Anzeige

Podcast zum Schweizer Rekord-Medien-Startup Republik: „Journalismus und Prostitution sind ja verwandte Gewerbe“

Constantin Seibt, einer der Macher der Republik
Constantin Seibt, einer der Macher der Republik

Das Schweizer Medienprojekt Republik ist einmalig: Knapp 14.000 Menschen haben 240 Schweizer Franken für ein Jahresabo eines nicht existierenden Magazins bezahlt. Das macht zum heutigen Ende des Crowdfundings rd. 3,4 Mio. Franken - Weltrekord für ein journalistisches Crowdfunding. MEEDIA hat den Republik-Mitgründer Constantin Seibt in der Republik-Redaktion im Hotel Rothaus in Zürich getroffen.

Anzeige
Anzeige

Ja, doch. Zürich hat so etwas wie ein Rotlichtviertel und das liegt sogar in Laufweite des Hauptbahnhofs, wie es sich gehört. Mittendrin befindet sich das Hotel Rothaus, das mutmaßlich eben darum so heißt. Mittlerweile hat das Rothaus die Vergangenheit als Stundenhotel abgeschüttelt und ist tiptop seriös buchbar. Die Zimmer sind sehr sauber, sehr grau und derzeit voll mit hoffnungsvollen Nachwuchs-Medienunternehmern.

Hier das MEEDIA-Podcast-Interview mit Constantin Seibt von der Republik:

Dort nämlich hat sich die Republik einquartiert. Ein neues Digitalmagazin aus und für die Schweiz, das ausschließlich auf Leser-Finanzierung setzt. Einer der Köpfe hinter der Republik ist der Schweizer Journalist Constantin Seibt, der auch hierzulande kein Unbekannter ist. Nicht zuletzt wegen seiner Medienkolumne bei seinem früheren Arbeitgeber, dem Zürcher Tages-Anzeiger. Seibt beschreibt die Gedanken, die zur Gründung der Republik geführt haben, folgendermaßen: „Die Idee zur Republik ist entstanden, weil die großen Medienhäuser in der Schweiz sich aus der Publizistik verabschieden – jedenfalls zwei von drei. Sie verwandeln sich in Internet-Handelsplattformen. Das ist eine ziemlich schlechte Botschaft für den Journalismus. Und auch für die Demokratie – weil ohne vernünftige Informationen keine vernünftigen Entscheidungen fallen. Persönlich war es so, dass man dann in so einem Medium sitzt und sich fragt: Da fallen überall diese komischen Entscheide … Und dann darauf kommt, naja, dein Unternehmen will woanders hin als du. In dem Moment weißt du dann, dass alles Fluchen, alles Jammern aber auch alle konstruktiven Vorschläge vollkommen sinnlos sind, weil dein Unternehmen in eine andere Richtung geht als du. Und du hast nur die Möglichkeit entweder dabeizubleiben – aber dann darfst du dich nicht beklagen, wenn du oder die anderen gefeuert werden. Oder du tust was.“

Er und seiner Mitstreiter haben was getan. Es gibt eine gemeinnützige Genossenschaft (Project R) und eine Republik AG. Die Genossenschaft soll sich auch allgemein um den Fortbestand des wahren, guten, schönen Journalismus kümmern und um prosaischere Dinge wie IT, Ausbildung und Rechts-Angelegenheiten. Dafür haben die Republik-Macher die Köpfe frei, um ein Magazin zu machen, „das fetzt“, wie Seibt sagt.

Das Zürcher Hotel Rothaus

Beim Treffen wirkt Seibt leicht zerknittert, was verständlich ist. Denn 1. war er am Vorabend beim European Newspaper Congress des österreichischen Medienverlegers Johann Oberauer, 2. muss er jetzt ganz unjournalistisch andauernd in Interviews Fragen beantworten, statt sie zu stellen und 3. steht zum Zeitpunkt des Interviews im Oberstübchen des Hotels ein Videodreh für das Ende des Crowdfundings an. Die Republik-Macher müssen/dürfen artig danke sagen bei ihren „Verlegern“. So nennen sie die knapp 14.000 Abonnenten, die zum Start 240 Franken pro Jahr berappen, um den Traum vom unabhängigen Digitalmagazin zu ermöglichen. Dabei muss der leicht geknitterte Herr Seibt mal freundlich gucken, mal neutral und denselben Danke-Satz immer wieder aufsagen. Unabhängiger Journalismus bedeutet auch, dass Journalisten zu Werbe-Models in eigener Sache werden. Es ist eine Ochsentour. Muss man sich vermutlich daran gewöhnen.

Ansonsten sieht man den Republik-Räumlichkeiten noch ein bisschen die Euphorie der ersten Tage an. Hier stehen die Weinflaschen, da kleben die Post-its mit Zeitplänen und „No Bullshit“-Mantras an der Wand. Es geht eng zu und familiär. Im Treppenhaus stapelt sich die schmutzige Bettwäsche vom weiter laufenden Hotelbetrieb.

Im Moment planen sie bei der Republik eine Redaktion mit elf Stellen. Ursprünglich waren zehn angedacht, wegen des erfolgreichen Crowdfundings wurde aber aufgestockt. Für diese Stellen sind laut Seibt schon vor Ende der Funding-Phase zwischen dreihundert und vierhundert Bewerbungen eingetroffen, die meisten aus der Schweiz. Wie es aussieht, gibt es nicht nur beim Publikum ein Bedürfnis nach unabhängigem, hochwertigen Journalismus, sondern auch bei den Journalisten. Seibt seufzt, wenn er auf die Bewerbungen angesprochen wird. Das wird nochmal ein Höllenjob, da auszusieben.

No Bullshit!

Anzeige

Und dann diese Erwartungen, die die Republik-Macher himmelhoch aufgetürmt haben. In Videos und E-Mails schürten sie die Erwartungen permanent, nennen ihre Abonnenten „Verleger“, versprechen ein revolutionäres Mitmach-Medium. „Es ist Zeit, die Demokratie gegen die Barbarei zu verteidigen“, steht gleich am Anfang ihres Werbevideos. Dazu Bilder von Trump und Erdogan. Das Schweizer Mediensystem bezeichnet Seibt schon mal als „pervertiert“: „Es wird immer mehr zusammengelegt, das Tempo steigt in den Online-Sweatshops. Gute Journalisten können dort immer schwerer gute Arbeit machen. Das ist eine Entwicklung, die mit Sicherheit dahin führt, dass das Mediensystem immer schneller, grauer, gereizter, ärmer wird. Das sind keine individuellen Schwächen der Journalisten, sondern das sind Management-Entscheide.“ Die Republik sucht nicht das kleine Karo.

Ähnlich breitbeinig gingen in Deutschland im Oktober 2014 auch die Krautreporter an den Start. Unvergessen ist ihr Spruch aus dem Crowdfunding-Werbevideo, dass der Onlinejournalismus kaputt sei und sie da wieder hinkriegen würden. Bekanntlich eine Fehleinschätzung. Sie sammelten 900.000 Euro von rund 15.000 Abonnenten ein. Die Komponente, dass zusätzlich auch Investoren dabei sind, fehlte bei den Krautreportern. Seibt hält das für einen wesentlichen Unterschied, ebenso wie die komplexe geschäftliche Struktur, die sich die Republik mit ihrer AG und der Genossenschaft gegeben hat. Außerdem: „Bei den Krautreportern war es ja so, dass die gestartet sind als ein Korrespondenten-Netzwerk mit einer schwachen Zentralredaktion. Wenn dann etwas passierte, konnte man niemanden schicken, der rennt oder recherchiert. Und sie haben auch den Fehler gemacht, dass sie einen 550 Euro Einheitslohn für alle Artikel geschaffen haben. Eigentlich ein guter Preis für Deutschland – aber kein Preis, zu dem du irrsinnige Recherchen oder Reportagen machen kannst. Und ein viel zu hoher Preis, dass sich irgendjemand getraut hätte, einfach drei rotzfreche Absätze hinzuhauen. Das heißt: Sie haben die ganz langen Dinger nicht gehabt, sie haben die ganz kurzen Dinger nicht gehabt, sondern sie haben lauter ehrenwerte mittlere Dinger gehabt – und genau das wird nicht gelesen.“ Bei der Republik wollen sie fokussiert sein. Der Frage nach einem Chefredakteur weicht Seibt aber aus. Braucht es den überhaupt? Vermutlich schon.

Funding-Fotowand

Bei der Republik versprechen sie ein bis drei Artikel pro Tag, und zwar entweder sehr, sehr lange und tiefgründig oder kurz und knackig. „Im Grunde genommen ist das Publikum sehr vernünftig: Es will das Dessert und das Steak. Das Gemüse dazwischen lässt es weg“, sagt Seibt. Noch ein Unterschied zu den Krautreportern: Die Republik wird, wenn sie 2018 startet, eine harte Paywall haben. Bei den Krautreportern waren alle Texte frei zu lesen. Wer zahlte, durfte kommentieren oder bekam Einladungen zu Events. Das Konzept scheiterte. Mittlerweile sind die Krautreporter auch eine Genossenschaft und haben eine Paywall für Texte. Um sichtbar zu sein, werden die Inhalte der Republik aber vollumfänglich teilbar sein.

Bei den Krautreportern sprangen nach dem ersten Jahr, als es darum ging die Crowdfunding-Unterstützer zu dauerhaften Abonnenten zu machen, rund zwei Drittel ab. Die Zahl der Abos schrumpfte zwischenzeitlich auf ungefähr 5.000. Mittlerweile soll sich die Zahl erholt haben, genaue Angaben gibt es aber nicht. Ein anderes, erfolgreicheres Vorbild für die Republik ist das holländische De Correspondent. Das niederländische Online-Magazin wurde ebenfalls via Crowdfunding finanziert. 17.000 Unterstützer zahlten rund 1,7 Mio. US-Dollar – bis zur Republik war das der Weltrekord für ein journalistisches Crowdfunding. Mittlerweile zählen die Niederländer, die wie die Republik eine harte Paywall haben, über 50.000 zahlende Abonnenten und versuchen den Sprung auf den US-Markt.

Allerdings hatte auch De Correspondent nach dem ersten Jahr Abonnenten verloren. Wie Seibt erzählt waren das rund 40 Prozent Schwund. Bei der Republik, da ist er sich sicher, werden es weniger sein. Das Ziel sind 22.000 bezahlte Abos in fünf Jahren, dann wäre die Republik dauerhaft lebensfähig.

Republik-Roadmap

Die Republik ist in ihrer derzeitigen Projektphase noch eine unbeschriebene Fläche für alle, die sich einen irgendwie besseren Journalismus wünschen. Jeder kann in das Magazin hineinfantasieren, was sie oder er möchte: das perfekte Medium, den tollsten Arbeitgeber, einen elitären Debattier-Club. Wenn die Republik aus dem Ungefähren in die Sphäre der Realität tritt, wird ein gewisser Schock unvermeidlich sein. Die Frage ist: Wie stark fällt er aus? Stutzt der Realitätsschock die Republik so wie die deutschen Krautreporter, die in der öffentlichen Wahrnehmung kaum noch eine Rolle spielen? Oder gelingt es der Republik, sich als alternatives Medienangebot zu etablieren, wie der holländische De Correspondent? Letzteres ist den Machern auf jeden Fall zu wünschen. Die Euphorie, Fantasie und Kreativität, die so ein Projekt wie die Republik bei Publikum und Journalisten gleichermaßen freisetzt und auch die Brieftaschen öffnet, sollte den etablierten Medienkonzernen zu denken geben. Nicht nur in der Schweiz.

Constantin Seibt findet, dass das ehemalige Stundenhotel ein sehr geeigneter Ort für die Republik ist. „Journalismus und Prostitution sind ja verwandte Gewerbe“, sinniert er, „man braucht als Journalist einen ziemlich promiskuitiven Kopf, wo ziemlich viele Ideen hineinkommen. Der Kopf eines Journalisten gehört zu den anrüchigsten Orten in der Bürolandschaft. Er ist – glaube ich – schon ein ziemliches Rotlichtviertel. Andererseits: Das ist jetzt ein sehr seriöses Hotel und wir haben unsere Büros in Hotelzimmern. Das heisst: In jedem Büro eine Dusche und ein WC. Das garantiert sauberen Journalismus. Oder jedenfalls saubere Journalisten.“

Das immerhin kann ja auch nicht jede Redaktion von sich behaupten.

Anzeige

Mehr zum Thema

Anzeige
Anzeige

Alle Kommentare

  1. Zitat:

    Es ist Zeit, die Demokratie gegen die Barbarei zu verteidigen“, steht gleich am Anfang ihres Werbevideos. Dazu Bilder von Trump und Erdogan.

    Zitatende.

    Und Ende dieses Projekts.

    Ein Journalist sollte sich zuallererst einmal erarbeiten, was Demokratie tatsächlich bedeutet, welche Voraussetzungen also für das Vorhandensein einer Demokratie erforderlich sind, beispielsweise auch durch die Medien.

    Hier entsteht lediglich ein alternativer Marketing- Ansatz, aber mitnichten das, was ein freies Medien- System für eine Demokratie eigentlich zu leisten hat: die Bereitstellung eines umfassenden Informations-Angebotes an die Gesellschaft. Dies kann udn soll ein einzelnes Medien- Produkt sicherlich nicht leisten.

    Aber wenn die erforderliche Medien- Vielfalt dahingehend mutiert, daß alle in dieselbe Richtung glauben schreiben zu müssen, dann wird die Notwendigkeit von freien Medien für eine freie Gesellschaft obsolet. Ist das so schwer zu verstehen?

    Nun also Trump und Erdogan- Bashing, allerdings auf neuem Vertriebsweg.
    Lohnt es sich, dafür den Daumen zu halten?

  2. Die Kernfrage ist doch, ob sich:
    – VOLLSTÄNDIG bezahler
    – NUR Online-Journalismus
    – in hoher Qualität
    – OHNE WERBUNG
    – und damit also in BEGRENZTER Reichweite
    – komplett durch zahlende Leser
    – überhaupt rechnet!?

    Bisher hat das meines Wissens weltweit noch niemand geschafft!

    Wie ein solches Projekt angeschoben wird, ist m.E. dabei sekundär.

  3. Jetzt muss (?!) sogar schon Herr Winterbauer Fakenews verbreiten.

    „14.000 Menschen haben 240 Schweizer Franken für ein Jahresabo eines nicht existierenden Magazins bezahlt.“

    Haben sie diese absolut unglaubwürdige Behauptung im Ansatz irgendwie überprüft ?

    Die Schweiz is relativ klein (und hat im Gegensatz zu Deutschland viele gute Journalistische Angebote).

    Bezogen auf Deutschland müsste so eine Gründung hier auf ~140.000 Abos kommen, UNMÖGLICH!

  4. Man sollte per Treuhänder immer nur den nächsten Monat auszahlen und kann den Kritikern von der Sparkasse den Kontobetrag und Abonnenten-Zahl monatlich mitteilen lassen. Falls das Projekt scheitert wird der Rest zurückgezahlt. Das wäre generell sinnvoll für alle Crowd-Projekte wo der CashFlow leider nicht gut genug gegen wahre/Ware Gegenleistung geregelt ist 🙁
    http://www.golem.de/news/minidrohne-wieso-hob-zano-nie-ab-1601-118701.html

    Wenn jemand aussteigen will, sollte man ihm den Restpreis zurückzahlen sobald jemand anders sein Abo „übernimmt“ bzw. ein neues Abo abschliesst.

    Ich habe mehrere Zeitschriften-Abos und würde begrüßen, wenn der Content nach 100-200 Tagen frei verfügbar wäre – und würde die Abos trotzdem nicht kündigen. Wenn 30% der Abonnenten das möchten sollte man das für 30% der Texte realisieren wo der Autor das auch möchte. Wer es bezahlt hat bestimmt auch (hier halt anteilig) was damit passieren soll.

    Crowding ist eine gute Sache. Leider sehe ich keine brauchbaren Gesetze von den Parteien. Dann wären Parteitage wohl auch crowd-basiert statt Hinterzimmer-Basiert was wohl nicht im Sinne der Lobbyisten und Establishments ist.

    Zeitungen finanzierten sich seit Ewigkeiten mit Immobilien- und Auto-Anzeigen. Das wandert ins Internet ab und da kann man schlecht Kritik üben wenn die Verlage dem Rubrikengeschäft (oder wie das heisst) dort hin folgen.
    Die Anzeigenblätter stehen trotzdem immer noch nach TV und Zeitungen auf Platz 3 und wachsen gleich nach Internet+Mobile als zweit-schnellstes:
    http://meedia.de/2017/05/18/werbemarkt-waechst-erstmals-seit-2011-aber-zaw-warnt-vor-massiven-risiken-durch-eu-regulierung/
    Angebot+Nachfrage, Märkte, Handel,….

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*