„Im modernen Fernsehen schreibt man nicht mehr für Sendeplätze“: TV-Produzentin Natalie Scharf über den neuen ZDF-Dreiteiler „Honigfrauen“

Der ZDF-Dreiteiler „Honigfrauen“ startet am 23.4., 20.15 Uhr, im ZDF
Der ZDF-Dreiteiler "Honigfrauen" startet am 23.4., 20.15 Uhr, im ZDF

Nach "Der gleiche Himmel" startet das ZDF mit "Honigfrauen" (heute, 20.15 Uhr, ZDF) eine weitere fiktionale Aufarbeitung der jüngeren deutschen Geschichte. "Ich wollte nicht die neunte DDR-Geschichte machen", sagt Autorin und Produzentin Natalie Scharf (u.a. die "Frühling"-Reihe, "Tsunami – Das Leben danach") gegenüber MEEDIA, "sondern diese paradiesische Kulisse nehmen und subtil vom Bösen erzählen". Was die DDR mit Bikinis und Badehosen zu tun hat und warum Fernsehsender immer noch in Sendeplätzen denken, erklärt sie im Interview.

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Frau Scharf, das ZDF beschreibt ihren Dreiteiler als „Familien-Ost-West-Drama in Badehose und Bikini“. Ist die Beschreibung zutreffend?
Der Dreiteiler ist letztendlich auch Zeitgeschichte, vor allem aber ist er ein Familiendrama. Mich haben vor allem die Abgründe, Menschen und Charaktere interessiert – und eben die porträtierte Familie in „Honigfrauen“ und die schwierige Kulisse, in der sie leben. Ob es nun das Stasi- oder das Nazi-Regime ist – das ist nur eine Farbe der Theaterbühne. Genauso wie die paradiesische Idylle, in der sich die Geschichte abspielt.

„Honigfrauen“ ist also ein Familiendrama mit „Badehose und Bikini“. Wie passt das zusammen?
„Honigfrauen“ ist ein Drama um eine Familie in einer Extremsituation. Und da fand ich den Schauplatz des Balaton-Badesees sehr interessant, da sich letztendlich ein geteiltes Volk auf fremdem Boden trifft – und wenn das in Bikinis und Badehosen ist. Ich habe mich gefragt: Wenn Verrat an Figuren begangen wird, was in „Honigfrauen“ nun mal auch ein Thema ist, muss man sie gleich in die dunkelste Ecke der Strandkneipe setzen, um es dem Zuschauer mit dem Holzhammer zu vermitteln? Oder setzt man sie lieber nach draußen in die Sonne? Letzteres halte ich für sehr viel unheimlicher und subtiler – und auch realistischer.

Der Spiegel schreibt, dass „Honigfrauen“ auf den ersten Blick ein „Werbefilm für Urlaub in Ungarn“ sein könnte – auf den zweiten Blick sieht man Republikflüchtlinge, die auf dem Weg in den Westen umkommen und ins Visier der Stasi geraten. Wie haben Sie diesen ungewöhnlichen Mix beim ZDF unterbekommen?
Das ZDF ist da weiter, als viele vielleicht denken. Das ist auch eine Sache, die mir an dem Spiegel-Artikel nicht so gut gefallen hat: Wir laufen zwar am Sonntag auf dem Sendeplatz von Rosamunde Pilcher – im modernen Fernsehen schreibt man aber nicht mehr für Sendeplätze. Nur weil ein Format an einem Sonntag läuft, heißt das nicht, dass es automatisch seicht ist. Auch ein Format am Montag muss es nicht zwingend pädagogisch wertvoll sein. Es geht immer um Geschichten und Geschichtenerzähler – das zeigen Streaming-Dienste wie Netflix auf radikale Weise, die sozusagen an keinen Sendetag gebunden sind.

Wünschen Sie sich ein Umdenken im linearen Fernsehen, was die starre Programmplanung angeht?
Absolut. Aber die Fernsehsender machen ihre Hausaufgaben, ein Umdenken findet statt. Wir haben lange überlegt, ob wir am Monntag, Mittwoch oder Sonntag laufen wollen. Dass die „Honigfrauen“ an drei Sonntagen ausgestrahlt werden, war schließlich eine Entscheidung des ZDF. Wenn das Publikum das Programm findet, ist es egal, an welchem Tag es stattfindet.

Warum wird noch in Sendeplätzen gedacht?
Denken Sie an den französischen Film „Ziemlich beste Freunde“ – für mich ein Unterhaltungsfilm der Tiefe hat. Das ist im deutschen Fernsehen noch selten. Es wird entweder in Tiefe oder Unterhaltung unterschieden – und dementsprechend auch in Sendeplätzen gedacht. Man muss einfach lernen, gute Geschichten zu erzählen. Und das ist in den meisten Fällen nun mal ein Genre-Mix – weil unser Leben ein Genre-Mix ist. Ich kann heute den ganzen Tag lachen und mein Leben ist eine Komödie. Morgen habe ich einen Unfall und mein Leben verwandelt sich in ein Drama. Und auch in „Honigfrauen“ spielt das Leben, wie es will. Es war mir wichtig, dass auch schlimme und böse Sachen in einem scheinbar sonnigen Werbekatalog passieren können.

Sat.1 startet am 23. April mit „Little Big Stars“ eine neue Sonntagabend-Show mit Thomas Gottschalk, RTL zeigt die Free-TV-Premiere von „Fifty Shades of Grey“ und in der ARD läuft der „Tatort“ – ihre „Honigfrauen“ haben starke Konkurrenz. Sind Sie besorgt?
Ich scheue mich nicht vor der Konkurrenz. Da muss man sowieso durch – egal an welchem Tag das Format schließlich ausgestrahlt wird. Und ob Sonntag oder Montag: „Honigfrauen“ bleibt eine spannende Seriengeschichte mit guten Charakteren aus dem Leben, in der die DDR-Stasi und der Balaton eben die Kulisse sind.

Kommen wir zu Ihrer Familiengeschichte. Sie wurden 1966 in München geboren. Hatten Sie vor der Produktion von „Honigfrauen“ einen Bezug zu der DDR?
Mein Vater war Sudeten-Deutscher, genauso wie meine verstorbene Tante. Bei ihrer Flucht aus Tschechien trennten sich ihre Wege. Mein Vater studierte in Westdeutschland Medizin, meine Tante lebte dann mit meiner Großmutter im ostdeutschen Thüringen. Und so habe ich viele Familienfeste in der DDR verbracht. Meine Familie war also auch durch die Mauer getrennt.

Von ihrer Familie in Thüringen nach Ungarn, dem Dreh- und Angelpunkt von „Honigfrauen“, ist es allerdings ein weiter Weg. Warum haben Sie sich für einen Badeort als Kulisse entschieden?
Weil das Balaton ein beliebter Urlaubsort für Ost- und Westbürger gewesen ist. Auch wir haben Anfangs überlegt, uns da zu treffen. Viele wissen allerdings bis heute nicht, dass sich dort nicht nur DDR-Spitzel herumgetrieben haben – sondern fast jeder Reiseführer für die DDR spioniert hat. Uns war das bekannt und deswegen haben wir den Urlaub lieber in unseren vier Wänden verbracht. Die Jungs aus unserer Clique haben aber immer viel von diesem Ort erzählt. Und von den „Honigfrauen“…

…umgangssprachlich für die schönen Mädchen aus dem Osten…
…was ich nicht so toll gefunden habe, da die Jungs nur noch von Ost-Mädchen geschwärmt haben. (lacht) Aber dieses Phänomen fand ich sehr spannend. Und um das Gefühl von damals besser einzufangen, haben wir auch auf eine ausgewogene Mischung im Team geachtet, das sowohl in Ost- und in Westdeutschland aufgewachsen ist. Es war mir wichtig, die Bedeutung des Balaton zu schärfen – des mystischen Badesees, der nicht nur sagenhaft schön ist – sondern auch des Urlaubsparadieses von Ost- und Westbürgern, das vor Spionen gestrotzt hat. Von diesen Orten gibt es nicht viele.

Während der ZDF-Dreiteiler „Der gleiche Himmel“ im Jahr 1973 spielt, also zu einer Zeit, in der die DDR noch auf sicheren Beinen zu stehen schien, haben Sie die Handlung von „Honigfrauen“ im Jahr 1986 angesiedelt – also drei Jahre vor dem Mauerfall, in der sich die Aufbruchstimmung bereits angedeutet hat…
…mir gefiel eben dieser Bruch zwischen Reisekatalog-Idylle und dem heranziehenden Sturm. Und eben die Entwicklung der Protagonisten, die zu Beginn noch total auf DDR-Linie sind – und später mit dem Protest der Republikflüchtlinge konfrontiert werden. Dieser Sturm, das Aufziehen der dunklen Wolken, hat mich sehr gereizt.

Im Juli 2015 hat „Deutschland 83“ die DDR-Thematik neu angestoßen, vor kurzem war der ZDF-Dreiteiler „Der gleiche Himmel“ zu sehen – dessen Hauptdarsteller Tom Schilling wird im November mit „Werk ohne Autor“ sogar erneut in einem DDR-Drama zu sehen sein. Ist es gerade in Mode, DDR-Dramen zu drehen?
Nein, das kann ich mir nicht vorstellen. Es geht in erster Linie immer um die Menschen – in unserem Fall ist der DDR-Hintergrund eigentlich nur die Kulisse gewesen. Wenn die Geschichten gut erzählt sind, finden diese immer ihr Publikum – egal ob DDR-Thematik oder nicht. Ich wollte nicht die neunte DDR-Geschichte machen, sondern diese paradiesische Kulisse nehmen und subtil vom Bösen erzählen.

Sie erzählen die „Honigfrauen“ in drei Teilen, der Eventfilm könnte also auch als Mini-Serie durchgehen. Eignen sich komplexe Stoffe für das serielle Erzählen besser, als für den klassischen 90-minütigen Spielfilm?
Ich habe über die Jahre gemerkt, dass mir das vertikale Erzählen wahnsinnig gut gefällt. Aber auch mein Sehverhalten hat sich geändert. Nach einem 90-minütigen Spielfilm bin ich oft enttäuscht, dass es schon vorbei ist. Wenn ich aber fünf Stunden mit meinen Lieblingscharakteren verbringen möchte, greife ich lieber zur Serie – und da schließt sich auch der Kreis zu meinen „Honigfrauen“.

Das ZDF zeigt die „Honigfrauen“ an drei aufeinanderfolgenden Sonntagen – heute, am 30. April und 7. Mai, jeweils um 20.15 Uhr.

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