Debatte um Negativ-Preis für Yellow-Verlage: Anmaßende Meckerei oder berechtigte Kritik?

Yellows in der Kritik
Yellows in der Kritik

Das Netzwerk Recherche hat am Wochenende den Negativ-Preis Verschlossene Auster an die Verlage Hubert Burda Media, Funke Mediengruppe und Bauer Media wegen ihrer intransparenten Kommunikation zu ihren Yellow-Zeitschriften verliehen. Die Verlage reagierten mit Unterverständnis und Rechtfertigungen. Ein verbreitetes Argument ist, dass diese Zeitschriften ein Millionenpublikum erreichen. Das stimmt, aber ist das wirklich ein Argument?

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Die Verleihung der Verschlossenen Auster an die drei großen Yellow-Verlage ist bemerkenswert. Zum einen stellt das Netzwerk Recherche Funke, Burda und Bauer damit in eine Reihe mit den früheren Preisträgern Facebook, Wladimir Putin, der Atomlobby und dem Waffenhersteller Heckler & Koch. Zum anderen ist die Begründung für die Preisverleihung auch ein bisschen konstruiert. Die Verschlossene Auster soll eigentlich an Unternehmen oder Institutionen oder Personen verliehen werden, die sich der Öffentlichkeit verschließen.

Die offizielle Begründung des Preises an die drei Verlage lautet daher auch, der Preis werde verliehen, weil „Verlage nur äußerst ungern Auskunft geben zu Form, Machart und Inhalt ihrer Magazine.“ In Wahrheit ist die Verleihung aber eine Kritik an der Machart der Magazine an sich: „Nach Ansicht von Netzwerk Recherche untergraben die Preisträger das Vertrauen in die Glaubwürdigkeit der Medien“, heißt es in der Erklärung der Journalistenvereinigung. „Mit irreführenden Schlagzeilen, falschen oder erfundenen Texten, fehlender Nachfrage bei den Betroffenen, Manipulationen von Fotos und nicht selten der Verletzung von Persönlichkeitsrechten. Die Bereitschaft zur freiwilligen Korrektur von falscher Berichterstattung fehlt häufig.“

Der Negativ-Preis ist also eher als generelle Kritik an der Mediengattung Yellow zu verstehen und weniger als Kritik am Kommunikationsverhalten. Die so „ausgezeichneten“ Verlage finden das naturgemäß nicht toll. Niemand war in Hamburg erschienen, um den Preis entgegenzunehmen, aber alle drei Verlage schickten mehr oder weniger ausführliche schriftliche Stellungnahmen an das Netzwerk, die einen Blick wert sind. In der Stellungnahme von Funke heißt es immerhin noch, man nehme den Negativ-Preis „nicht gerne, aber mit Respekt für Ihre Entscheidung entgegen.“ Danach folgt die arg strapazierte Phrase, dass sich „Menschen immer für Menschen interessieren“ und es wird Bereitschaft signalisiert, „einen offenen und inhaltlich differenzierten Dialog über die Bedeutung des unterhaltenden Journalismus, seine Praktiken und seine Wirkungen zu führen“. Immerhin. Da sollte man Funke beim Wort nehmen.

Bei Hubert Burda Media zeigt man sich erstaunt über denNegativ Preis, weil doch das hauseigene Yellow-Flaggschiff Freizeit Revue „in jüngerer Vergangenheit“ keine Gegendarstellungen drucken musste. Dass Burdas Bunte dafür in jüngerer Zeit durchaus häufig ihre Berichterstattung vor Gericht verantworten muss und dabei auch verliert, erwähnte man lieber nicht. Vielleicht, weil Bunte ja gar kein Yellow ist, sondern eine People-Zeitschrift? Die Grenzen sind freilich fließend.

Am eingeschnapptesten reagierte man bei Bauer: „Diese Form des unterhaltenden Journalismus als besonders kritikwürdig einzustufen und sich damit über Abertausende von Kolleginnen und Kollegen sowie Millionen von Leserinnen und Lesern zu erheben, empfinden wir als anmaßend.“ Und verweist auf die rund 15 Millionen Leser, die Yellow-Zeitschrift wöchentlich hätten. Eine ähnliche Verteidigungshaltung wählten diverse Yellow-Chefredakteure auch bei einer kleinen Interview-Serie der Medienseite kress.de, die wirkt, als wäre sie bereits mit Blick auf die Auster-Verleihung konzipiert worden. Da sagte der Neue-Post-Chefredakteur Roland Hag u.a.: „Wir können gerne mal unsere Auflagenzahlen mit denen unserer Kritiker vergleichen… Das heißt natürlich nicht, dass uns die Masse immer jedes Recht gibt, aber wir haben eine größere Berechtigung im Markt, als es viele der selbstgerechten Kritiker wahrhaben wollen.“

Die Sinnlosigkeit des Masse-Arguments scheint ihm selbst bewusst zu sein. Warum sonst hat er die Einschränkung „Das heißt natürlich nicht, dass uns die Masse immer jedes Recht gibt“ gleich mitgeliefert? Man muss sich aber schon fragen, was die Yellow-Macher hier genau meinen. Alle beschwören, dass ihnen „Wahrheitsschutz“ (Burda) sowie rechtliche und ethische Maßstäbe (Funke) am Herzen liegen würden. Trotzdem ist die Zahl der Verstöße gegen Presse- und Persönlichkeitsrecht Legion. Es geht im Fall der Yellows ja gerade nicht darum, dass „jeder krasse Einzelfall an den Branchenpranger gehört“, wie Roland Pimpl bei Horizont mit einem gewissen Verständnis für die Verlage schreibt. Das Problem mit dem Yellow-Segment ist, dass es sich um eine system-immanente Missachtung journalistischer Standards handelt. Die Masse an Verstößen, die vor Gerichten landen und auch von Watchblogs wie Topfvollgold dokumentiert werden, sind längst keine Einzelfälle mehr.

Das Argument, dass ja aber sehr viele Leute diese Lügengeschichten kaufen und lesen würden, sticht nicht. Wie Herr Hag selbst schon bemerkt hat, ist es irrelevant, wie viele Millionen diese Blätter kaufen oder nicht, wenn es darum geht, ob in diesem Segment systematisch Standards missachtet werden. Um mal einen schiefen Vergleich zu bemühen: Auch illegale Drogen werden von Millionen Menschen konsumiert und es rauchen auch Millionen Menschen – gesund ist das darum noch lange nicht.

Die pikierten Reaktionen der Yellow-Verlage deuten an, dass sie sehr wohl wissen, was sie da mit ihren Heften für einen Schmuh veranstalten. Aber eben weil sie verkauft werden, machen sie wider besseren Wissens weiter. Auf Besserung durch Einsicht darf man wohl nicht hoffen. Die Macher müssen aber damit leben, dass dieses Verhalten kritisiert und angeprangert wird. Millionenfach Leser verschaukeln und journalistische Standards mit Füßen treten und dafür auch noch gelobt werden wollen – das sollte man den Verantwortlichen nicht durchgehen lassen. Auch nicht in der Branchenpresse.

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