Von Bildung bis Big Data: Wie Firmenchef York von Heimburg die IDG-Gruppe ausbauen will

Chef von IDG-Deutschland: York von Heimburg
Chef von IDG-Deutschland: York von Heimburg

Es war ein Überraschungs-Coup: Im Frühjahr hat der asiatische Finanz- und Mediendienstleister China Oceonwide die amerikanische Medien- und Marktfortschungsgruppe IDG geschluckt. Im Interview mit MEEDIA erklärt Vorstand York von Heimburg, wie er das Deutschlandgeschäft weiter ausbauen will. Dabei setzt der Manager unter anderem auf das Bildungsgeschäft mit Führungskräften. Denn durch die zunehmende Digitalisierung stünden die Top-Manager von Großkonzernen vor gewaltigen Herausforderungen.

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China Oceanwide, die in Finanzdienstleistungen, Immobilienanlagen, Medien, Technologie und strategische Investitionen tätig ist, hat Anfang des Jahres die International Data Group Inc. einschließlich ihrer Töchter erworben. Herr von Heimburg, Sie sind seit 25 Jahren deutscher Statthalter des Medien- und Marktforschungsunternehmens IDG. Haben Sie sich mit ihren neuen Eigentümern bereits über die Deutschlandstrategie ausgetauscht?
Nein, bislang noch nicht, aber die Übernahme ist ja erst Ende März erfolgt. Außerdem sind die weltweiten CEOs von IDG Publishing und von IDC in Boston natürlich die ersten Ansprechpartner für China Oceanwide.

Von Marketing Services, B2B-Event-Formaten bis Daten-Services tätig – wie wichtig ist der deutsche Markt für den IDG-Konzern?
Nach wie vor ist IDG Deutschland die größte Business-Einheit außerhalb der USA und deshalb für IDG insgesamt sehr wichtig. Als eine der ganz wenigen Ländergesellschaften decken wir auch alle für IDG derzeit relevanten B2B- und B2C-Geschäftsmodelle ab und bieten darüber hinaus sogar noch Dinge an, die es selbst bei IDG Publishing in den USA noch nicht gibt.

Zum deutschsprachigen IDG-Portfolio gehören die B2B- wie auch die B2C-Medienmarken wie die Computerwoche, ChannelPartner, CIO, PC-Welt, Macwelt, TechNuggets und Bizrupt. Ist das Geschäft mit den Medienmarken eine tragende Säule ihres Geschäfts?
Unsere Medienmarken sind ein sehr wichtiger Baustein und oftmals die Basis für alle weiteren Geschäftsmodelle – sei es im Media-, Daten- oder Marketing Services-Business. Unsere Kunden schätzen uns, weil wir die richtigen Experten mit dem relevanten Wissen in den Bereichen IT, TK und Digitalisierung bei uns im Hause haben und diese Themen dann auch sachgerecht und optimal über alle Medienkanäle kommunizieren können. Hinzukommt, dass wir durch unsere umfassende IT- und Digitalisierungs-Entscheider-Daten-Bank exakt wissen, wer unsere User und Leser sind und was sie interessiert. So können wir unseren Kunden zielgerichtet Kommunikation sowie wertvolle Marketing-Services mit einer qualifizierten Reichweite nicht nur über unsere eigenen Medien, sondern auch mittels der spezifischen Medien des exklusiven B2B-Entscheider-Netzwerkes (IDG TechNetwork) anbieten. In vielen Bereichen arbeiten wir hier also seit langem wie eine Agentur, die durch großes Fach-Know-how und hohe Service-Qualität wirksame Kommunikationslösungen konzipiert und alles aus einer Hand realisiert.

Erzielen Sie hier mehr Geld mit den gedruckten Medien oder eher digital?
Bereits über 50 Prozent unseres Umsatzes erwirtschaften wir mittlerweile mit rein digitalen Angeboten und dies mit weiter steigender Tendenz. Unser Print-Umsatz-Anteil beträgt etwa 30 Prozent, der eher weiter zurückgeht. Und der Bereich Events, Live-Communications und Executive Education hat aktuell einen Anteil von rund 20 Prozent und steigt stark.

Wie entwickelt sich hier in diesem Jahr das Vermarktungsgeschäft?
Das Vermarktungsgeschäft unterliegt starken Veränderungen und Schwankungen. Wir haben uns in erster Linie auf die digitale Vermarktung und die damit verbundenen Services fokussiert. In diesem Bereich machen wir mittlerweile 80 Prozent unseres digitalen Umsatzes. Die wichtigsten Umsatzströme sind Marketing-Services, B2B Netzwerkvermarktung (IDG TN), datenbasierte Vermarktungsmodelle, Targeting/Retargeting, Lead-Geschäft, Third Party Business, Programmatic und Mobile.

Haben Sie weitere Marken in der Pipeline?
Wenn Sie reine Medien-Marken meinen, dann eher nicht. Wenn Sie neue Services und Dienstleistungsprodukte für spezifische Zielgruppen und Themen meinen, dann ganz sicher. Aus unseren Kundengesprächen, die wir bei IDG auf allen Ebenen sehr intensiv und konsequent führen, generieren wir unsere neuen Services und crossmediale Dienstleistungen.

Die Digitalisierung verändert Produktion, die Abläufe und die Aufgaben vieler Unternehmen. Während an viele Stellen Arbeitsplätze wegfallen, die automatisiert werden, werden immer stärker IT-Spezialisten benötigt. Sie wollen IDG Deutschland stärker zu einem Bildungsanbieter für Führungskräfte entwickeln. Wo sehen Sie den größten Nachholbedarf im Management?
Gerade die deutsche Industrie ist zurzeit ja besonders stark dabei, die digitale Transformation mit den sich daraus ergebenden neuen Chancen zu meistern. Diese Entwicklung ist für unser Unternehmen national und international eine große Chance. Wir wollen Führungskräfte in der Industrie fit machen für die Welt von Industrie 4.0. Da wir über die Digitalisierung mit all ihren Facetten den ganzen Tag schreiben, verfügen wir über ein sehr großes Wissen und ein spezielles Beratungs-Know-How, das den Unternehmen hilft, die neuen Produkte und Services am Markt zu etablieren. Da war es nur konsequent, dass wir gerade für CIOs, CDOs, IT-Manager oder Manager, die dieses Thema in den vertikalen Bereichen der Unternehmen wie Marketing, Finance oder Produktion treiben, spezifische Bildungsangebote in Zusammenarbeit mit den besten Universitäten anbieten. Das umfasst beispielsweise Elemente wie ergebnis-orientierte „Business-Skills“, prozess-orientierte „Professional Skills“ oder auch reine „Technical Skills“.

Binden Sie dabei Unis ein?
Neben den Universitäten arbeiten wir ebenso eng mit Unternehmen zusammen, die diese spannenden Themen setzen, um alle wichtigen Perspektiven der Marktteilnehmer in die Executive Education Programme zu integrieren. Wie wir beobachtet haben – und es gibt dazu auch bereits einige Untersuchungen – wirkt zudem das Erlebnis des gemeinsamen Lernens von Teilnehmern auf Augenhöhe enorm erfolgsverstärkend, was zu einer über die Veranstaltung hinausgehenden Bindung der Gruppe bis hin zum Aufbau persönlicher Netzwerke führt.

Auch der Gütersloher Medienkonzern Bertelsmann hat das Bildungsgeschäft für sich entdeckt. Er setzt auf Online-Plattformen wie Peoplenet. Darüber stellt der Konzern seinen Mitarbeitern rund 10.000 Online-Schulungen zur Verfügung. Helfen Sie Unternehmen bei dem Aufbau solcher Schulungssysteme?
Wir fokussieren uns jetzt erst einmal auf Präsenz-Bildung. Die Themen, die wir in unseren Executive Education Programmen zu Themen wie Leadership Excellence, Design Thinking, Internet of Things, Cybersecurity, Blochchain, Machine Learning abdecken, sind einfach zu komplex, um sie in dieser Ausführlichkeit allein online abhandeln zu können. In dem einen oder anderen Fall ergänzen wir die Live-Präsenz mit digitalen Elementen. Wir erleben derzeit gerade bei unseren Kunden ein Revival der Live-Kommunikation. Wahrscheinlich als eine Art der Gegenbewegung zur fortschreitende Digitalisierung und Virtualisierung. Führungskräfte wollen sich über die neuen technologischen Herausforderungen persönlich austauschen und die Reaktion direkt Face-to-Face erleben. So können sie besser beurteilen, welchen Nutzen sie persönlich und ihr Unternehmen aus diesem Bildungsprogramm ziehen können.

Schulungsmaßnahmen sind kosten- und zeitaufwändig. Vor allem kleineren Unternehmen und Mittelständlern fehlt hier das Kapital. Sind hier Großkonzerne im Vorteil?
Nein, auf keinen Fall. Wir konzipieren diese Programme sowohl für IT- und Digitalisierungs-Führungskräfte als auch für Groß- und für mittelständische Unternehmen. Wir finanzieren unsere Programme zweigleisig: zum einen aus den Teilnehmergebühren, die die Unternehmen in der Regel aus dem Fortbildungs-Budgets nehmen, und zum anderen über Partner- und Förderkonzepte. Aus diesen Partnerschaften ergeben sich häufig weitere Dienstleistungen für unsere Kunden. Mit einem großen internationalen Unternehmen gehen wir in diesem Bereich schon in das sechste Jahr der engen Zusammenarbeit.

IDG hilft Unternehmen mittels Datenanalyse dabei, mehr über die Kaufabsichten ihrer Kunden zu erfahren. Mitte Mai nächsten Jahres werden auf EU-Ebene neue Datenschutzbestimmungen erlassen – darunter die E-Privacy-Regelung. Wird es dadurch für ihre Dienstleistungsgewerbe nicht deutlich schwieriger, die Daten wirkungsvoll zu nutzen?
Nein, weil wir viele Aspekte schon vorweggenommen haben. IDG Deutschland ist laufend dabei, die gesetzlichen Vorgaben umzusetzen und die Prozesse aufgrund unserer Internationalität auch in einem weltweiten Rahmen anzupassen.

Es bereitet vielen Unternehmen große Probleme, die Datenflut zu verarbeiten. Schaffen dies viele Firmen nur noch mit externer Hilfe?
In der Tat ist es erstaunlich, mit welcher Dynamik sich dieses Thema entwickelt. Mittlerweile ist ein Großteil der Unternehmen auf externe Dienstleistungen angewiesen, sei es bei der Generierung von Daten, bei der Anreicherung von Daten oder bei der Auswertung und Interpretation von Daten. Immer mehr Unternehmen entwickeln ihre Datenbanken weiter, um effizient und zielgenau bestehenden Kunden die richtigen Produkte und Services anbieten zu können oder neue relevante Kunden zu finden. Und da ist unsere IT-Entscheider-Datenbank – sei es in lokalen oder in internationalen Märkten – sehr hilfreich. Für uns ist das eines der stärksten Wachstumsfelder.

Big Data ist in aller Munde. Welche Wachstumszahlen verspricht der Geschäftszweig für Ihr Unternehmen?
Derzeit hat das Datengeschäft einen Umsatzanteil von 28 Prozent an unserem Gesamt-Umsatz mit stark steigender Tendenz.

Bei Zeitungs- und Zeitschriften sowie Online-Diensten gilt Native Advertising als der Königsweg, um aus der Dauerkrise im Vermarktungsgeschäft zu kommen und damit als Garant, um Qualitätsjournalismus zu finanzieren. Im Geschäft mit Sonderwerbeformen sind Sie breit aufgestellt. Sehen Sie darin einen Ausweg für die Branche, um journalistische Produkte dauerhaft zu finanzieren
Ja, mit Sicherheit. Wir haben uns schon früh als Marketing-Dienstleistungs-Unternehmen aufgestellt und bieten Services wie Content-Marketing und Content-Distribution über die eigenen Medien oder über Social Media, Brand Publishing (Text/Graphik/Video) oder auch Marktforschung an. Der Nutzen für unsere Kunden liegt in der Verbindung bzw. Vernetzung dieser Services mit den anderen Geschäftsfeldern unseres Medienhauses. Und natürlich ist das ein wichtiger zusätzlicher Weg, damit Medienhäuser wirtschaftlich langfristig existieren können.

IDG Deutschland hat geschäftlich viele Facetten. Sehen Sie weitere Geschäftsfelder, die hinzukommen könnten?
Das sehe ich momentan nicht. Unsere Hauptaufgabe ist zurzeit, die mittlerweile vielen parallel existierenden Geschäftsfelder konsequent an die Kunden zu bringen bzw. zusammen mit den Unternehmen weiter zu entwickeln. Dafür müssen wir im nächsten Geschäftsjahr noch schneller, agiler und leistungsfähiger werden. Wir müssen noch deutlicher machen, dass unser Medienhaus für mehr steht als nur für unsere eigenen Medien.

Wollen Sie durch Akquisitionen bestehende Unternehmensfelder ausbauen?
Mit unserem neuen Gesellschafter werden wir das sicherlich wesentlich stärker verfolgen können, als dies in der Vergangenheit der Fall war. Wir werden uns nach heutigem Stand darauf konzentrieren, Dinge zu kaufen, die dem Unternehmen global helfen, bestehendes Geschäft auszubauen und neue Geschäftsbereiche zu etablieren.

Sie arbeiten seit 25 Jahren für IDG. Bleiben Sie dem Unternehmen auch noch die nächsten Jahrzehnte erhalten?
☺! Naja, ob ich die nächsten 25 Jahre für IDG arbeiten werde, ist schon biologisch eher unwahrscheinlich. Da meine Familie immer schon sehr China affin war und ist – mein Sohn Fabian betreibt seit drei Jahren ein Startup in Shanghai – finde ich es gerade jetzt sehr spannend, bei IDG zu arbeiten. Übrigens: IDG-Gründer Pat McGovern fädelte das erste amerikanisch/chinesische Joint Venture zu Beginn der 80ziger Jahre ein und IDG Partners ist in China der größte internationale Venture-Fund. Mit dieser starken Basis im Rücken gibt es viele Entwicklungen, die wir bei IDG weltweit treiben können: “The best is yet to come!”

Die Fragen wurden schriftlich gestellt.

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