Anzeige

Stephan Lamby ARD-Doku „Die nervöse Republik“: Innenansichten einer dauererregten Gesellschaft

Aufgrund kritischer Anmerkungen zur Willkommenkultur bekam Linke-Chefin Sahra Wagenknecht (Foto) im Mai 2016 eine Torte ins Gesicht
Aufgrund kritischer Anmerkungen zur Willkommenkultur bekam Linke-Chefin Sahra Wagenknecht (Foto) im Mai 2016 eine Torte ins Gesicht

In seinem neuen Dokumentarfilm zeichnet Stephan Lamby das Bild von Deutschland als "Nervöse Republik" (heute Abend ab 22.45 Uhr in der ARD) und skizziert den Kampf von Politik und Medien um Öffentlichkeit. Das ist mindestens sehenswert, wirft aber ungewollt eine elementare Frage auf: Ist die Republik wirklich nervös oder scheint sie nur so, nur weil es ihre Leitfiguren (auch in den Medien) sind?

Anzeige

Stephan Lamby hat schon viele Dokumentarfilme gedreht. Über bedeutende Persönlichkeiten wie Helmut Kohl, Angela Merkel oder Fidel Castro. Aber auch über politische und wirtschaftliche Phänomene – „Der Domino-Effekt – Kippt der Euro?“ von 2012 hat zahlreiche Auszeichnungen erhalten. Nun zeichnet Lamby das Bild von Deutschland im Zustand der Dauerregung, als „Nervöse Republik“, in der sowohl Politik als auch Medien zwischen „Lügenpresse“-Rhetorik, kollektiven Vertrauensverlust und ihrem eigenen Selbstverständnis um Öffentlichkeit zu kämpfen haben.

Die Annahme scheint nicht weit hergeholt, auf der Agenda stehen Themen wie Brexit, Trump und der Anschlag in Berlin – zweifellos hat der Dokumentarfilmer mit dem Jahr 2016 einen brisanten Zeitraum gewählt, um Spitzenpolitiker und Medienmacher ein Jahr lang zu begleiten. Innerhalb von 90 Minuten verhandelt die Auftragsproduktion des NDR und RBB Themen wie den Amoklauf in Ansbach oder der Kanzlerkandidatur von Martin Schulz (SPD), aber auch vermeintliche Randerscheinungen wie der Tortenwurf auf die Linke-Chefin Sahra Wagenknecht. Es scheint so, als würde der Film das irre Tempo auf dem politischen Parkett und in der Medienwelt imitieren.

Sinnbildlich für die nie abebbende Nachrichtenflut steht natürlich die Medienwelt, die Lamby von innen ausleuchtet. Etwa, wenn er am Tag der Brexit-Abstimmung in der Spiegel Online-Redaktion „angefasste“ Redakteure erlebt, die mit dem EU-Ausstieg Großbritanniens nicht gerechnet haben und Spiegel-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer um 5.10 Uhr die Druckmaschinen stoppt, um die Titelgeschichte umzuschmeißen. Oder sich Bild-Chef Julian Reichelt am berüchtigten „Nationalmannschaft“-Tweet von AfD-Vize-Chefin Beatrix von Storch stößt. „’Ne Rüge oder sowas lässt sich organisieren“, sagt ein Mitarbeiter am Konferenztisch. Der vermeintlich unbedeutende Tweet gehört mit rund 46.500 Klicks innerhalb einer Stunde zu den Top-Storys – aber: „Wir haben so viele Klicks, wir können auf von Storch verzichten“, sagt Reichelt.

„Wir haben als Medien über Jahrzehnte hinweg unsere enormen Reichweiten als enorme Zustimmung fehlinterpretiert“, räumt Reichelt später gegenüber Lamby ein. „Dabei haben wir übersehen, dass wir quasi ein Verteilungsmonopol besessen haben. Viele Menschen haben auf einmal das Gefühl, dass sie durch Social Media endlich den Zugang zu der Wahrheit haben, den wir ihnen vorenthalten haben.“ Das wird auch auf einer Demonstration in Dresden deutlich, bei der zwei jugendliche Demonstranten die Facebook-Seite von Pegida als „beste Informationsquelle“ bezeichnen. Der ehemalige Bild-Herausgeber Kai Diekmann merkt an, dass der „fatale Algorithmus“ von Facebook nur ausgewählte Beiträge ausspuckt; Nutzer sich in Filterblase bewegen. Jene Verzahnung von Ereignis und Expertenmeinung ist spannend. Und vielleicht der einzige Mehrwert des Dokumentarfilms.

Warum die Alternative für Deutschland polarisiert, Facebook zum Wahlsieg von US-Präsident Donald Trump beigetragen hat und soziale Netzwerke zum bevorzugten Kommunikationskanal von Politikern avanciert sind wurde längst aufgeschrieben. Die „Nervöse Republik“ ist sozusagen das Behind-the-Scenes-Material einer faszinierenden wie möglicherweise fatalen Entwicklung, die längst stattgefunden hat. Umso aufschlussreicher sind die Szenen, in der etwa eine ungewohnt offene AfD-Chefin Frauke Petry erklärt, dass „polarisierende Parteitagsreden“ einfach „Teil des Parteienspektakels“ seien oder warum sich das Mitleid von Bundesinnenminister Thomas de Maizière in Grenzen halte, wenn es um Kritik an Journalisten geht – weil sich „Medien zur vierten Gewalt aufspielen“. Auch Spitzenpolitiker der Linken (Sahra Wagenknecht), CDU (Peter Tauber) und SPD (Katarina Barley) kommen zu Wort, sprechen offen über den Fluch und Segen von sozialen Netzwerken und den Kampf um Wählerstimmen.

Das ist interessant, aber auch ein Problem: Lamby hat die Republik zwar beobachtet, die Ereignisse werden aber von ihren Repräsentanten eingeordnet. Lamby ist durch seine Herangehensweise, die Geschehnisse selbst nicht zu kommentieren, zwar ein eindrucksvoller und offener Einblick in den Politik- und Medienbetrieb gelungen – bei dem aber einige elementare Fragen offen bleiben: Ist die ganze Republik nervös, nur weil es ihre Repräsentanten sind? Und was sagen eigentlich Lokalpolitiker und -Redaktionen? Der Dramaturgie des Dokumentarfilms schadet diese Logiklücke nicht, sie ist wahrscheinlich auf die Kürze des Streifens zurückzuführen. Schade ist allerdings der Umstand, dass die Protagonisten nicht an einem Tisch sitzen. Die „Nervöse Republik“ wird daher wohl erst im Nachgang, im Dialog und in der Diskussion, ihre gesamte Sprengkraft entfalten. Das hat die Podiumsdiskussion, bei der (fast) alle Protagonisten der TV-Doku zusammengeführt wurden, eindrücklich gezeigt. So oder so: Die Verunsicherung, die Lamby nachzeichnet, ist spürbar.

„Die nervöse Republik“ wird am 19. April, 22.45 Uhr, in der ARD ausgestrahlt. 

Anzeige
Anzeige