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„Spannendes Experiment, das die Werbebranche interessieren dürfte“: Ex-Capital-Macher Brunowsky gefällt Spiegel Daily

Wirtschafts-Publizist Ralf-Dieter Brunowsky, neue Web-App Spiegel Daily: „moderner und hochwertiger Eindruck“
Wirtschafts-Publizist Ralf-Dieter Brunowsky, neue Web-App Spiegel Daily: "moderner und hochwertiger Eindruck"

Eine Reihe von MEEDIA-Gastbeiträgen befasst sich mit Spiegel Daily, der neuen "smarten" Tageszeitung als Web-App. Während die Unternehmensberater Thomas Knüwer und Christian Jakubetz dem gestern gelaunchten Projekt einen Fehlstart bescheinigen, ist Ralf-Dieter Brunowsky positiv überrascht. Der frühere Capital-Chefredakteur wertet Spiegel Daily als "aktive Kannibalisierung" mit Erfolgspotenzial.

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Von Ralf-Dieter Brunowsky

„Nur, was heute wichtig ist“.  So lauten Claim und Anspruch von Spiegel Daily, der neuen „digitalen Abendzeitung“, mit der der Spiegel-Verlag (1100 Mitarbeiter) seit gestern neue Wege des bezahlten Internet-Publishing einschlägt. Nach vier Wochen Gratisprobe zahlt man dann 6,99 € monatlich.Die Frage ist: Wird das eine Erfolgsgeschichte? Den Spiegel kann ich jetzt digital auf mehreren Wegen nutzen abgesehen von Spiegel-TV): als Nachrichtenportal, als digitale Version der Printausgabe und nunmehr als digitale Abendzeitung.

„Einmal am Tag die Welt anhalten“, will die 15-Leute-Redaktion, wie uns die beiden Redaktionsleiter Timo Lokoschat und Oliver Trenkamp mitteilen. Das macht neugierig, denn der Spiegel Verlag war in den letzten Jahrzehnten nicht dafür bekannt, neue Objekte auf den Markt zu bringen, meist war der Betriebsrat dagegen, der angesichts notwendiger Investitionen stets schmelzende Boni befürchtete und sich quer stellte. Doch die Boni schmolzen ohnehin, vielleicht war es sogar richtig, neue Objekte zu verhindern, die heute als Mühlstein dem Spiegel-Verlag anhängen würden. Deswegen findet man wohl in Wikipedia den letzten Jahresumsatz aus dem Jahr 2012. In Statista erfährt man wenigstens, dass die Umsätze von 326 (2011) auf 284,5 Millionen Euro (2015) gesunken sind.

Optisch macht die digitale Abendzeitung – Lieferung täglich um 17 Uhr – einen modernen, jungen und hochwertigen Eindruck. Auf die übliche Ressortunterteilung wird wohltuend verzichtet. News („erklärt von den besten Spiegel-Autoren“) und Meinung stehen im Vordergrund. „Stories“ erwartet man ohnehin vom Spiegel, die Rubrik macht Sinn. Sehr gut ist der neuartige Blick auf Twitter, Facebook und Co“ – eine Zusammenfassung über das was sich dort tut.  Neu ist auch die Idee „Empfehlungen für den Feierabend“. Ein Krimi und Helene Fischers neues Album stehen heute gefällig im Programm.

Soweit, so gut. Aber was ist die Konsequenz für die Spiegel-Gruppe mit ihren verschiedenen Angeboten? Braucht der Spiegel eine Zeitung? Und warum soll man von Spiegel Online auf Spiegel Daily wechseln? Oder wird man beides nutzen?
Die meisten Verlage haben die Digitalisierung aus Angst vor Kannibalisierung lange verschlafen. Bermerkenswert ist deshalb der Ansatz, die Kannibalisierung aktiv anzugehen, bevor andere es tun.

Denn wir erleben in der Branche nach dem ersten Übergang von Print zur digitalen Ausgabe die zweite „Fresswelle“: Die gegenwärtigen Newsportale von SpOn über T-online, Bild, Welt, Handelsblatt und viele andere haben es alle nicht geschafft, mit einer Paywall einen größeren Teil ihrer Kunden zu überzeugen. Die kostenlose Information ist nach wie vor in vielen Formen erhältlich, weswegen gerade junge Leute keine Zeitungen mehr kaufen. News sind volkswirtschaftlich betrachtet ein „homogenes Gut“, das wie Milch in vielen Verpackungen daher kommt, inhaltlich aber weitestgehend identisch ist.

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Die nächste Generation des digitalen Publishing wird das überwinden. Hier stehen Meinungen im Vordergrund, natürlich eigene Stories, und die Integration der Social-Media-Welt und des Bloggerwesens. Die digitalen Ausgaben klassischer Art werden durch solch neue digitale Informationsprodukte in Frage gestellt.

Wer Spiegel Online neben Spiegel Daily stellt, empfindet SpOn inhaltlich und optisch als altmodisch. Neuigkeiten meldet mir mein Smartphone in kurzen Abständen über diverse Medien, von SpOn, über FAZ, Handelsblatt und Focus. Es ist eigentlich egal, von wem es kommt.

Ob Abendzeitungen wie Spiegel Daily  ein Comeback feiern, wird man sehen. Insofern ist es ein spannendes Experiment. Der moderne Look dürfte jedenfalls die gesamte Werbewirtschaft interessieren, wenn sehr schnell attraktive Reichweiten aufgebaut werden.

 

Gastautor RalfDieter Brunowsky, 67, ist ehemaliger Chefredakteur des Wirtschaftsmagazins Capital. Der gebürtige Bremer ist Publizist und Kommunikationsberater.

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Alle Kommentare

  1. Was haben die dort präsentierten kurzen Schnipsel mit einer echten Abendzeitung zu tun, Herr Brunowsky?

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