Florian Harms wird Chefredakteur von T-Online: Ex-SpOn-Macher soll Ströer-Angebot publizistisch aufwerten

Florian Harms war bis Dezember vergangenen Jahres Chefredakteur von Spiegel Online: Ab September soll er unter Neueigentümer Ströer das Angebot von T-Online vorantreiben
Florian Harms war bis Dezember vergangenen Jahres Chefredakteur von Spiegel Online: Ab September soll er unter Neueigentümer Ströer das Angebot von T-Online vorantreiben

Während der Aufbau des neuen Newsrooms in Berlin bereits läuft, hatte Neu-Eigentümer Ströer die redaktionelle Führung von T-Online noch ungeklärt gelassen. Bis jetzt. Ab dem 1. September ist Florian Harms neuer Chefredakteur des reichweitenstarken Web-Angebots. Harms war bis Dezember 2016 Chefredakteur bei Spiegel Online, bei seinem neuen Arbeitgeber wird er zugleich Co-Geschäftsführer.

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Seine neue berufliche Heimat kommt genauso überraschend wie vor einigen Monaten die Demission als Chefredakteur von Spiegel Online: Florian Harms, seit Dezember nach Auseinandersetzungen mit Geschäftsführung und der Mitarbeiter KG des Spiegel quasi von der öffentlichen Bildfläche verschwunden, meldet sich mit neuer Aufgabe zurück im Mediengeschäft. Der 43-Jährige wird im Herbst die publizistische Verantwortung von T-Online übernehmen. Die Plattform gehört mittlerweile zum Kölner Werbevermarkter Ströer. Dieser hatte das Web-Angebot im August 2015 im Zuge seiner Expansion und der Akquisition von Interactive Media für rund 300 Millionen Euro von der Deutschen Telekom übernommen – und sich erst einmal unbeliebt gemacht.

Denn der neue Eigentümer entledigte sich wenige Wochen später der über 100-köpfigen Redaktion und kündigte an, den T-Online-Standort in Darmstadt dichtzumachen, um die Redaktion in die Hauptstadt Berlin zu verlegen – und diese dort deutlich kleiner und zu deutlich günstigeren Konditionen zu betreiben, wie Kritiker bemängelten. Ströer hingegen kündigte eine Content-Offensive an und erklärte, den „modernsten Newsroom Deutschlands“ mit besten Voraussetzungen für „integriertes und multimediales Storytelling“ bauen zu wollen.

Mit Harms als Top-Verpflichtung bekommt das Vorhaben nun einen erfahrenen Seitenmacher, von dem sich der Vorstand rund um CEO Udo Müller wohl nicht nur das gekonnte Management einer modernen Redaktion erhofft, sondern in Richtung der Branche auch einen positiven Effekt auf das angekratzte Image.

Als der Chefredakteur von Spiegel Online Ende des vergangenen Jahres beim Nachrichtenmagazin überraschend abgesetzt wurde, sah man bei Ströer offenbar die willkommene Gelegenheit, einen Portalmacher mit Top-Referenzen für den News-Betrieb von T-Online zu gewinnen. T-Online hat in der Branche – ob zu Recht oder auch nicht – das Image hat, hauptsächlich Login-Anlaufstelle von E-Mail-Kunden zu sein.

Harms volontierte bei der renommierten NZZ in der Schweiz, bevor er 2004 zum Spiegel Verlag kam und sich dort zum Chefredakteur von Spiegel Online hocharbeitete. In seiner Zeit an der Ericusspitze bewies sich der studierte Islamwissenschaftler durch Weiterentwicklungen der Marke, beispielsweise durch das von ihm gegründete und zunächst verantwortete Ressort einestages oder durch den Start des Jugendablegers Bento, der auch zur Spielwiese für neue Vermarktungsformate geworden ist.

Harms soll T-Online eine eigene Handschrift verpassen

Mit der Personalie unterstreicht der Vermarktungskonzern seine Botschaft, es durchaus ernst zu meinen mit dem Journalismus. Neben dem weiteren Aufbau der Redaktion wird es Harms‘ erste Aufgabe sein, das Portal inhaltlich voranzutreiben, um sich von derzeit vergleichbaren Produkten anderer Mail-Anbieter, wie Gmx.de oder Web.de, abzugrenzen und T-Online bei den publizistisch hochwertigeren Produkten anzusiedeln, wie es heißt. Das bedeutet, in bereits starken Ressorts wie News und Ratgeber/Service unabhängiger von Agenturinhalten zu werden und eigene Zugänge zu Themen zu finden.

Auch wenn der Umbau von T-Online die Unterstützung aus der Führung des Konzerns – der sich vom reinen Vermarkter zum ernsthaften Content-Anbieter transformiert – erfährt, handelt es sich um ein publizistisch höchst ambitioniertes Vorhaben. Unternehmen ohne verlegerische Tradition gelten hingegen als unvoreingenommen und innovationsfreundlicher, besonders Harms als ehemaliger SpOn-Chef dürfte das wissen.

Kopf-an-Kopf-Rennen mit Bild: T-Online hat fast doppelt so viele Visits wie Spiegel Online

Gewisse Trends dürften bei T-Online aber unbeachtet bleiben. Während deutschlandweit Verlage zunehmend an Bezahlangeboten arbeiten, ist T-Online als Tochter von Ströer konsequent reichweitengetrieben und leistet sich mit 348,84 Mio. monatlichen Visits (laut Online-IVW, März 2017) ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit Axel Springers Bild (368 Mio. Visits) und erreicht fast doppelt so viele Visits wie Spiegel Online – betrachtet man lediglich die Zugriffe aus dem Inland liegt das T-Online-Contentangebot laut IVW mit 333 Mio. Visits sogar an der Spitze, nach Unique Usern ist T-Online laut AGOF deutlicher Marktführer.

Was die Reichweite angeht, scheint T-Online sogar noch Potential zu haben. Eine kurze Analyse mit Hilfe von SimilarWeb zeigt, dass 70 Prozent der Nutzer T-Online direkt ansteuern. Der Traffic über Suchmaschinen beträgt lediglich elf Prozent, in den sozialen Medien scheint T-Online noch gar nicht angekommen zu sein, 1,5 Prozent macht der Anteil am Traffic aus. Trotz der hohen Zahl der Direktzugriffe, dürfte es weitere Aufgabe sein, T-Online auch bei diesen Nutzern als feste Nachrichtenquelle zu etablieren. Viele kommen unter anderem wegen ihrer E-Mail-Adressen zu T-Online. 61 Mio. Visits gingen laut IVW im März auf das Konto der IVW-Rubrik „E-Mail/SMS/E-Cards“. Bei der AGOF sind es 5,48 Mio. Unique User für das „T-Online E-Mail Center“.

Harms, dem bei Spiegel Online zuletzt die konzeptionelle Schwäche des Bezahlmodells Spiegel Plus angelastet wurde, dürften der Ausfall von Paid-Content-Debatten sowie die Fokussierung auf Reichweite entgegenkommen. Er tritt im September nicht nur als Chefredakteur der Content-Unit an, sondern wird auch die Position des Co-Geschäftsführers der Ströer News Publishing GmbH neben Geschäftsführer Marc Schmitz einnehmen. Schmitz leitet nicht nur die Redaktions-Gesellschaft, sondern auch die übergeordneten Gesellschaft Ströer Content Group GmbH, in der alle redaktionellen Portale Ströers zusammenlaufen.

Die Berufung in die Geschäftsführung stärkt zum einen Harms‘ Position, lässt aber auch auf eine enge Zusammenarbeit zwischen Redaktion und Konzernführung schließen. Ein ähnliches Modell fährt Burdas Digital-Tochter Burda Forward, zu der Focus Online gehört. Dessen Chefredakteur Daniel Steil ist seit vergangenem Jahr ebenfalls Mitglied des Managing Board, das Wert auf enge Zusammenarbeit von Redaktion und Vermarktung legt. Beide Portale gelten als profitabel, von T-Online hatte es auch unter Vorbesitzer T-Online in den vergangenen Jahren geheißen, dass das Portal finanziell äußerst gut laufe.

Als Chef der Redaktion wird Harms auf Arne Henkes folgen, der im vergangenen Monat zum Director Content von Ströers Content Group berufen wurde und den Redaktionsaufbau kommissarisch leitet. Nach Harms‘ Antritt wird er dem Unternehmen in dieser Position erhalten bleiben und die strategische Ausrichtung der weiteren zu Ströer gehörenden Portale giga.de, kino.de und erdbeerlounge.de mitbestimmen.

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Alle Kommentare

  1. Was? T-Online ist und war immer unnötiger Müll wie die Telekomiker und Ströer. Die Reichweite ist erschwindelt.

  2. Ja, so funktioniert es heutzutage: Da werden massiv Redakteure abgebaut und fügt dem T-Online-Portal damit einen massiven Qualitätsverlust zu, den man sehen kann. In der neuen, ach so hippen Redaktion in Berlin … nee, wie heißt das jetzt? … im neuen Hub rennen ihnen die leistungswilligen Jungjournalisten nicht gerade die Bude ein, weil Kicker und Kaffee allein eben doch nicht reicht – und dann holt man jemanden, der mit seinem Namen Eindruck machen soll, und der redet dann von Qualitätsjournalismus. Kaffee, Kicker, Hub und Qualitätsjournalismus – Seifenblasen-Marketing nenne ich das.
    T-Online war von Anfang an Marktführer und in seinem breiten Angebot eine journalistische Qualitätsmarke ganz eigener Art, gleichzeitig innovativ und konstant, aktuell und ein bisschen tief. Auch wenn das die deutschen Medienbranche kaum wahrgenommen hat bzw. wahrnehmen wollte. Daran hatten Leute mit viel Herzblut mitgewirkt, die man jetzt einfach auf die Straße gesetzt hat. Das kann man nicht mit einer Personalie und einem Schlagwort wettmachen.

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