Christian Linder und der Westentaschen-Citizen-Kane vom Mittelrhein

Christian Lindner, Walterpeter Twer, TV direkt, Spiegel Online-Bericht
Christian Lindner, Walterpeter Twer, TV direkt, Spiegel Online-Bericht

Viele hatten sich gefragt, warum Christian Lindner eigentlich bei der Rhein-Zeitung gehen musste. Diese Woche kamen wir der Sache näher. Die abberufene Chefredakteurin der TV direkt bekommt zum Abschied ein Editorial als Osterei. Das Smartphone ist nicht erst seit gestern die „Fernbedienung des Lebens“, und Spiegel Online liefert Vorzügliches zu einem schwierigen Thema. Der MEEDIA-Wochenrückblick.

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Ein wenig Licht ins Dunkel kam diese Woche in die Frage, warum Christian Lindner nun eigentlich als Chefredakteur der Rhein-Zeitung gehen musste. Der einst als kressreport bekannte Mediendienst kress pro (früher habe ich mal beim kress gearbeitet, an diesen komischen neuen Namen werde ich mich nie gewöhnen) hat es tatsächlich geschafft, den von der taz mal als „Raubfisch vom Rhein“ geschmähten Rhein-Zeitungs-Verleger Walterpeter Twer zur Demission seines Chefredakteurs Lindner zu befragen. Das ist alles andere als einfach, denn der gemeine rheinische Raubfisch ist ein scheues Tier. Twer gab bei kress pro zu Protokoll, dass Lindner habe gehen müssen weil:

1. Lindner mit einem „offen Brief“ an die Türken, in dem er diese zu einem „Nein“ bei Erdogans umstrittenem Verfassungs-Referendum aufforderte, eine wie auch immer geartete „Grenze überschritten“ habe.
2. Lindner habe trotz Unterlassungs-Erklärung das Haus von Ex-Agent Werner Mauss gezeigt.
3. Führungskräfte hätten sich über Lindners Art beschwert.
4. Lindner habe den Verleger Twer auf einem Parkplatz mit einer „frechen Bemerkung“ bloßgestellt.
5. Lindner habe sich geweigert, ständig über die Verlegergattin Manuela Lewentz-Twer zu berichten.

Alles etwas verkürzt widergegeben nach der turi2-Zusammenfassung der kress-Geschichte. Mir persönlich gefällt ja Grund Nummer 4 am besten. Welche „freche Bemerkung“ war das wohl? Und dann auch noch auf dem Parkplatz! Dass Frau Lewentz-Twer, die gerne und viele Krimis schreibt und sich gerne und viel sozial engagiert sehr oft in der Zeitung des Gatten vorkommt und die Redaktion darüber nicht immer – wie soll man das sagen – rauschend begeistert sein soll, ist indes so etwas wie ein offenes Geheimnis. Hinzu kommt, dass Frau Lewentz-Twer vor ihrer Ehe mit dem mächtigen Zeitungs-Zaren vom Mittelrhein mit dem rheinland-pfälzischen SPD-Politiker und früheren Wirtschaftsminister und Fraktionschef Hendrik Hering verheiratet war. Und der Bruder von Frau Lewentz-Twer ist Roger Lewentz, der aktuelle rheinland-pfälzische SPD-Chef und Landesminister für Inneres und Sport, der mit dem ganzen Skandal um den missglückten Verkauf des Flughafens Hahn manch Päcklein schultern musste. All dies war und ist auch immer Thema in der Rhein-Zeitung – natürlich. Die familiären Verflechtungen von Frau Lewentz-Twer sollen in der Redaktion auch schon die eine oder andere interne Diskussion ausgelöst haben.

Für das beste Kopfkino sorgen aber die kolportierten Geschichten, dass die schriftstellerischen Werke der Verleger-Gattin stets über Gebühr im Blatt gewürdigt würden. Ein Redakteur der Allgemeinen Zeitung (Mainz) hatte da eine gewisse Assoziation:

Walterpeter Twer als Westentaschen Citizen Kane vom Mittelrhein – das hat doch was!

Mindestens ungewöhnlich ist das Editorial der Oster-Ausgabe der Fernsehzeitschrift TV direkt.

Darin verabschiedet sich die Redaktion von ihrer langjährigen Chefredakteurin Katharina Lukas. Bei Funke, wo TV direkt erscheint, wurde umstrukturiert und Multiblatt-Chef Carsten Pfefferkorn kümmert sich nun um TV direkt. Lukas hatte TV direkt vor rund 20 Jahren mal erfunden und die Redaktion seither geleitet. „Wohin es Katharina Lukas jetzt zieht, steht noch nicht fest“, ist da nun zu lesen. Und: „Alle 14 Tage kaufen mehr als 1 Million Menschen TV direkt.“ Wieso liest sich dieser Abschiedsgruß der Redaktion nur wie eine x-beliebige, blutarme Pressemitteilung? Was soll das im Editorial? „Viele Grüße, die Redaktion“ ist das Textlein unterschrieben. (Un-)persönlicher geht’s kaum.

Ach dieses Smartphone – man kann ja nicht mehr ohne. Und die junge Generation, diese – achtung Terminus technicus – Millennials schon gleich gar nicht. Mit welcher Metapher könnte man diese herausragende Bedeutung des Smartphones denn am besten umschreiben? Wie wäre es damit: Das Smartphone ist so etwas wie, ja wie: die Fernbedienung des Lebens! Toll, oder? Ist aber natürlich nicht auf meinem Mist gewachsen. Diese Hammer-Metapher wurde diese Woche von Kai Diekmann in seinem Interview mit der Kleinen Zeitung verwendet und dann gleich nochmal von Medien-Prof. Stephan Weichert in der Pressemitteilung zu einer tollen Millennial-Studie für den BDZV. Wenn man „Fernbedienung des Lebens“ mal googelt, stellt man fest, dass auch Diekmann und Weichert den Begriff nicht direkt erfunden haben. Die Metapher wurde schon in zig Artikeln breitgetreten. Die früheste Erwähnung fand ich im Jahr 2011 in der MEEDIA-Schwesterpublikation Absatzwirtschaft. Und dabei wurde das iPhone ja erst 2007 eingeführt. Das zeigt mal wieder, wie sich griffige Umschreibungen verbreiten. Ist die „Fernbedienung des Lebens“ damit nun schon eine Phrase oder nur eine etwas angegrabbelte Formulierung aus der Stanze? Entscheiden Sie selbst!

Schrecklich, diese ganze Meckerei. Und das vor Ostern! Zum Schluss also noch etwas Positives, denn es gibt sie noch, die guten Dinge in den Medien. Wenn auch leider zu einem ernsten Thema. Es war beziehungsweise ist gar nicht so leicht, will man in „den Medien“ einigermaßen Fundiertes zur Beweis- und Indizienlage in Sachen Giftgasangriff in Syrien erfahren. Schade eigentlich. Viele Medien, auch Qualitäts-Bannerträger, gehen wie selbstverständlich davon aus, dass schon stimmen wird, was die US-Regierung da an Erklärungen auftischt, nämlich dass das Assad-Regime hinter dem abscheulichen Angriff steckt. Verschwörungsseiten und russisch gesteuerte Medien behaupten wie selbstverständlich das Gegenteil aber von denen soll hier gar nicht erst die Rede sein. Lob gebührt darum Spiegel Online, die in einem langen und ausführlichen Stück, die Fakten- und Indizienlage ohne Scheu vor der notwendigen Kompliziertheit zusammengetragen haben. Das ist es, was man von Qualitätsmedien erwarten darf. Dafür hätte man meiner Meinung nach sogar Geld verlangen können.

Ansonsten: Frohe Ostern!

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