„Der zittert ein bisschen, süß“ – RTL II Nackt-Kuppelshow „Naked Attraction“ reduziert Dating auf den Dödel

Kandidaten-Check bei „Naked Attraction“ auf RTL II: Körper vor Charakter
Kandidaten-Check bei "Naked Attraction" auf RTL II: Körper vor Charakter

In der neuen Nackt-Kuppelshow "Naked Attraction" auf RTL II sind die Verhältnisse klar: Körper vor Charakter, nackte Tatsachen vor inneren Werten. Das Dating-Format, das eigentlich gar keines sein kann, markiert eine neue Qualität der Oberflächlichkeit. Das ist unfreiwillig amüsant. Und ziemlich traurig.

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Jennifer ist seit acht Monaten Single. Dating ist für die 26-jährige Erzieherin ein unliebsamer Umstand, „weil man eine Riesenauswahl hat“, wie sie sagt. Außerdem will sie später eine Familie gründen, ihr Traummann muss gut mit Kindern können. Also macht sie bei „Naked Attraction“ mit, der neuen Nackt-Kuppelshow von RTL 2. „Das Spannende daran, sich nackt kennenzulernen, ist, dass man direkt vor nackte Tatsachen gestellt wird und sieht, was auf einen zukommt“, sagt Jennifer.

Das Show-Format der BBC-Tochter Tower Productions, das auf dem britischen Sender Channel 4 nicht außerordentlich erfolgreich war, will die Hüllen seiner Kandidaten fallen lassen. In „Naked Attraction“ werde alles abgelegt, was von uns ablenkt. Oder anders formuliert: Die Sendung versteht Kleidung als Verschleierung der (nackten) Tatsachen, nicht als Ausdruck der Persönlichkeit, und reduziert den ersten Eindruck konsequent auf den Körper. Willkommen bei der reinsten Form der Fernsehfleischbeschau. Oder wie Jennifer sagt: „Eine ganz andere Sache, Menschen kennenzulernen.“

Die Sache: Sechs Nackedeis, verpackt in bunten Boxen, werden ihm (oder ihr) präsentiert. Das Verfahren: Stockwerk für Stockwerk wird dem Kandidaten/der Kandidatin immer mehr von den Teilnehmern präsentiert – beginnend beim Unterkörper, dann dem Oberkörper, das Gesicht und schließlich die Stimme. Die Spielregeln: Nach jedem „Stockwerk“ wird ein Teilnehmer verabschiedet, zum Schluss der Prozedur lassen die Kandidaten selbst die Hüllen fallen und entscheiden sich für ein Date.

Das Problem: Von einer echten Partnersuche kann hier nicht die Rede sein.

Macht die Nackt-Kuppelshow „Adam sucht Eva“ bei RTL immerhin noch den Anschein einer vorwiegend persönlichen Auseinandersetzung mit dem Gegenüber, reduziert „Naked Attraction“ die Suche tatsächlich auf Penis, Po & Co. Das ist irgendwo bemerkenswert und bedient natürlich den Voyeurismus des Zuschauers, kommt durch die wenigen Maßstäbe, die angelegt werden können, aber recht geistlos daher. „Der zittert ein bisschen, süß“, sagt die ehemalige Viva-Moderatorin Milka – die in der Show übrigens ihr TV-Comeback feiert – über den Penis eines Teilnehmers. Kandidatin Jennifer attestiert folgerichtig Schüchternheit. Der einzig beschnittene Penis „hängt ganz symmetrisch da, wie gemeißelt“, analysiert Milka beim nächsten Kandidaten. Schließlich fällt die Entscheidung auf Michael, „weil er so einen sympathischen Ausdruck hat“, sagt Jennifer. Erst im Anschluss kommt es zu einem flotten Q&A in einer Bar, mit Klamotten. Bei „Naked Attraction“ gilt: Körper vor Charakter.

Ob sich Moderatorin Milka Loff Fernandes das richtige Format für ein TV-Comeback ausgesucht hat? Zwar entlockt sie den Kandidaten intimsten Vorlieben – etwa, dass Robs Traumfrau nicht „zu zart im Genitalbereich gebaut“ sein darf – und bleibt dabei demonstrativ gelassen. Doch dürfte sich das ehemalige Viva-Gesicht damit endgültig vom seriösen Fach verabschiedet haben, ob sie will oder nicht.

„Naked Attraction“ ist weder besonders unterhaltsam, noch außergewöhnlich skandalös – dafür ist der Zuschauer nach Formaten wie „Adam sucht Eva“, aber auch den inflationären Nackedei-Blitzereien in Trash-Formaten wie „Big Brother“, wahrscheinlich abgehärtet. Neu ist eigentlich nur die Konsequenz mit der der die Kuppelshow, das Kennenlernen auf die Fleischbeschau reduziert. Das hat zumindest in der ersten Folge funktioniert: Immerhin 810.000 14- bis 49-Jährige haben sich „Naked Attractions“ angesehen, ab 22.15 Uhr reichte es für den RTL-II-Neustart deshalb für einen hervorragenden Marktanteil von 10,4%. Zunächst sind drei weitere Ausgaben geplant.

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Alle Kommentare

  1. Jeder junge Mensch, der sich mit dem Gedanken trägt dem Ruf Flinten-Uschis zu folgen und zur Bundeswehr zu gehen, die gerade von der Chefin „gesäubert“ wird, sollte sich ernsthaft überlegen, welche Werte dieser Gesellschaft es noch wert sind, mit dem eigenen Leben verteidigt zu werden. Wir haben uns scheinbar kollektiv dazu entschlossen, unser Land aufzugeben und feiernd in Dekadenz unterzugehen.

  2. Bin gestern zufällig beim Zappen reingestolpert und bin vor lauter Fassungslosigkeit leider länger als 10 Min hängen geblieben – ich konnte nicht glauben, was ich da sehe. Die zitierten Aussagen „der zittert…“ oder „hängt ganz symmetrisch…“ habe ich zwar nicht gehört (ich hatte mich bei Frauen-Fleisch-Schau dazu geschaltet), aber das, was ich gesehen und gehört habe, hat mir dicke gereicht. Vor kurzem lief doch auf irgend einem Sender „12 Years a Slave“ – also hatte ich mich voll in den Film versetzt gefüllt. Da läuft ein „Mann“ mit einer „Moderatorin“ an der Seite durch die Gegend und BEGUTACHTET und KOMMENTIERT „das Vieh“!!!!!!!!!! Mein Mitleid mit den Mitwirkenden hält sich zwar so was von in Grenzen, aber die gesamte Geschichte ist einfach unfassbar! Da wird wohl der Erfinder der „geilen Komödie“ die Südstaaten sich ganz arg zurück gewünscht haben. Die Verdummungsmedien-Industrie hat eine (unglaublich, dass es so ist) LEGALE Grundlage dazu ermöglicht. Weiter so, meine ach so tolerante Gesellschaft! Ich bin stolz auch dich! Wenn deine Kinder dann auf den ähnlich aufgebauten „Märkten“ verkauft werden, brauchst du dann nicht zu meckern – du und deine Kinder haben es nicht anders verdient.

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