Nach Verwechslung mit Privatsender: „Nordwestradio“ heißt künftig „Bremen Zwei“

Programmchef Karsten Binder, „Nordwestradio“:  ehemaliges Gemeinschafts-Programm mit dem NDR wird umgetauft
Programmchef Karsten Binder, "Nordwestradio": ehemaliges Gemeinschafts-Programm mit dem NDR wird umgetauft

Ende eines Experiments: Radio Bremen (RB) will seine Kultur- und Informationswelle „Nordwestradio“ in „Bremen Zwei“ umtaufen. Damit verschwindet die letzte Erinnerung an ein einstiges Gemeinschaftsprojekt des Bremer Senders mit dem NDR, wie jetzt auf der jüngsten RB-Rundfunkratssitzung bekannt wurde. Das Gremium verabschiedete auch eine Stellungnahme zur Zeitungsverleger-Klage gegen RB Online.

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Von Eckhard Stengel

„Das ist ein historisches Ereignis, jedenfalls für unsere beiden Häuser“, freute sich im November 2001 der damalige RB-Programmdirektor Dirk Hansen, als das „Nordwestradio“ auf Sendung ging. Die beiden Nachbar-Anstalten NDR und RB produzierten damals erstmals eine gemeinsame Informations- und Kulturwelle für Bremen und sein niedersächsisches Umland. Geburtshelfer waren indirekt die Ministerpräsidenten der 16 Bundesländer: Die für Rundfunkrecht zuständigen Regierungschefs hatten eine Kürzung des ARD-internen Finanzausgleichs beschlossen – mit der Folge, dass RB nicht mehr genug Geld hatte für seine angesehene, aber kostspielige Kulturwelle „Radio Bremen 2“. Sie wurde durch das neue Gemeinschaftsprogramm ersetzt, zum Ärger vieler Kulturschaffender in der Hansestadt, die das „Nordwestradio“ als zu seicht und provinziell empfanden.

14 Jahre später entspannte sich die Finanzlage der kleinsten ARD-Anstalt. Denn nach einer Kehrtwende der Ministerpräsidenten floss ab 2015 wieder mehr Geld aus dem Senderfinanzausgleich an die Weser. Daraufhin trennten sich Anfang 2016 die Wege der beiden Nachbaranstalten. Radio Bremen, das beim „Nordwestradio“ schon immer federführend gewesen war, hat seitdem ganz allein das Sagen und erspart sich damit die ständigen Absprachen mit dem NDR-Funkhaus Hannover, das allerdings weiterhin Berichte zuliefert.

Wie auf der jüngsten RB-Rundfunkratssitzung bekannt wurde, will sich der Sender bald auch vom gemeinsamen Namen trennen: Ab 12. August heißt die Welle „Bremen Zwei“, fast so wie das einstige Kulturprogramm „Radio Bremen 2“. Mit der Rückkehr zu einem bremischen Namen soll deutlicher werden, dass die Welle zu RB gehört und nicht womöglich ein Privatsender ist, wie manche „Nordwestradio“-Hörer bei einer Umfrage vermutet hatten.

Laut einem Bericht des Weser-Kuriers soll auch die Programmstruktur geändert werden, vor allem an den Abenden. Das klingt so, als wären die längeren Sendungen wie Hörspiele, Klassikkonzerte oder Features in Gefahr. Auf MEEDIA-Nachfrage sagte RB-Pressesprecher Michael Glöckner dazu: „Es wird leichte Veränderungen geben.“ Aber der genaue Umfang stehe noch nicht fest. Klar scheint allerdings jetzt schon, dass die regelmäßige Übertragung von Sonntagsgottesdiensten entfällt. Stattdessen sind einstündige Sendungen zu religiösen Themen geplant. Nur noch an hohen Feiertagen und bei einzelnen anderen Anlässen wird weiterhin live aus Kirchen übertragen. Kritik an dieser Kürzung äußerte die Vertreterin der katholischen Kirche im Rundfunkrat, aber ansonsten nahm das Gremium das vorläufige Konzept für „Bremen Zwei“ ohne große Einwände zur Kenntnis.

Der Rundfunkrat befasste sich auch mit der Klage von vier regionalen Zeitungsverlagen gegen den Online-Auftritt der Anstalt und verabschiedete dazu eine Stellungnahme. Demnach ist er „davon überzeugt, dass das Telemedienangebot von Radio Bremen der gegenwärtigen Rechtslage entspricht“, also nicht zu presseähnlich ist. Deshalb solle Intendant Jan Metzger wenn nötig „die Instanzen des Rechtswegs ausschöpfen“. Ein Prozesstermin bei der ersten Instanz, also am Landgericht Bremen, steht noch nicht fest. Bis zu einem rechtskräftigen Urteil kann das Verfahren noch Jahre dauern. Radio Bremen macht sich offenbar Hoffnung, dass bis dahin die Rechtslage geändert wird und der öffentlich-rechtliche Rundfunk mehr Freiheiten im Internet bekommt.

In dem Rundfunkratsbeschluss heißt es dazu: „In einem demokratischen Meinungs- und Willensbildungsprozess, der sich auf Vielfalt und Qualität gründet, kann es keinen Exklusivitätsanspruch einer einzelnen Mediengattung auf die Nutzung des Internets geben. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk muss durch die Modernisierung seines Telemedienauftrags in die Lage versetzt werden, seinen Auftrag für die gesamte Gesellschaft auch in einer zukünftigen Medienwelt zu erfüllen.“

Das RB-Aufsichtsgremium sendet aber auch versöhnliche Signale an die Verleger: „In seiner besonderen Verantwortung für Demokratie und Rechtsstaat hat der öffentlich-rechtliche Rundfunk selbst kein Interesse daran, seine Zukunftsentwicklung im Gegeneinander der klassischen Mediengattungen voranzutreiben.“ Das gelte erst recht für eine regional verankerte Rundfunkanstalt. „Es liegt im Interesse der demokratischen Öffentlichkeit und aller Anbieter von Qualitätsmedien, eine gleichberechtigte Nutzung des Internets zu ermöglichen, Kooperationsmöglichkeiten auszuloten und bei Konflikten zu partnerschaftlichen Lösungen zu kommen.“

Der Rundfunkrat bestärkt daher die Leitung des Hauses bei ihrer Bereitschaft zu Gesprächen mit den klagenden Verlegern. Das Gremium sieht „vielfältige Möglichkeiten der Kooperation im Internet, welche die Vielfalt und den publizistischen Wettbewerb nicht beeinträchtigen, sondern viel mehr die Attraktivität der Angebote aller Qualitätsmedien erhöhen können“. Wie eine solche Zusammenarbeit mit den Verlegern konkret aussehen könnte, dazu kann RB-Sprecher Glöckner noch nichts sagen. „Das wird Gegenstand weiterer Gespräche sein“ – woraus sich schließen lässt, dass sich beide Seiten schon mindestens einmal außerhalb des Gerichtssaals getroffen haben.

Update, Samstag (10.06), 16.29 Uhr:
Programmleiter Karsten Binder hat inzwischen klargestellt, dass auch im neuen Konzept von „Bremen Zwei“ Sendeplätze für alle langen Formate – auch für die Klassikkonzerte – vorgesehen seien. „Wir werden die langen Formen beibehalten und weiter entwickeln. So denken wir zum Beispiel bei Hörspiel und Feature über serielle Erzählweisen nach. Serielle Formen sind für Podcast-Ausspielungen sehr attraktiv.“

Nachtrag 11.06.17: Programmleiter Karsten Binder hat inzwischen klargestellt, dass auch im neuen Konzept von „Bremen Zwei“ Sendeplätze für alle langen Formate – auch für die Klassikkonzerte – vorgesehen seien. „Wir werden die langen Formen beibehalten und weiter entwickeln. So denken wir zum Beispiel bei Hörspiel und Feature über serielle Erzählweisen nach. Serielle Formen sind für Podcast-Ausspielungen sehr attraktiv.“

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