regelmäßig erfolgreich ist. An dieser Tradition halten wir fest.

Was heißt für Sie gelernt; dass Sie keine politischen Titel können?
Wir haben regelmäßig große politische Titelgeschichten. Denken Sie zum Beispiel an die Geschichte über Martin Schulz, da haben wir mitten in der größten Schulz-Euphorie als Erste einen Kontrapunkt gesetzt und mit der Zeile „Der Scheinheilige“ getitelt. Trump war in den letzten Wochen übrigens zweimal auf dem Cover und zum Tode Helmut Kohls waren wir als erstes Nachrichtenmagazin mit einem neuen Titel und 30 Sonderseiten im Handel. Trotzdem: Gut gemachte Nutzwert-Titel sind aus Sicht unserer Leser Kernkompetenz des Focus. Strecken, die unseren Lesern konkrete Optionen für die Lösung ihrer Probleme aufzeigen, verursachen in Recherche und Produktion einen großen Aufwand. Diese Mühe macht sich sonst kaum ein Magazin, und das wissen unsere Leser zu schätzen.

In diesem Jahr waren es bislang nur fünf bis sechs, der stern hatte ein paar mehr, der Spiegel doppelt so viele.
Man kann auch sagen, ‘nur’ doppelt so viele. Denn der Spiegel hat heute deutlich mehr Nutzwertthemen als jemals zuvor. Es ist generell interessant, in welcher Themenspirale sich alle drei Magazine mittlerweile befinden. In der einen Woche erscheinen wir mit einem Titel über das E-Bike, wenige Tage später liegt der Stern mit der gleichen Geschichte am Kiosk. Dann bringt der Stern einen Titel zum Thema klüger essen, danach kommt der Spiegel mit der Formel für ein gesundes Leben. Das sind eigentlich klassische Focus-Titel, mit denen jetzt drei Magazine regelmäßig am Kiosk liegen. Zeigt auch: Bei allen verkaufen sich Nutzwertthemen deutlich besser.

Dann bleibt die Frage: Wie reagieren Sie darauf?
Jede Zeit hat ihre eigene Erzählform, ihre eigene Sprache. Wir reagieren, indem wir uns permanent hinterfragen und weiterentwickeln. Beim Focus haben wir in den vergangenen Monaten vieles umgestellt. Wir sind optischer geworden oder haben eine zweite Info-Ebene herausgearbeitet, die modernes Wissen vermittelt. Unsere Bildsprache ist deutlich frischer als zuvor. Für eher gelernte Themen, wie zum Beispiel die Titelgeschichte „Patient Knie“, gilt es, die Schwerpunkte, Details und neuen Entwicklungen noch genauer herauszuarbeiten und mit einem eigenen Ansatz anzugehen. Denn all die Alltags-Themen kehren wieder: Für ihre Gesundheit, den Urlaub, oder für ihre Fitness interessieren sich die Menschen immer.

Das sind Änderungen im Inneren des Heftes, die der Leser, wenn er am Kiosk-Regal vor drei Nachrichtenmagazinen steht, nicht direkt erkennt. Die Frage ist: Wie heben Sie sich ab, damit der Leser zum Focus und nicht zum Spiegel greift.
Da überzeugen nur zwei ganz einfache Argumente: Foto und Zeile. Wenn es um die Kaufentscheidung am Regal geht, geht es darum, das Leserinteresse möglichst genau zu treffen – und dafür nutzen wir auch die Marktforschung. Aber natürlich geht dabei auch mal was daneben.

Wie der Titel die “40 unter 40”. Der hat gar nicht funktioniert.
Das ist leider so. Ich finde das Thema nach wie vor spannend. Zumal das Stilmittel des Listings ein schönes und eigentlich ein erfolgreiches ist.

„Exklusive Nachrichten werden grundsätzlich weniger als mehr“

Hat es nicht geklappt, weil der Titel auf eine deutlich jüngere Zielgruppe zugeschnitten war?
Das kann man so sehen. Ich glaube aber, dass der wahre Grund das wenig verständliche Cover mit der Sgt.-Pepper-Optik war. Diese Beatles-Welt hat Verwirrung gestiftet, der Leser hat nicht wissen können, was ihn da eigentlich erwartet. Bei 52 Ausgaben gibt es halt auch mal einen Titel, der sich am wenigsten verkauft und durchfällt.

Am Kiosk überzeugen Medizin-Geschichten rund um das Knie oder E-Bikes. In Ihren Image-Kampagnen versucht der Verlag den Focus aber als Polit- bzw. Wirtschaftsmagazin zu positionieren. Da werden dann die Bundeskanzlerin oder Visionäre wie Elon Musk gezeigt. Erkennen Sie eine Schizophrenie?
Nein, die erkenne ich nicht. Denn die Kampagne zeigt ja Seiten aus dem Heft. Wahrhaftiger geht’s doch gar nicht. Was sie als Schizophrenie bezeichnen, ist die Dramaturgie, die ein Heft braucht. Es geht um thematische Vielfalt und unterschiedliche Erzählweisen. Der Mensch steht dabei immer im Mittelpunkt der Geschichte, denn ohne Menschen keine Fakten, keine Nachrichten.

Im Begriff des Nachrichtenmagazins schwingt quasi die Verpflichtung zur Nachricht, zu neuen und am besten auch exklusiven Geschichten mit. Beim stern fällt mir aus jüngerer Vergangenheit direkt der Rücktritt Sigmar Gabriels ein. Der Spiegel hatte Football Leaks oder erst am Wochenende den Diesel-Skandal um Porsche erweitert. Wo bleibt der Focus?
Bei Gabriel oder Football Leaks sprechen wir über zwei echte Scoops. Nachrichten wie diese gibt es generell nicht häufig. Exklusive Nachrichten werden grundsätzlich weniger als mehr – und vor allem bleiben sie nicht lange exklusiv. Der Focus hat in jüngerer Zeit die Geschichte rund um Helmut Schmidt und das Wehrmachts-Foto angestoßen. Das war am Tag darauf Schlagzeile in der Bild, ebenso in der Welt am Sonntag. Sie erinnern sich beim Focus an Hoeneß oder die Geschichte über Gurlitt und seine Nazi-Kunst.

„Die nackte Nachricht, das Ereignis an sich, kann heute nicht mehr Kern des Magazins sein“

Hat sich der Begriff des Nachrichtenmagazins überholt?
Nein. Aber er hat sich verändert. Die nackte Nachricht, das Ereignis an sich, kann heute nicht mehr Kern des Magazins sein – sie ist zu flüchtig im digitalen Newsroom unserer Zeit. Die heutige Rolle des Nachrichtenmagazins ist die Recherche in die Tiefe, wir müssen die Hintergründe liefern und erklären. Nicht zuletzt deshalb haben nicht nur wir unseren Erscheinungstag auf den Samstag umgelegt. Wir liegen dann bereit, wenn der Leser am Wochenende Zeit hat, sich in Ruhe mit den Themen der Woche zu beschäftigen. Meine Priorität ist nicht die erste Agenturmeldung oder in einem Zitate-Ranking möglichst weit vorne erwähnt zu werden.

Unabhängig vom Ranking ist es doch für den Ruf eines Magazins wichtig woanders zitiert zu werden. Auch wenn es eitel klingt, geht es doch um die allgemeine Wahrnehmung und damit irgendwo auch um Relevanz. Hat diese beim Focus nachgelassen?
Focus hat überhaupt nicht an Relevanz verloren, sondern erfüllt – angesichts der medialen Beschleunigung und Informationsflut – ein anderes Bedürfnis. Wir erläutern, ordnen ein, liefern Hintergründe. Relevanz ist ja auch eine Frage der Definition. Wenn Sie viel zitiert werden, weil Sie den ganzen Tag lang den Bundestag nach exklusiven Stimmen oder Forderungen abtelefoniert haben, können sie sich vielleicht über das quantitative Ergebnis freuen. Qualitativ sagt das aber gar nichts aus. Relevant sind Sie aus meiner Sicht, wenn Sie die richtigen Leute im Blatt haben und den Lesern durch besondere, noch nicht gelesene Geschichten einen möglichst großen Mehrwert bieten.

Lassen Sie mich raten…
Nehmen wir mal die Kultur: Auch wenn meine Leser Künstler wie Drake noch nicht kennen, sind Künstler wie er nun mal diejenigen, die heute einen Stellenwert wie Michael Jackson damals haben. Solche Stars haben die meisten Fans in den sozialen Netzwerken oder haufenweise Grammys in der Tasche. Wenn diese Leute im Focus stehen, lernt der Leser etwas Neues. Kulturelle, politische und soziologische Strömungen früh zu erkennen und im Blatt zu haben, ist für mich als Relevanzkriterium ebenso wichtig und ist Aufgabe eines Nachrichtenmagazins beziehungsweise Hintergrund- und Zeitgeistmagazins.

Es hat in den vergangenen Wochen geheißen, dass ihr Zeitschriften-Vorstand Philipp Welte das Blatt als zu düster und als politisch zu schwer bezeichnet haben.
Das ist totaler Quatsch. Natürlich bin ich mit Philipp Welte in einem intensiven und regen Austausch, den ich schätze und als inspirierend empfinde. Wir treffen uns zirka einmal im Monat hier in Berlin oder in München. Über die Inhalte des Blattes entscheiden wir in der Redaktion.

Für den Focus sind zwei weitere Persönlichkeiten von großer Bedeutung: Helmut Markwort als Gründungschefredakteur und ehemalige Herausgeber und Verleger Hubert Burda. Wie ist Ihr Kontakt zu beiden?
Selbstverständlich ist der gut, mit dem Verleger spreche ich regelmäßig. Das gleiche gilt für Helmut Markwort.

Wie sprechen Sie mit Helmut Markwort, der seine Herausgeberrolle mit dem Jahreswechsel aufgegeben hat, über die Entwicklung des Focus?
Mir war wichtig, dass Helmut Markwort seine Kolumne weiterhin schreibt. Sein Tagebuch genießt große Aufmerksamkeit. Er ist der Gründervater des Magazins.

Wie weit reicht der Einfluss von Helmut Markwort noch, wo gibt er Ihnen Tipps und wie oft sagt er, dass Sie eine Geschichte mal lieber nicht oder eben mal lieber doch hätten machen sollen?
Seine Meinung ist mir viel wert, deshalb sprechen wir ja regelmäßig. Der Umgang ist fair und respektvoll, wenn er eine Story hat, ruft er an. Er greift aber nicht ins Blattmachen ein.

„Ich mache mir keine Gedanken übers Scheitern“

Bei Ihrer Antrittsrede sollen Sie gesagt haben, dass Sie sich selbst nicht als politischen Journalisten verstehen.
Das ist natürlich Unsinn.

Dann bin ich auf Ihre Version gespannt.
Ich habe tatsächlich gesagt, dass es heute nicht mehr reicht, ein guter politischer Journalist zu sein, um ein Magazin wie Focus zu führen. Als Chefredakteur muss man alles drauf haben. Weil es am Ende doch immer darum geht, ob Sie ein Blatt mit vielen spannenden Facetten machen können oder nicht. Beim Focus heißen die Facetten, Politik und Wirtschaft, Wissen und Forschung, Kultur und Lifestyle. Und im Übrigen gehörte Politik bei allem, was ich bisher gemacht habe, zum Kern des Geschäfts.

Nichtsdestotrotz war Ihre Personalie eine Überraschung – wie erklären Sie sich Ihre Berufung?
Der Focus ist nicht nur das jüngste Nachrichtenmagazin in der deutschen Pressegeschichte, sondern hat von Anfang an jüngere Zielgruppen erreicht. Wenn Sie Menschen zwischen 40 und 50 Jahren ansprechen wollen, brauchen Sie einen Chefredakteur, der ebenso alt ist und die Lebenswelt dieser Generation fühlt und lebt.

Umzug von München nach Berlin, immer wieder Stellenabbau. Sie sind in für das Magazin turbulenten Zeiten als vierter Chefredakteur in nur sechs Jahren angetreten. Wie groß war die Sorge, dass Ihre Karriere beim Focus ebenfalls von nur kurzer Dauer sein könnte?
Ich mache mir keine Gedanken übers Scheitern, sondern schaue positiv in die Zukunft, für die wir neue Voraussetzungen geschaffen haben. Dazu gehört der gerade abgeschlossene Umzug von München nach Berlin. Wir arbeiten  hier nicht mehr in Einzelbüros, sondern als Team und wir konnten viele gute und junge Leute für Focus gewinnen. Dazu gehören mein Stellvertreter Jörg Rohleder von Interview, Thilo Mischke vom Stern oder Frédéric Schwilden, der vorher bei der Welt geschrieben hat, und meiner Meinung nach einer der besten jungen Feuilletonisten in Deutschland ist. Für Politik und Wirtschaft haben wir mit Jan Wolf Schäfer einen erfahrenen Journalisten gewinnen können. Es war erste Priorität, den Focus trotz des wirtschaftlichen Drucks mit den Schließungen unserer Büros in München und Düsseldorf sowie den freiwilligen Abfindungsangeboten in Berlin zu verstärken.

Redaktion verstärken trotz Stellenabbau – Sie hören da sicher ebenfalls einen Widerspruch.
Es gab und gibt einige Dinge, die wir trotz eines Stellenabbaus verbessern beziehungsweise verstärken können. Dazu gehört es, sich redaktionell zu verjüngen, die Bild- und Textsprache zu überarbeiten, auch die Titelseite, über die wir schon gesprochen haben. Dass wir die Redaktionsbüros in München und Düsseldorf geschlossen haben, war hart und schmerzhaft. Aber nun sitzt die ganze Redaktion vereint im Herzen der Hauptstadt, wo das Heft gedacht, geschrieben und gestaltet wird. Jeder ist am Produktionsprozess der Zeitschrift beteiligt, den ich vom ersten Tag an umgestellt habe. Wir reißen jede Geschichte gemeinsam mit Schreiber, Grafiker, Fotoredakteur, Art Director und Chefredaktion auf, jeder erlebt jeden mit all seinen Stärken und Schwächen und kämpft um die beste Zeile, das beste Foto, die Storyline. Ich möchte, dass alle Kollegen das erleben und wir gemeinsam am Balken sitzen wie an einem Lagerfeuer. Und an dem sitze ich lieber als in meinem Büro. Das war für die Außenbüros schwierig, die oft nur über Skype oder Telefon zugeschalten waren. Aber es gibt keine transparentere und aus meiner Sicht auch keine bessere Arbeitsweise.

„Wir reißen jede Geschichte gemeinsam auf“: Robert Schneider setzt auf Teamwork

Auf wie viele Redakteure greifen Sie nach Abschluss der Maßnahmen noch zurück?
Das freiwillige Abfindungsangebot wurde von etwa 15 Leuten angenommen, die Schließungen in München und Düsseldorf betreffen neun Mitarbeiter. Wir sind dann noch etwa 75 Kollegen.

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Sie haben eben davon gesprochen, den Focus zum Zeitgeist-Magazin zu machen. Die Süddeutsche Zeitung stellte die Frage, ob der Focus zu einem Magazin für Hipster und schwäbische Mittelständler werden wolle. Wie reagieren Sie auf so etwas?
Ich sehe das nicht als Tadel. Ich sehe das als Kompliment. Wenn wir eine Bandbreite vom Hipster bis zum Mittelständler haben, dann hat die Kollegin der Süddeutschen das eigentlich ganz gut wiedergegeben. Ich finde dieses Schubladendenken ehrlich gesagt sehr altmodisch – das bin ich nicht, und das ist auch der Focus nicht.

In einer Podiumsrunde, in der Sie im vergangenen Jahr ebenfalls saßen, warnte Bild-Chefredakteurin Tanit Koch vor der Konzentration der Medien in Berlin – viele Verlage und Redaktionen konzentrieren sich mittlerweile auf die Hauptstadt. Sie würden aus ihren “Elfenbeintürmen” heraus den Draht in die Regionen Deutschlands und ihren Menschen verlieren. Ich fand das plausibel. Inwiefern trifft das auf den Focus zu?
Gar nicht.

Aber Ihre Standorte machen Sie ja zu.
Wir kommen aus einem Konzern, der schon immer die Philosophie hatte, dass es in Deutschland mehr Offenburgs, Bielefelds und Kassels als Berlins gibt. Ich komme selbst vom Land, meine Eltern wohnen südlich von Leipzig. Obwohl ich seit 1998 in Berlin wohne, wird es mir nicht passieren, dass ich den Kontakt zur Provinz verliere. Helmut Kohl sagte mal, es gibt keine Provinz, es gibt nur Heimat. So fühle ich es auch.

Sie glauben vielleicht, den Kontakt zur Provinz nicht zu verlieren. Bei Ihren Reportern sieht es vielleicht anders aus.
Ich schließe das aus, weil diese Maxime von Hubert Burda, bei den Leuten zu bleiben und ihnen zuzuhören, in der DNA eines jeden Reporters hier steckt. Wir vermeiden es auch, dass beispielsweise ein Politik-Reporter die immer gleiche Partei betreut, damit er kein Groupie wird oder sich von irgendwelchen Strömungen beeinflussen lässt.

Mit Verlaub: Besonders im Kultur-Teil scheint sich Ihre Redaktion deutlich auf Berlin zu konzentrieren.
Auch in der Kultur konzentrieren wir uns nicht nur auf Berlin, wir berichten über die documenta in Kassel genauso groß wie über die Art Basel oder die Elbphilharmonie. Doch es stimmt: Es steckt viel Berlin im Focus. Kulturell ist die Hauptstadt zwar nicht der Nabel der Welt, aber derzeit die aufregendste Stadt in Deutschland, was Sie auch an den Touristenzahlen oder Zweitwohnsitze von Stuttgartern oder Münchnern sehen.

Auf demselben Podium sind Sie und Jörg Quoos, einer Ihrer Vorgänger und heute Leiter der Funke Zentralredaktion in Berlin, von Zeit-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo für eine “Selbstbeweihräucherung” kritisiert worden. Sie hatten erklärt, dass die Qualität des Journalismus trotz der harten Einschnitte in den vergangenen Jahren so “so hoch” sei wie “niemals zuvor”. Sie hatten keine Gelegenheit, zu erklären, wie Sie zu so einer Annahme kommen.
Ich glaube, dass die Journalisten im Einzelnen heute besser sind als in den Jahrzehnten zuvor. Der immer größer werdende Druck sorgt auch für mehr Exzellenz. Die Konkurrenz unter den Journalisten wie auch unter den Medien wächst, deswegen sind sie heute viel breiter aufgestellt – damit meine ich thematische, technische und handwerkliche Fähigkeiten. Der Nachwuchs ist aufmerksam und schnell, was nicht bedeutet, dass er weniger gründlich ist. Wir haben bei Focus großartige Journalisten mit jahrelanger Erfahrung und wir haben neue, junge Talente, die ihre Geschichten anders angehen und für sie auch Kanäle wie Periscope nutzen. Trotz der Jahre, in denen es finanziell immer dünner geworden ist, gibt es noch immer viele Publikationen, die gut und spannend gemacht sind. Auch oder vor allem durch die digitalen Medien!

Das dürfen Sie gerne ausführen.
Das hat mit der Tiefe und mit neuen Ansätzen zu tun, die Print-Medien finden müssen, weil ihnen die Nachrichten abgenommen worden sind. Durch die viel größere Fülle an Informationen, die über das Netz gewonnen werden, wird auch die Auswahl an Geschichten größer. Hinzu kommt: Es gibt trotz des wirtschaftlichen Drucks in der Branche unzählige Journalisten, auf die Sie als Chefredakteur zurückgreifen können. Es gibt nichts Schöneres, als daraus ein Medium zu machen.

Schöner wäre es sicher, die Journalisten in Lohn und Arbeit zu halten? Ulrich Reitz war es, der für den Focus bereits ausgerufen hatte, ein Netzwerk mit freien Autoren aufzubauen. Ist das die Zukunft, wie Magazine entstehen?
Ein Netzwerk an freien Autoren ist unverzichtbar. Stichwort Schwarmintelligenz. Wir erweitern durch unser großes Netzwerk den Horizont möglicher Kompetenzen und Fachrichtungen und können für jedes Thema den besten Experten heranziehen. Das ist unsere Chance, das Heft noch zupackender, aufregender und unverwechselbarer zu machen. All das funktioniert aber nur, weil wir einen exzellenten Stamm an festen Redakteuren haben, die die DNA  der Marke bewahren. Auf diese Mannschaft bin ich sehr stolz.

Mehr freie, weniger angestellte Journalisten – das ist doch eine traurige Entwicklung.
Möglicherweise, aber Sie können heute kein Magazin mehr machen wie in den 90er Jahren. Vom wirtschaftlichen Druck sind alle Medien gleichermaßen betroffen und es gibt für einen Verlag nur wenige Stellschrauben, an denen er drehen kann. Das Personal ist nun einmal der Faktor, der Geschichten teuer macht. Das ist leider so und schmerzt mich im Übrigen auch sehr. Ich bin im Alter von 41 Jahren vergleichsweise jung, habe aber auch schon 24 Berufsjahre hinter mir. Dass die Entwicklung so gravierend ist, habe ich am Anfang meiner Karriere auch nicht gedacht.

Eine traurige Entwicklung auch für die DNA einer Marke.
Das fordert die Kernmannschaft, also auch mich, dafür zu sorgen, dass das Magazin funktioniert, und wir die Chancen für uns nutzen. So einfach ist das. Und ich bin sicher, dass wir einen zukunftsfähigen Weg gefunden haben. Das finde ich alles andere als traurig.

„Mich stört, wie sich unsere Branche permanent selbst massakriert und schlecht redet“

Wichtiges Branchenthema ist die Rolle eines Magazins in der Digitalisierung. Im Heft greifen Sie die digitale Entwicklung in Wirtschaft und Publizistik regelmäßig auf. Wie aber digitalisieren Sie Ihr eigenes Heft – vor allem mit Blick darauf, dass Focus und Focus Online über alle Ebenen hinweg getrennte Leben führen.
Das Magazin hat eine ganz andere Funktion als Focus Online. Ich freue mich, dass die Marke Focus die Bedürfnisse der Leser kennt und stillt: Die schnelle News erhalten sie über Focus Online, die Hintergründe bietet Focus Magazin.

Trotz der Trennung teilen Sie sich eine Medienmarke. Focus Online zählt durchaus zu den umstritteneren Online-Portalen in der deutschen Medienszene und wird aktuell vor allem von Bild und Axel Springer hart attackiert. Fürchten Sie einen negativen Einfluss für die Marke Focus insgesamt?
Ich sehe das Ganze erst einmal aus der positiven Warte und freue mich über jeden Leser, der durch den Kontakt mit Focus die Information findet, die er braucht.

Die Debatte, die rund um Focus Online kann Sie ja schlecht vor Freunde in die Luft springen lassen.
Meine Aufgabe ist das Magazin. Wie Sie aber sicher mitbekommen haben, sieht Focus Online die Klage als unbegründet an und hat beantragt, sie abzuweisen

Sie fürchten also nicht, dass wenn ein großer Medienkonzern wie Axel Springer Focus Online als Abschreib-Medium kritisiert, genau dieser Vorwurf auch auf Ihr Magazin zurückfallen könnte?
Nein. Es handelt sich um einen noch nicht entschiedenen Rechtsstreit, in dem Focus Online und Bild Plus unterschiedliche Ansichten vertreten. Mit dem Magazin hat das wenig zu tun. Wir haben uns eine Lesergemeinde erarbeitet, die auch die unterschiedlichen Vorteile der beiden Focus-Produkte erkennt.

Auch Ihre Leser sterben weg.
So eine Art von Pessimismus liegt mir nicht. Ich bin sicher, dass sich gut gemachter Journalismus immer durchsetzen wird. Erst recht in Zeiten von Fake News. Umso optimistischer blicke ich auf die Zukunft von Focus.

Der Focus steht in einem ganz anderen Wettbewerb als Ihre bisherigen Arbeitgeber wie die BamS oder auch SuperIllu und Guter Rat.
Stimmt, Zeitungen verlieren mehr als Zeitschriften. Sehen Sie sich alleine die Analysen der Auflagen an. In der letzten IVW-Analyse von MEEDIA wurde getitelt, die Kiosk-Zeitschriften verloren im Schnitt 7,5 Prozent, Tageszeitungen mehr als 10 Prozent. Dann schaue ich auf den Focus, der bei einem Verlust von nur 1,2 Prozent lag.

Focus woe

Und genau so geben wir die Entwicklung wieder.
Im zweiten Quartal liegen wir Stand jetzt bei Index 100. Trotz einer Preiserhöhung von 30 Prozent ist das völlig okay und über Branchenschnitt. Trotzdem lesen wir fast jede Woche, von “floppenden” Titeln oder einem Kiosk-”Desaster”. Das ist eine gewaltige Wortwahl. Sie verstehen sicher, dass wir mit dieser übertriebenen Darstellung Schwierigkeiten haben.

Ich höre, was Sie sagen und denke, Sie spielen damit auf den wöchentlichen Cover-Check an, in dem wir Analysen auf Basis der Einzelverkäufe, der harten Währung im Magazin-Geschäft, erstellen. Sie können sich über die Wortwahl ärgern, aber am Ende ist es doch so, dass sich der Focus im Einzelverkauf irgendwo bei 50.000 bis 65.000 einpendelt. Verkaufserfolge, die an die 100.000 Exemplare heranreichen, gibt es zwar noch, aber sie sind keine Regel. Die erwähnen wir aber genauso wie Flops, die Sie eben auch erleben. Also wo liegen wir verkehrt?
Es gibt eine Volatilität, die ich mir als Blattmacher selbst manchmal nicht erklären kann. Wieso funktioniert zum Beispiel die Urlaubsthematik im Stern so gut, bei uns aber nicht? Dafür feiern wir mit der Knie-Titelgeschichte wieder einen Kioskerfolg. Aber unabhängig davon: Mich stört, wie sich unsere Branche permanent selbst massakriert und schlecht redet.

Kommen wir lieber zurück zur Digitalisierung und Innovationen. Der Spiegel hat kürzlich mit Daily eine Art digitale Tageszeitung gestartet. Die Planung war lange bekannt, trotzdem hat kein Konkurrent mit etwas Ähnlichem reagiert. Weil es für Sie so gar kein Thema ist?
Es gibt in unserem Haus einfach eine komplett andere Strategie. Hubert Burda Media ist ja ein Konzern und hat mit Burda Forward eine innovative Digital-Tochter, die ihre eigenen Produkte entwickelt. Für uns hier beim Magazin geht es um die Innovationskraft, die im Print steckt. Der Focus hat mit seinen Line-Extensions bewiesen, dass das Potential für unsere Marke enorm ist. Darüber hinaus sind wir mit der Zahl unserer E-Paper von rund 25.000 im Abo sehr zufrieden. Auch wir konzentrieren uns auf die Weiterentwicklung der Marke im Rahmen von Events, unseren zweiten Focus ‘Inner Circle’ haben wir am 19.06. zum ersten Mal live gestreamt. Was die sozialen Netze angeht, will ich mit dem Heft noch einmal richtig angreifen. Diese Kanäle muss unsere Marke im Interesse der Wahrnehmung sehr viel stärker bespielen.

Ein Focus Daily sehen Sie nicht.
Zu 100 Prozent nein.

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