Anzeige

Nachhörbedarf: Immer mehr deutsche Medien entdecken das Potenzial von Podcasts

Von „Fest & Flauschig“ über „Stimmenfang“: Erlebt der Podcast nun auch in Deutschland seinen endgültigen Durchbruch?
Von "Fest & Flauschig" über "Stimmenfang": Erlebt der Podcast nun auch in Deutschland seinen endgültigen Durchbruch?

Kommt sie oder kommt sie nicht - die Podcast-Welle? Alle Jahre wieder wird der Durchbruch von Podcasts heraufbeschworen. Nun scheint die Szene in Deutschland an Bedeutung zu gewinnen: Die Produktionen werden aufwendiger, die Auswahl größer – und das Format "endlich zum Entertainment". Der Bayerische Rundfunk und Spotify startete gar einen "Call for Podcast". MEEDIA mit der Bestandsaufnahme eines lange vernachlässigten Mediums.

Anzeige
Anzeige

Die deutsche Podcast-Szene hat viel zu erzählen. Also hat der Bayerische Rundfunk (BR) im Oktober den „Call for Podcast“ gestartet. Es wurden 601 Ideen für eine Podcast-Serie eingereicht, eine 51-köpfige Jury hat die zehn besten Vorschläge gekürt – und die Macher mit einem Budget von jeweils 1.000 Euro ausgestattet, damit sie eine Pilotfolge produzieren können. Ende März winkt den drei Besten noch einmal diese Summe – und gesonderte Verhandlungen, um gemeinsam vielleicht eine ganze Staffel zu produzieren.

Keine weiteren Fragen. Außer: Serie? Pilotfolge? Staffel?

„Podcasts erleben in Deutschland gerade eine Renaissance“, sagt Richard Wernicke, Head of Content & Editorial GSA beim Musik-Streaming-Dienst Deezer, gegenüber MEEDIA. „Erst jetzt gibt es endlich aufwändig produzierte und qualitativ hochwertige Produktionen.“ Kurz: In Deutschland herrscht Nachhörbedarf.

Podcasts als eigenes Genre, losgelöst vom Wort-Korsett „Hörspiel“ oder „Radiobeitrag“, sind in den USA längst gelebte Praxis. Mit Formaten wie „Serial“, in dem die Journalistin Sarah Koenig wahre Crime-Storys durch Recherchen und Interviews erzählt, oder „Alice Isn’t Dead“, einer fiktionalen Geschichte um eine Truckfahrerin auf ihrer Spurensuche durch die USA, werden Geschichten in bester HBO-Serien-Manier erzählt. Die Bilder entstehen dabei im Kopf des Hörers – ob beim Joggen, Gassigehen oder beim abendlichen Abwasch. „Immer genau dann, wann sie es wollen. Das ist der entscheidende Vorteil zum linearen Radio.“, so Wernicke.

Dass die neue Form des Erzählens auch in Deutschland an Bedeutung gewinnt, zeigt nicht nur der „Call for Podcast“ des BR: Mit „Das kleine Fernsehballett“ haben Medienkritiker Stefan Niggemeier und TV-Moderatorin Sarah Kuttner vor knapp einer Woche eine Podcast-Reihe bei Deezer gestartet. Für 2017 seien sogar insgesamt zehn Eigenproduktionen geplant, so Wernicke gegenüber MEEDIA. Den Anfang mache „Wissens Snacks“ im April, „ein Podcast mit Fünf-Minuten-Häppchen über wissenschaftliche Dinge, die man wissen sollte.“ Denn auch das können Podcasts sein: Snackable Content.

Auch Konkurrent Spotify, der übrigens den „Call for Podcast“ mit veranstaltet, erweitert sein Podcast-Angebot fortlaufend. In Deutschland zählt der Musik-Streaming-Dienst derzeit 350 bis 450 lizensierte deutsche Podcasts – seit kurzem ist etwa der neue Politik-Podcast „Stimmenfang“ von Spiegel Online oder „Hotel Matze“ der Szene-Seite Mitvergnügen verfügbar, die mit „Sexvergnügen“ bereits ein gefeiertes Format veröffentlicht. Am beliebtesten sei bei Spotify aber immer noch „Fest & Flauschig“, der Talk von Jan Böhmermann und Olli Schulz, heißt es. Absolute Zahlen? Gibt es nicht – wie es sich für einen ordentlichen Streaming-Dienst (Stichwort: Amazon und Netflix) fast schon gehört herrscht Schweigen.

Anzeige

Ein wenig konkreter wird man beim öffentlich-rechtlichen BR: Laut einer ARD- und ZDF-Studie habe sich von 2014 auf 2015 die Zahl der deutschen Podcast-Konsumenten im Allgemeinen fast verdoppelt, immerhin fünf Prozent der 14- bis 49-Jährigen würden täglich einen Podcast hören. Beim BR im Besonderen habe sich das Angebot, das mittlerweile bei satten 30.000 Podcast- und Videocast-Files liegt, zwischen 2008 und 2016 ungefähr verdoppelt. Die Downloads seien im gleichen Zeitraum um rund das Zwanzigfache gestiegen.

Das liegt nicht zuletzt an der Themenvielfalt, die Podcasts mittlerweile bespielen bzw. bedienen: Neben launigen Talks („Fest & Flauschig“), Interview-Reihen („Durch die Gegend“), Reportagen und Wissenssendungen („radioWissen“) und klassischen Hörspielen („Geisterjäger John Sinclair“) findet sich mittlerweile fast jedes Genre. Alles ist möglich. Und findet durch zahlreiche Kommunikationswege, ob vom Smartphone oder Zero-Display-Geräten wie den Heimassistenten von Google (Google Home) oder Amazon (Amazon Echo), unkompliziert zum Konsumenten. Doch ist man sich sowohl bei Deezer und Spotify als auch beim BR einig, dass es zumindest in Deutschland noch eine Lücke zu schließen gibt: das Thema Krimi, in den USA (Stichwort: „Serial“ & Co) auch Crimecasts genannt.

Denn auch das zeigt der „Call for Podcasts“: Audio-Podcasts sind ein tolles Medium – doch galt das Format, zumindest in deutschen Medienhäusern, bisher als Nischenthema. Zum einen, weil sich im Zweifel mit schnell konsumierbaren Texten oder Videos mehr Reichweite erzielen lässt. Zum anderen, weil die Vermarktung formatbedingt schwierig ist. Meist wird zu Beginn ein Sponsor genannt, das war es dann. Die Refinanzierung ist damit für private Medienhäuser nicht eben leicht und so kommen die meisten gehaltvollen Podcasts in Deutschland von den öffentliche-rechtlichen Sendern, die per se keine Geldprobleme haben, oder es handelt sich um Privat-Initiativen.

Nun geht der Trend zu einer Professionalisierung der Formate und Vermarktung, es wird technisch besser produziert, inhaltlich viel experimentiert. „Dem ersten Hype vor gut zehn Jahren folgten wenig interessante, gut produzierte Shows und die Podcasts wurden zum Nischen-Medium für Spezialinteressen.“, erklärt Wernicke von Deezer. „Mit bekannten Hosts, aufwändigen Produktionen und unterhaltsamen Themen werden Podcasts endlich zum Entertainment.“ Auch beim BR ist man zuversichtlich, „dass Radio in dieser Darstellungsform stark ist und die Autoren erfindungsreich sind“, so BR-Hörfunkdirektor Martin Wagner. Immerhin bedeuten Podcasts besonders für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk eine weitere Chance, ihre Radio-Inhalte leichter und länger zugänglich zu machen.

Zwar werden beim „Call for Podcast“, vorsichtig formuliert, nur drei Podcasts prämiert und vielleicht in Serie geschickt. Die Qualität der restlichen Einsendungen sei aber sehr vielversprechend – daher wolle man beim BR im April auch mit weiteren Teilnehmern über eine mögliche gemeinsame Zukunft sprechen.

Die deutsche Podcast-Szene hat offenbar wirklich einiges zu erzählen.

Anzeige

Mehr zum Thema

Anzeige
Anzeige

Alle Kommentare

  1. „ob beim Joggen, Gassigehen oder beim abendlichen Abwasch.“
    Haus-Arbeit (5 Kinder-Haushalt) oder Lesen der digitalen FAZ oder das wichtigste: Auto-Fahren. Speziell in USA verbringt man (neulich TV-Doku über deutsche Schauspielerin in USA/L.A.) viel Zeit im Auto. Robo-Cars erlauben dann Interaktion am Tablett. Bis dahin ist man dem passiven Radio-Konsum oder Podcastas ausgesetzt.
    Dish-Radio(?) muss in der Fabrik in die US-Autos eingebaut werden und kostet pro Monat. Nachrüsten ist wohl nicht so üblich.
    Die ach so tollen Google und Facebook lassen ihre Mitarbeiter wie viele Lebenszeit-Stunden täglich zum Headquarter pendeln wil sie keinen bezahlbaren Wohnraum vor Ort geschaffen bekommen ?

    Eine beliebte deutsche Radiomoderatorin meinte m.W., sie hätte sich diesen Sendeplatz (16 oder 17 Uhr werktags?) geben lassen um die Leute im Auto mit Buchvorstellungen(?) zu erreichen.

    Mit anderen Möglichkeiten (Videobrillen, Interaktion im Autonomen Auto, bezahlbares mobiles Internet, Download und Cutting von TV-Serien auf die Zeit des Pendelns (5,10,20,… Minuten) werden Podcasts dann vielleicht weniger wichtig. Aber beim Gassi-Gehen und Joggen oder im Schrebergarten oder im Wartezimmer als Rentner nutzt man halt sowas.
    Downloading und Abrufen wäre natürlich ebenso wichtig und Netflix und AmazonPrimeVideo machen es vor. Die beliebten Lokalsender-LokalFormate machen es vor. Viele LokalTV-Sendungen oder Polit-Talks oder RTLnews kann man im Prinzip auch nur an-hören und Standbilder am Auto-Display oder Smat-Watch reichen auch.

    Hatte Merkel nicht auch einen wöchentlichen Podcast oder Videocast ?

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*