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„Bild-Zeitung der Rächer der Entrechteten oder wie?“: NDR-Frau Anja Reschke findet Bild-Aktion zur Antisemitismus-Doku „frech“

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Arte beziehungsweise der WDR weigern sich, die Dokumentation "Auserwählt und ausgegrenzt" auszustrahlen, die Antisemitismus in Europa und im Nahen Osten dokumentiert – offiziell, weil sich die Produktion nicht an Absprachen gehalten habe. Überraschend hat Bild den Film veröffentlicht und ihn über 24 Stunden lang auf seiner Online-Plattform gezeigt. "Kein Verdienst", urteilt etwa SpOn. "Frech" und "fragwürdig" meint "Zapp"-Moderatorin Anja Reschke. MEEDIA hat Stimmen zur Aktion gesammelt.

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In der Nacht zu Dienstag veröffentlichte Bild die umstrittene Judenhass-Dokumentation, die Arte und WDR seit Wochen unter Verschluss halten, und betrat damit rechtlich unklares Terrain. Immerhin liegen die Rechte für die Erstausstrahlung bei den öffentlich-rechtlichen Anstalten. „Arte hat zur Kenntnis genommen, dass Bild.de die Dokumentation ‚Auserwählt und Ausgegrenzt. Der Hass auf Juden in Europa‘ in eigener Verantwortung online gestellt hat.“, ließ Arte am Dienstag in einer Stellungnahme wissen. „Auch wenn diese Vorgehensweise befremdlich ist, hat Arte keinen Einwand, dass die Öffentlichkeit sich ein eigenes Urteil über den Film bilden kann.“

Die Öffentlichkeit (laut Bild wurde die Doku 200.000 Mal geklickt) im Allgemeinen und Presse im Besonderen haben sich „ein eigenes Urteil“ gebildet – und das fällt nicht ganz so überzeugt aus, wie das von Bild-Chef Julian Reichelt.

So schreibt etwa Arno Frank von Spiegel Online, „der Film hat schlicht handwerkliche Mängel. Die Lösung von Bild.de, ihn unfertig doch zu zeigen, ist keine.“

Tatsächlich wirkte, was nun zu sehen war, wie ein unfertiges Produkt. Entlarvende Ausschnitte aus dem arabischen Fernsehen sind noch nicht untertitelt, maliziöse Kommentare wären womöglich noch einer weiteren Bearbeitung zum Opfer gefallen. (…) So tadellos manche Aspekte recherchiert sind, so leichtfertig werden andere Aspekte abgehandelt. So hat Joachim Schroeder die NGOs vermutlich zu Recht angeklagt, sie zu seinen Vorwürfen aber keine Stellung beziehen lassen. Er habe nicht erwartet, „dass diese Organisationen mir etwas Originelles dazu sagen können“. Wenn das kein handwerklicher Fehler ist, gibt es kein Handwerk. (…) Seine Unschärfen sind es, mit denen der Film im Eifer des Gefechts seine eigene Haltung schwächt. Deshalb ist es kein Verdienst, dass diese Dokumentation nun über Umwege doch gezeigt wurde. (…) In ihrem gegenwärtigen Zustand ist sie nur etwas, das man im Internet sehen, das man glauben kann oder auch nicht. Und das ist schlimm.

Auch Mirna Funk von Zeit Online erkennt handwerkliche Mängel – fordert aber auch dazu auf, „keine Angst zu haben“, sich dem Thema anzunehmen:

Deswegen ist dieser Film propagandistisch und manipulativ. Er lässt dem Zuschauer keinen Raum, sich ein Bild von Antisemitismus zu machen. Er will die Deutschen belehren. Er will ihnen sagen, Leute, wenn es um Israel und das Leid der Palästinenser geht, dann habt ihr völlig einen an der Waffel. Das ist das Ziel des Films. (…) Dass die Dokumentation von Arte gecancelt wurde und die Ausstrahlung im WDR verhindert, liegt nicht daran, dass dort Antisemitismus gezeigt wird, an den niemand mehr glaubt, sondern weil sie schlecht gemacht und propagandistisch aufgebaut ist. Das ist schade, aber passiert. Ein guter Zeitpunkt also – and this goes out to all the Filmemacher – keine Angst zu haben, sich an diesem Thema die Finger zu verbrennen, und eine anspruchsvolle, schlaue und interessante Dokumentation zu machen.

„Eine Doku über Antisemitismus muss provozieren“, meint hingegen Christian Bommarius bei der Berliner Zeitung und dem Kölner-Stadtanzeiger:

Wäre der Film keine Provokation, müsste man ihn verbieten. Eine Fernseh-Dokumentation über „Antisemitismus in Europa“, die sein Anschwellen – nicht seine Rückkehr, denn er ist niemals weg gewesen – in den europäischen Gesellschaften verschwiege, die nicht darauf verwiese, dass der Antisemitismus seit Jahrhunderten zum ideologischen Handgepäck linker und rechter Intellektuellen gehört, die auch kein Wort darüber verlöre, in welchen Kostümierungen er auftritt, würde zu Recht verboten. (…) Die Dokumentation ist ein anspruchsvoller, wichtiger Beitrag zur Aufklärung über den grassierenden Antisemitismus. Umso verstörender ist die Zensur des Arte-Programmdirektors, der die Ausstrahlung verhindert, und umso verdienstvoller die Entscheidung der „Bild“-Zeitung, ihn der Öffentlichkeit nun doch noch zugänglich zu machen.

Arte und WDR haben sich „in jeder Hinsicht blamiert“, kommentiert René Martens von der taz – der Film sei „vielschichtig“ und „reich an Exkursen in die Geschichte des Nahen Ostens“:

Die Bild-Zeitung gehört zu den wirkmächtigsten Gegnern des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. (…) Dass der Online-Ableger der Bild-Zeitung am Dienstag nun die Möglichkeit nutzte, sich als Akteur der Aufklärung im klassisch öffentlich-rechtlichen Sinne zu profilieren (…) gehört fraglos zu den Treppenwitzen der jüngeren deutschen Mediengeschichte. Möglich gemacht haben diesen Treppenwitz ein paar tollpatschige Manager von Arte und WDR. (…) Dank #Arteleaks kann nun jeder sehen, dass „Auserwählt und ausgegrenzt“ ein vielschichtiger Film ist, reich an Exkursen in die Geschichte des Nahen Ostens und reich an Perspektiven auf den modernen europäischen Antisemitismus, der bis in das protestantische Milieu reicht – und in die Mitte der Medien. Es ist ein dezidiert projüdischer Film, geprägt unter anderem von der Empathie für französische Antisemitismusopfer.

Den Film einfach zu senden sei von der Bild „kein Verdienst, sondern frech“, urteilt „Zapp“-Moderatorin Anja Reschke in einem Twitter-Video:

Das Verhalten der Bild-Zeitung halte ich schon für recht fragwürdig. Hier (Reschke zeigt die Bild-Schlagzeile, Anm. d. Red.): „Juden-Hass – Bild zeigt die Doku, die Arte nicht zeigen will“. Die Bild-Zeitung ist also der Rächer der Entrechten oder wie? Da raunt Julian Reichelt, Vorsitzender der Bild-Chefredaktion, den Verdacht, die Doku sei aus politischen Gründen nicht ausgestrahlt worden. Hä? Entschuldigung, wer hat nochmal das Thema Antisemitismus in Auftrag gegeben? Nicht die Bild-Zeitung, oder? (…) Ja, in der Tat. Der Film ist mit Beitragsgeldern finanziert. Und nicht mit dem Geld der Bild-Zeitung. Für jedes Foto der Bild-Zeitung, jede Schlagzeile, die in einem anderen Medium veröffentlicht wird, verlangt der Springer-Konzern Geld. Mit welchem Recht also zeigt er jetzt also einen Film, dessen Rechte er nicht hat? Mit welchem Recht grätscht die Bild-Zeitung in die Hoheit und die Verantwortung anderer Redaktionen rein? Ist das jetzt das neue Geschäftsgebahren? (…) „ARD druckt Beitrag, den Bild nicht drucken will!“ – Na, auf die Reaktionen wäre ich gespannt. (…) Diesen Film einfach zu senden, ist kein Verdienst, sondern schlichtweg frech – finde ich.

Der ehemalige Bild-Chefredakteur und -Herausgeber Kai Diekmann hat via Twitter auf die Kritik reagiert. Sein Urteil:

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