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Neustart für den Echo 2017: Kann man die „Verleihung des wichtigsten deutschen Musikpreises“ überhaupt noch ernst nehmen?

Bei der „Echo“-Verleihung 2016 hat Helene Fischer (Foto) vier Preise abgeräumt
Bei der "Echo"-Verleihung 2016 hat Helene Fischer (Foto) vier Preise abgeräumt

Weniger Kategorien, Fachjurys und ein neuer Sendepartner – die Verleihung des Echo 2017 am 6. April versteht sich als "Neustart" des, wie die Branche seit Jahren kritisiert, überholten Musik- bzw. Verkaufspreises. Die Umstrukturierung war notwendig, doch scheint sie in mancherlei Hinsicht obsolet: Die neue "Fach-Jury" wirft Fragen auf, Mitglieder sehen sich gar als "Erfüllungsgehilfe". Ist der Preis noch ernst zu nehmen?

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Der Echo ist keine an Skandalen und Pannen arme Veranstaltung. Die Verleihung im vergangenen Jahr ist als „Helene-Fischer-Festspiele“ in die Geschichte des Musikpreises eingegangen, weil der Schlager-Star mit vier Preisen ausgezeichnet wurde – bei nur drei Nominierungen. Mit dem Preis als „Bester Live-Act“ wurde sie von Conchita Wurst kurzerhand überrascht – vorher wurden keine Nominierungen bekannt gegeben. Es war ihre Rekord bringende 16. Trophäe. Oder 2013, als die Band Frei.Wild, der rechte Tendenzen in ihren Texten vorgeworfen werden, nach öffentlicher Kritik (auch durch andere Künstler) nachträglich von der Nominierungsliste gestrichen wurde. Ein kleiner Skandal. Der drei Jahre später, also bei den „Helene-Fischer-Festspielen“, offenbar keine Rolle mehr gespielt hat: Die Band wurde als „Beste Gruppe Rock/Alternative (national)“ ausgezeichnet.

Der „wichtigste deutsche Musikpreis“, so die Veranstalter vom Bundesverband Musikindustrie (BVMI), ist für viele zu einer Farce geworden. Nicht zuletzt, weil der Echo, bis auf einige Ausnahmen, bisher ein Verkaufspreis gewesen ist. Dass die gelebte Musikvielfalt in Deutschland, und die Qualität der Musik, nicht seriös durch das Abschneiden in den offiziellen deutschen Charts widergespiegelt werden, steht wohl außer Frage.

Im Dezember 2016 haben die Branche im Allgemeinen und Musikkritiker im Besonderen daher Hoffnung geschöpft, als der BVMI angekündigt hat: „Der Deutsche Musikpreis Echo wird sich zur 26. Ausgabe im kommenden Jahr in neuer Form präsentieren“. Mit weniger Kategorien (22 statt 31), einer sogenannten „Fach-Jury“ für 16 der 22 Kategorien und sogar einem neuen Sendepartner soll der „Neustart beim Echo“ gelingen. Privatsender Vox wird die Preisverleihung am 7. April zeigen, also einen Tag nach der Gala und nicht mehr live. Böse Zungen würden nun behaupten: Die Kölner können somit unschöne Szenen herausschneiden – wie etwa den Diss von Deutsch-Rapper Sido im vergangenen Jahr. Bei der ARD hat man anschließend „aus inhaltlichen Gründen“ von einer weiteren Echo-Übertragung abgesehen.

Doch ausgerechnet die neue „Fach-Jury“, der wohl größten Umstrukturierung, wirft Fragen auf. Zu aller erst: Was ist überhaupt eine „Fach-Jury“? In der „Arbeitsgrundlage der Jury des Echo“ heißt es:

Sie besteht aus den stimmberechtigten Mitgliedern, die sich jeweils auf Einladung des Vorstandes des BVMI angemeldet haben und sich wie folgt verteilen: jeweils ein bei einer Mitgliedsfirma des Bundesverbands Musikindustrie e.V. angestellter Mitarbeiter. Ehemalige Nationale Preisträger und Nominierte des „Echo – Deutscher Musikpreis“ in der jeweiligen Kategorie. Vertreter aus verschiedenen Bereichen der Musikbranche (beispielsweise Händler, Verleger, Veranstalter oder Mitarbeiter der Musikindustrie und der Medienbranche.

Auf Nachfrage von MEEDIA, nach welchen Kriterien die „Fach-Jury“-Mitglieder berufen und besetzt werden, antwortete man beim BVMI mit einer Kurzfassung jener Zeilen. Die Einladung sei durch den Vorstand erfolgt. „Als Redakteur des Musikexpress darf oder soll ich in den Kategorien ‚Album des Jahres‘, ‚Hit des Jahres‘, ‚Newcomer national‘ und ‚Newcomer international‘ abstimmen, ‚Schlager‘ und ‚volkstümliche Musik‘ hingegen bleibt wohl Redakteuren von ‚Das Goldene Blatt‘ und Co. vorbehalten.“, schreibt Musikexpress-Autor Fabian in seiner Absage an die Preisverleihung. „‚Rock national‘ zum Beispiel bleibt mir (…) ebenfalls verwehrt, aber eben auch prinzipiell wichtige Kategorien wie ‚Künstler/Künstlerin international‘, ‚Band international‘ oder ‚Produzent national‘. Warum? Ich weiß es nicht.“ Der Musikexpress sagte eine Teilnahme an der Jury ab, weil man „Mitentscheider statt Erfüllungsgehilfe“ sein will.

„Weil jedes der eingeladenen Jury-Mitglieder seinen oder ihren eigenen inhaltlichen Schwerpunkt und Expertise hat“, begründet der BVMI auf Nachfrage von MEEDIA, warum die Jury-Mitglieder nur in manchen Kategorien abstimmen dürfen. „Genau um diese Expertise geht es ja bei den neuen Fachjurys“.

Fragen bleiben. So ist etwa Schlager-Star Andrea Berg in der Kategorie „Schlager“ nominiert – und sitzt gleichzeitig in der „Schlager/Volkstümliche Musik“-Jury. Gleiches gilt für Vanessa Mai, übrigens die Schwiegertochter von Andrea Berg. Auch Mark Forster und Xavier Naidoo sitzen in Jurys („Künstler Pop National/Künstlerin Pop National/Band Pop National“), für die sie beide nominiert sind („Künstler Pop National“). Auf MEEDIA-Nachfrage heißt es dazu: „Das war in den Vorjahren so üblich, wurde aber für den Echo 2017 in den Listen korrigiert“. Die aktuelle „Fach-Jury“-Fassung datiert auf den 24. März, der BVMI hat auf unsere Anfrage am gestrigen Montag (27. März) geantwortet.

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Was aber ist die Aufgabe der „Fach-Jury“-Mitglieder? Auch hier liefert die „Arbeitsgrundlage der Jury des Echo“ eine Erklärung:

Jedes Jury-Mitglied wählt aus den fünf Nominierten in der jeweiligen Kategorie seinen Favoriten. Die Jurystimmen, die ein Nominierter in der Abstimmung erhält, fließen zu 50% in das Endergebnis ein. Die restlichen 50% ergeben sich aus den Wertungen auf Basis der „Offiziellen Deutschen Charts“ des BVMI, die von der GfK ermittelt werden.

Der Verkaufspreis ist also zum Teil zu einem Expertenpreis geworden – was an und für sich zu begrüßen sein dürfte. „Schöner wäre es allerdings, wenn man als Juror auch wirklich die Wahl hätte“, kritisiert Jury-Mitglied und radioeins-Kolumnist Jens Balzer. „Tatsächlich kriegt man auch weiterhin bloß ein paar von der Musikindustrie vorgefilterte Künstler vorgesetzt, zwischen denen man sich dann entscheiden kann beziehungsweise eben auch nicht.“

Denn die Bewertungsgrundlage bilden immer noch die „Offiziellen Deutschen Top-100-Album-/Single Charts“, wie in den „Preiskategorien und Bewertungsgrundlagen“ nachzulesen ist. Für die diesjährige „Echo“-Verleihung wurde im Zeitraum vom 4. März 2016 bis 2. März 2017 ermittelt. Im zweiten Schritt ist schließlich die „Fach-Jury“ gefragt, die über fünf Nominierte abstimmt.

Was ist also vom „Neustart beim Echo“ zu erwarten? In den Grundsätzen, ebenfalls in der „Arbeitsgrundlage der Jury des Echo“ zu lesen, steht:

Die Deutsche Phono-Akademie, das Kulturinstitut des „Bundesverband Musikindustrie e. V.“ (nachfolgend: „BVMI“), ehrt damit jährlich die erfolgreichsten und besten Leistungen nationaler und internationaler Künstler. Die weit überwiegende Anzahl der Preise wird dabei auf Grundlage der im Markt generierten Verkäufe als Ausdruck der Wertschätzung durch den Endkunden vergeben.

Oder in aller Kürze: Trotz Umstrukturierung bleibt der „wichtigste deutsche Musikpreis“ in erster Linie wohl doch ein Verkaufspreis.

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Alle Kommentare

  1. „ist für viele zu einer Farce geworden. Nicht zuletzt, weil der Echo, bis auf einige Ausnahmen, bisher ein Verkaufspreis gewesen ist.“

    Es gibt keinen Grund gegen wirtschaftliche Erfolgspreise. Die Presse vergisst aber oft genug, den Leser darauf hin zu weisen das der Preis-Gewinn durch Kunden an der Kasse und nicht durch Hinterzimmer-Entscheider getroffen wurde.
    Bei Fußball-Meisterschaften fordert auch keiner, die Punkte weniger zu beachten und noch die „Schönheit des Spieles“ oder Abzüge für Fouls reinzurechnen.

    Sollen goldene Schallplatten auch abgeschafft oder durch Hinterzimmer-Entscheidungen ersetzt werden ? Wenn man den Echo per kostenlosem Bürgerentscheid festlegen könnte, würde man hoffentlich bald auch an jedem Parteitag per Tablett mitmachen können. Das will das Hinterzimmer-Establishment natürlich nicht.

    Wie sind denn die Regeln für Grammys, Emmys, Tonys, Oscar, Werbe-Spot-Preise usw ? Das könnte man als Vergleich dazu schreiben.

    Und wenn man „wichtigste Musikpreis“ hört, sollte man reflexartig nachfragen ‚wes-bezüglich‘ also für wen und wieso wichtigsten. Aus Kunden-Sicht ? Aus Promoter-Sicht ? Aus Manager-Sicht ? Aus Künstler-Agenturen-Sicht ? Aus Sänger-Sicht ? Aus Komponisten-Sicht ? Aus Music-Label-Sicht ? Aus Radio-Sicht ? Aus Texter-Sicht ? Aus Casting-TV-Show-Sicht ? Aus Großkonzern-Boni-Manager-Sicht ?
    Mit sowas lässt man sich simpel de-railen und vom Thema ablenken.

    Beim (gerade ausgedachten) deutschen Restaurant&Imbiss-Lebensmittel-Preis würden vermutlich auch Döner und McDonalds einen Großteil der Preise bekommen und Pizza auf der ewigen Besten-Liste stehen und Döner-Eis nach Döner-Smoothie (letztes Jahr) den Innovations-Preis bekommen – und das wäre nicht schlimm. Worin sind Eure Quoten- und Verkaufszahlen-Tabellen denn so viel anders ? Preisverleihungen sind oft auch ein Grund für ein regelmäßiges Branchentreffen ausserhalb der Messen. Kino-Branche kann sich auf jedem Filmfestival (Cannes, Berlinale, Oscar, Himbeere,…) treffen. TV hat aber doch nur Monte Carlo(?) und IFA-Berlin und vielleicht CES-LasVegas.

    Off-Topic: Wegen T2 wäre eine Diskussionsmöglichkeit nett. Die PR-Meldungen abtippen gabs schon bei T1-Einführung. Da waren Elektromarkt-Anzeigen mit 30-Euro-T1-Receivern und ein paar Seiten weiter wurden die PR-Texte rezitiert, das die Receiver 50 kosten würden.
    Nachteil ist aber, das man die ständig wiederkehrenden Diskussionen heraus-filtern muss und viele offensichtlich (womöglich bezahlt) von Dingen schreiben, wovon sie keine Ahnung haben weil sie eh nur noch per Internet TV gucken was man an den T2-Texten oft leider erkennen kann. Die würden sonst oft wohl nämlich anders lauten.

  2. Hat irgendjemand den angeblich wichtigsten deutschen Musikpreis jemals ernst genommen? Ich jedenfalls nicht.
    PS: Zum Ernst nehmen gibt es den Preis der deutschen Schallplattenkritik.

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