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„Vorerst bleibt vom Schulz-Hype nur die Erinnerung“: Die Pressestimmen zur SPD-Pleite bei den Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen

Der Hype, den seine Kür zum SPD-Spitzenmann ausgelöst hatte, war bei der Wahl schon lang zu Ende.“, urteilt die Süddeutsche Zeitung über Martin Schulz und die verlorene NRW-Landtagswahl.
Der Hype, den seine Kür zum SPD-Spitzenmann ausgelöst hatte, war bei der Wahl schon lang zu Ende.", urteilt die Süddeutsche Zeitung über Martin Schulz und die verlorene NRW-Landtagswahl.

Zum dritten Mal in Folge hat die SPD unter Kanzlerkandidat Martin Schulz eine Pleite bei den Landtagswahlen 2017 eingefahren. Die CDU hat die "Herzkammer der Sozialdemokratie", so die scheidende SPD-Spitzenkandidatin Hannelore Kraft in Nordrhein-Westfalen, übernommen. Ist aus dem Schulz-Effekt ein Schulz-Defekt geworden? Die Pressestimmen.

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„Auch für mich persönlich ist es eine krachende Niederlage“, sagt Martin Schulz, als er am Sonntag vor seine Parteikollegen im Willy-Brandt-Haus tritt. Der SPD-Kanzlerkandidat hat keinen Grund zur Freude: Seine Partei hat in Nordrhein-Westfalen die dritte Landtagswahl in Folge verloren – und damit nicht nur im bevölkerungsreichsten und industriestärksten Land der Bundesrepublik, warum auch oftmals die Rede von einer „kleinen Bundestagswahl“ ist, sondern auch noch in der Heimat des SPD-Kanzlerkandidaten. Ein besonders bitterer Nachgeschmack mit Blick auf die Bundestagswahl im September: „Wenn Hannelore in NRW gewinnt, werde ich Bundeskanzler!“, so Schulz damals bei seinem Wahlkampfauftakt in Essen.

Nun hat die CDU unter Spitzenkandidat Armin Laschet mit 33 Prozent (+6,7 %) die „Herzkammer der Sozialdemokratie“, so die scheidende SPD-Spitzenkandidatin Hannelore Kraft, übernommen – die SPD ist mit 31,2 Prozent (-7,9 %) abgestürzt. Das schlechteste Ergebnis im SPD-Stammland seit 1947. Hannelore Kraft zieht die Konsequenzen und tritt von all ihren politischen Ämtern zurück. Ist aus dem Schulz-Effekt ein Schulz-Defekt geworden? Die Pressestimmen:

Vom Schulz-Hype bleibt vorerst nur die Erinnerung, kommentiert Heribert Prantl für die Süddeutsche Zeitung:

Am 24. September, am Abend der Bundestagswahl, wird man vielleicht sagen, dass Schulz zu spät kam, um die Kampagne der SPD in der gesamten Republik noch gut auf sich einzustellen. Für die Landtagswahl in NRW dagegen kam die Nominierung von Schulz zu früh. Der Hype, den seine Kür zum SPD-Spitzenmann ausgelöst hatte, war bei der Wahl schon lang zu Ende. Für Schulz gilt hier der Satz: Wer zu früh kommt, ist auch unpünktlich. (…) Vom Schulz-Hype bleibt nach diesem Wahltag vorerst nur die Erinnerung. Ein paar Wochen lang blitzte auf, was in der SPD stecken kann.

Bei der SPD und ihrem Spitzenkandidaten Martin Schulz läuft es nicht rund, schreibt Torsten Krauel in der Welt:

Aus eigener Kraft kann die SPD den Bundestagswahlsieg nicht mehr schaffen. Martin Schulz war der richtige Kandidat für ein Macron-Deutschland, das wie Frankreich auf den völlig unbekannten Erlöser wartet. Deutschland braucht aber keinen Erlöser. Wenn bei drei Landtagswahlen eine CDU-geführte Regierung bestätigt wird, die beiden SPD-geführten aber abgewählt werden, dann liegt das an der SPD, nicht an der CDU. (…) Eine Sozialdemokratische Partei, die das nicht spürt, scheitert. Sie hat es nicht gespürt, denn sonst hätte sie den nüchternen, erfahrenen Frank-Walter Steinmeier als Kanzlerkandidat aufgestellt. Sie wählte aber den redseligen Schulz, mit 100 Prozent der Delegiertenstimmen, und nun wächst der Eindruck, sie habe hundertprozentig auf das falsche Pferd gesetzt.

Michael Bröcker von der Rheinischen Post sieht „Eine Abwahl erster Klasse“:

Der angebliche Amtsbonus von Frau Kraft, die im Wahlkampf alles auf ihre Person zuschnitt und sich Einmischungen verbat, wurde zum Malus. Kraft agierte selbstherrlich, schob Kritik schnippisch beiseite und tat so, als laufe alles gut. Was für eine Fehleinschätzung! (…) Wer so wenig Gespür für die Menschen hat, muss verlieren. Kraft hat viel für das Land getan, aber es reichte am Ende nicht mehr.

„Schreibt Martin Schulz nicht ab!“, fordert Steven Geyer in der Frankfurter Rundschau:

Der Traum, der Schulz-Boom könne die SPD mit wachsendem Schwung vom Saarland über Schleswig-Holstein und NRW, von Wahlsieg zu Wahlsieg, ins Kanzleramt tragen, war ja schon vor diesem Sonntag geplatzt. Er war aber ohnehin nur von der SPD selbst geträumt worden. Häme hat sie dafür trotz allem nicht verdient, immerhin beginnt jeder Erfolg mit dem Glauben an sich selbst – und tatsächlich gewann die SPD seit Schulz‘ Nominierung fast 20 000 neue Mitglieder und liegt im Bund stabil sechs bis neun Prozent besser als zuvor. (…) Noch können die Parteien umsteuern, noch steht der Wahlausgang im Bund nicht fest. Schließlich galt auch Angela Merkel schon als so gut wie abgewählt.

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Bild-Chefredakteurin Tanit Koch erkennt in Bundeskanzlerin Angela Merkel ein „Zugpferd“:

In NRW haben die Bürger vor allem ihrer rot-grünen Landesregierung fristlos gekündigt. Der schlechten Arbeit wegen. Landesmutti Kraft hat sich eben nicht genug gekümmert. Nicht um Bildung. Nicht um Sicherheit. Nicht um Wohlstand. Das Signal geht jedoch weit über NRW hinaus: Die CDU hat bei der dritten Landtagswahl in Folge mit klarem Abstand gewonnen. Für dieses historische Triple sind Kandidaten verantwortlich, die ihre Nähe zu Angela Merkel nicht nur nicht versteckt haben. Sondern sogar betont. Stoff zum Nachdenken für die „Merkel-muss-weg“-Fraktion – auch in der Union.

Auch Jasper von Altenbockum von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung sieht in Angela Merkel das stärkere „Zugpferd“:

Eine Niederlage an Rhein und Ruhr ist nicht eine normale Niederlage für die SPD. Es ist ein Nackenschlag (…) Angela Merkel ist ein Zugpferd ihrer Partei, wie es die SPD offenbar dann doch nicht hat – äußere Umstände in Europa und in Amerika haben dazu beigetragen, auch der zeitliche Abstand zur Flüchtlingskrise, aber vor allem die SPD selbst. (…) Schulz kam dort (in Nordrhein-Westfalen) einer SPD zu Hilfe, die nicht gerade eine reiche Erfolgsbilanz vorzuweisen hatte. Jetzt zeigt sich, dass er gerade hier nicht gezogen hat, dass ausgerechnet hier die Wirkung seines Aufstiegs an die SPD-Spitze verpufft ist.

„Der Wahlsieg von CDU und FDP in NRW könnte der SPD im Bundestagswahlkampf nutzen“, meint Ludwig Greven von der Zeit:

Denn die hauchdünne Mehrheit von Schwarz-Gelb im neuen Düsseldorfer Landtag zwingt CDU und FDP geradezu, im bevölkerungsreichsten Bundesland wieder gemeinsam zu regieren, auch wenn das riskant werden kann und sie das selbst nicht unbedingt erwartet hatten. (…) Trotz der schweren Niederlage in ihrem Stammland muss die Bundes-SPD daher jetzt nicht in Sack und Asche gehen. Ihr Wunschkoalitionspartner, die Grünen, kommt ihnen wohl nicht abhanden. (…) Vor allem aber kann SPD-Chef Schulz nun darauf bauen, abtrünnige oder schwankende Wähler zurückzugewinnen, die mit den Sozialreformen der Schröder-Regierung zwar immer noch hadern, aber von einer erneuten CDU/CSU/FDP-Regierung in Berlin nach den Erfahrungen von 2009 bis 2013 eine noch unsozialere Politik befürchten.

Roland Nelles von Spiegel Online sieht Angela Merkel, die „Unkaputtbare“, wieder auf der Siegerstraße:

Merkel kann sich berechtigte Hoffnungen darauf machen, Kanzlerin zu bleiben, entweder wieder zusammen mit den treuen Knappen von der SPD oder gemeinsam mit einer Windmaschine namens FDP. Der Erfolg in Nordrhein-Westfalen ist ein Geschenk für sie. Merkel hat es wieder allen gezeigt. (…) Und Martin Schulz? Während die Kanzlerin fast jeden Abend in den Nachrichten regiert, fehlen ihm die Gelegenheiten zu glänzen. (…) Tatsächlich kann bis zur Bundestagswahl noch viel passieren. Und natürlich ist der Wähler launischer als früher. Aber Stand jetzt reicht die Fantasie nicht aus, um sich vorzustellen, was passieren müsste, damit Schulz und die SPD nach dem Fiasko von Nordrhein-Westfalen nochmal durchstarten können.

„Schulz muss erklären, wie er noch überzeugen will“, fordert Stephan-Andreas Casdorff vom Tagesspiegel:

Und jetzt das: ein Rückschritt, mehr noch, ein Rücksprung für die Sozialdemokratie. Die „kleine Bundestagswahl“ verloren, das heißt: Die große kann erst recht verloren gehen. Und für Martin Schulz wird es bitter. (…) Fraglos muss ihm allerdings jetzt etwas einfallen, das an ein Wunder heranreicht, wie: Er kann übers Wasser laufen. Oder schlichter: Er sagt, wozu er die Macht haben will, ganz konkret, in allen Bereichen. Tatsache ist, dass die SPD in NRW nicht damit werben konnte, besser zu regieren als alle anderen, als Vorbild zu dienen. (…)

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