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Ein Zeit-Artikel und die Boulevard-Zeugin: viel Wind um das letzte „fehlende Puzzleteilchen“ im Bild von Andreas Lubitz

Alles nur erfunden? Staatsanwalt Christoph Kumpa (r.) hält ein Interview mit einer Geliebten von Andreas Lubitz (m.) für unglaubwürdig. Bild-Chef Julian Reichelt, in dessen Zeitung die Frau zitiert wurde, protestiert
Alles nur erfunden? Staatsanwalt Christoph Kumpa (r.) hält ein Interview mit einer Geliebten von Andreas Lubitz (m.) für unglaubwürdig. Bild-Chef Julian Reichelt, in dessen Zeitung die Frau zitiert wurde, protestiert

Der viel diskutierte Zeit-Artikel über Andreas Lubitz' Vater und seine eigene Aufarbeitung des Absturzes der Germanwings-Maschine vor zwei Jahren hat eine Debatte über Recherche-Methoden entfacht. Die Bild sieht sich mit Vorwürfen konfrontiert, im Falle eines Interviews nicht recherchiert zu haben und wirft der Zeit gleiches vor. Die Debatte wirft auch Fragen nach der Arbeitsqualität der Staatsanwaltschaft auf. Eine Annäherung.

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Am vergangenen Donnerstag, einen Tag vor der als von vielen als taktlos kritisierten Pressekonferenz von Günter Lubitz, dem Vater des Co-Piloten Andreas Lubitz, hatte ein Artikel der Zeit für Aufsehen gesorgt. Die Wochenzeitung nahm darin das Thema der Pressekonferenz vorweg. Autorin Petra Sorge hatte sich mit Günter Lubitz zuvor zum Interview getroffen, um sich mit seinen Ansichten und Thesen auseinanderzusetzen. Mit nur einem Absatz eröffnete sie auch eine neue journalistische Debatte, in deren Mitte nun die Bild-Zeitung steht. Mithilfe eines Zitates des zuständigen Staatsanwaltes Christoph Kumpa trat die Zeit eine Diskussion über die Recherche-Methoden der Boulevardzeitung los.

Ausschnitt aus der Zeit (Ausgabe 13/17):

Und dann ist da die Sache mit der angeblichen Ex-Freundin seines Sohnes, der Stewardess Maria W. Bild druckte im März 2015 ein Interview mit ihr, wonach Andreas Lubitz angekündigt haben soll: „Eines Tages werde ich etwas tun, was das ganze System verändern wird, und alle werden dann meinen Namen kennen und in Erinnerung behalten.“ Maria W. habe sich wegen seiner Probleme von ihm getrennt: „Er ist in Gesprächen plötzlich ausgerastet und schrie mich an. Ich hatte Angst. Er hat sich einmal sogar für längere Zeit im Badezimmer eingesperrt.“ Das Interview schien genau jenes Puzzleteilchen zu liefern, das noch fehlte zum Bild eines Wahnsinnigen. Als die Staatsanwaltschaft einen Zeugenaufruf startete, meldete sich aber keine Maria W. Staatsanwalt Kumpa erklärt jetzt auf ZEIT-Anfrage: „Ich gehe davon aus, dass ihre Geschichte erfunden ist.“ Der Springer-Verlag hingegen teilt mit, es gebe keinen Anlass, den Artikel online zu korrigieren. Die Aussagen des Staatsanwalts seien „rein spekulativ“, seine Behörde habe die Bild dazu niemals kontaktiert, erklärte ein Pressesprecher.

Der Staatsanwalt gehe davon aus, dass die Geschichte der Geliebten, die in Bild als Ex-Freundin bezeichnet wird, erfunden ist. Doch was genau mag er gemeint haben? Wollte er sagen, dass Maria W. den Inhalt des Interviews erfunden hat, womöglich sogar den Status der Geliebten? Oder geht er sogar so weit, dass Interview wie auch Frau erfunden sind – von der Bild-Zeitung?

Fragen, die im Zeit-Stück nicht mehr beantwortet werden – und selbstverständlich unverzüglich die Verantwortlichen der Bild, auf den Plan riefen. Allen voran Julian Reichelt, seit einigen Wochen Vorsitzender der Bild-Chefredakteure.

Reichelt, der für seine Rechtfertigungsattacken bekannt ist, nahm Zeit-Autorin Petra Sorge ins Fadenkreuz, warf ihr unsaubere Arbeit vor. Vergangenen Samstag, zwei Tage nach Erscheinen der Zeit-Ausgabe, twitterte der Bild-Chef, Sorge habe den Staatsanwalt zu einer noch weitaus schärferen Aussage bringen wollen. Dazu veröffentlichte er E-Mails der Journalistin an die Staatsanwaltschaft. Darin heißt es, dass ihr Günter Lubitz unter Berufung auf Staatsanwalt Kumpa erklärt habe, dass die Maria W. aus der Bild eine Erfindung sei. Ob er ihr dies bestätige, wollte Sorge wissen. Er tat es nicht.

Für Reichelts Vorstoß, nicht an ihn gerichtete E-Mails einfach zu veröffentlichen, erntete der neue Mann an der Bild-Spitze massive Kritik. Andere Journalisten warfen ihm vor, journalistische Standards über den Haufen zu werfen und auf Kritik an Bild mit Indiskretion zu reagieren, von „Höcke-Methoden“ war die Rede. Das BildBlog, das sich kritisch mit den zahlreichen Behauptungen Reichelts auseinandergesetzt hat, sprach von einer von Bild-Leuten begleiteten „Kampagne“ Reichelts, um Leute abzuschrecken, die kritisch über das Blatt schreiben wollen. Sorge entgegnete, Reichelt nehme sie ins Visier, um von der angeblichen Ente in seinem Blatt abzulenken.

Reichelts Reaktion, die auch zu einer wortreichen Auseinandersetzung zwischen ihm und Holger Stark aus der Zeit-Chefredaktion führte, erhöhte aber auch den Druck auf alle Beteiligten, offene Fragen zu beantworten. Denn die Bild hält an ihrer Geschichte, an der Existenz von Maria W., deren Name für die Story geändert worden ist, fest.

Und so ist es in erster Linie der Staatsanwalt Christoph Kumpa, der Licht ins Dunkle bringen kann, selbst aber unter Druck steht. Denn es stellt sich die Frage, ob die Ermittler nicht konsequent genug waren, die Identität von Maria W. eindeutig zu klären. Zugegeben, beim Lesen des Bild-Artikels aus dem vergangenen Jahr kann man ins Stutzen geraten. So schrieb das Blatt damals, „Maria W.“ habe dem Reporter ein Foto vorgelegt, das sie und Lubitz in einer Crew zeigt. Das beweist, dass beide zusammen gearbeitet haben – mehr aber auch nicht. Von Pärchenfotos ist keine Rede. Aber trotzdem: Kann der Staatsanwalt mit Sicherheit behaupten, dass an der Bild-Geschichte etwas Unwahres dran ist?

Staatsanwalt konkretisiert Aussage aus der Zeit
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Auf Nachfrage von MEEDIA konkretisiert Kumpa zunächst seine Aussage gegenüber der Zeit und unterstreicht, dass er der Bild keine Erfindung vorwirft, wohl aber den Inhalt des Interviews für unglaubwürdig hält. „Ich habe keinen Zweifel an der Existenz dieser Frau, halte die Geschichte jedoch für von der Frau erfunden.“

Doch wie kommt Kumpa zu der Annahme, die Inhalte des Interviews seien nicht echt? Seine Antwort: „Im Rahmen der Ermittlungen haben sich keinerlei Hinweise aus der Auswertung der sichergestellten Unterlagen und Datenträger beziehungsweise Social-Media-Accounts ergeben, die die Existenz der Frau (als Geliebte, Anmerkung d. Red.) bestätigt hätten. Hieraus ziehe ich den Schluss, dass die Geschichte nicht der Wahrheit entsprochen hat.“

Zu den sichergestellten Datenträgern und Unterlagen gehören laut einer Liste, die Julian Reichelt ebenfalls via Twitter veröffentlicht hat, mehrere USB-Sticks, ein Notebook, ein E-Book-Reader, eine Digitalkamera sowie ein PC. Auf Nachfrage versichert Kumpa, dass auch weitere Devices wie sichergestellte Smartphones und Tablets untersucht worden sind.

Mit dem Leak des Teils der Ermittlungsakte wies Reichelt aber darauf hin, dass (nur) eine konkrete Suche nach dem Namen der „Maria W.“ durchgeführt worden ist – und dieser existiert ja bekanntlich nicht. Die Zeugin hatte auf Anonymisierung bestanden, die Bild ihr deshalb mit „Maria W.“ einen fiktiven Namen gegeben.

War die Stichwortsuche also ein Ermittlungsfehler? Nein, so Kumpa. Der Vorgang sei rein vorsorglich gewesen. „Es hätte sein können, dass der Name tatsächlich nicht geändert , sondern dies nur behauptet worden ist.“ Selbstverständlich habe man bei den Ermittlungen sich nicht nur auf die Überprüfung des Namens beschränkt. „Es ging darum, zu überprüfen, ob sich Hinweise auf eine Geliebte/Freundin/Lebensgefährtin ergeben.“

Dies in Erfahrung bringen können, hätten die Ermittler bei der Bild-Zeitung selbst – in dem sie sich bei der Quelle erkundigen. Diese aber habe niemals einen Hinweis oder eine Anfrage von der Staatsanwaltschaft bekommen, erklärte ein Sprecher bereits gegenüber der Zeit und kritisierte Kumpa als „spekulativ“. Reichelt beteuert, dass man gegenüber der Staatsanwaltschaft die Quelle niemals offengelegt hätte. „Wir hätten die Nachricht aber natürlich an sie weitergeleitet, damit sie selbst hätte entscheiden können.“ Aus Sicht des Staatsanwalt hatte dies aber von vornherein keinen Sinn. „Eine Kontaktaufnahme ist nicht erfolgt, da davon auszugehen war, dass die Person einer Preisgabe ihrer Personalien angesichts der im Artikel offensichtlichen Abtarnung ihrer wahren Identität nicht zugestimmt hätte.“ Man hätte es aber probiert, „wenn sich Hinweise auf die Existenz ergeben hätten und die Geschichte sich als plausibel bestätigt hätte“. Deutlich wird, dass sich der Anklagevertreter bei seiner Wertung auf allerhand hypothetisches stützt, statt energisch nach der Primärquelle zu fahnden.

Dass die Frau tatsächlich existiert, habe Kumpa, so seine Aussage, von einem weiteren Medienvertreter erfahren, dem „Maria W.“ ihre Geschichte angeboten habe. Wer der zweite Journalist ist, will Kumpa auf Nachfrage nicht erklären. Der Journalist habe sich vertrauensvoll an den Staatsanwalt gewandt, sagt er. Bleibt die Frage, ob innerhalb dieses Vertrauensverhältnisses nicht die Möglichkeit bestand, auch den Namen der mutmaßlichen Zeugin zu erfahren. Auf Nachfrage gibt Kumpa darauf keine Antwort mehr, verweist schließlich darauf, dass die Zeugin so wichtig auch nicht gewesen ist.

Bei den Ermittlungen im Fall Lubitz handelte es sich nicht um ein Strafverfahren gegen Lubitz, sondern um ein Todesermittlungsverfahren. Bei dieser Art der Untersuchung gehen Ermittler der Frage nach, ob sich Personen aus Lubitz‘ Umfeld dadurch strafbar gemacht haben, Anhaltspunkte, die auf eine solche Tat schließen lassen, unterschlagen zu haben. Die Staatsanwaltschaft schließt das aus, die Ermittlungen wurden Anfang des Jahres eingestellt. Weder Ärzte hatten suizidale Absichten festgestellt noch Angehörige oder der Arbeitgeber hätten Kenntnis gehabt.

Doch hätte nicht auch die in der Bild zitierte Geliebte überprüft werden müssen? Weil, wie es Zeit-Autorin Sorge formuliert hat, erst das Interview das Puzzleteil für das „Bild eines Wahnsinnigen“ lieferte? Es geht um die Frage, ob dieser Mensch, der nach Überzeugung aller beteiligten Behörden 149 Passagiere bewusst auf kaltblütige Weise dem Tod auslieferte, sich vorher anderen Menschen anvertraut hatte, die einen solchen Mord hätten erahnen und irgendwie verhindern können.

Könnte „Maria W.“ eine solche Person gewesen sein? Diese Bedeutung taten die Düsseldorfer Ermittler der Frau offenbar nicht bei. Wie der Staatsanwalt erklärt, habe man nicht haargenau im Kollegen-Umfeld Lubitz‘ gesucht. „Selbstverständlich sind nicht sämtliche angeblichen Kolleginnen vernommen worden.“

„Dem Artikel war nicht zu entnehmen, dass die angebliche Maria W. ihre angeblichen Erkenntnisse mit einer Person vor dem Absturz geteilt hätte, die auf die fliegerische Tätigkeit des Co-Piloten Einfluss gehabt hätte. Es hätte sich allenfalls die Frage aufgedrängt, ob sie selbst angesichts der angeblichen Verhaltensauffälligkeiten und Erklärungen etwas zur Verhinderung hätte unternehmen müssen. Da der Artikel aber auch nicht den Schluss zuließ, dass sie das spätere Geschehen vorhergesehen hat, sie also davon ausgegangen ist, der Co-Pilot werde andere Personen töten, bestand auch kein Anlass, Ermittlungen gegen diese Frau aufzunehmen.“ Der Bild-Beitrag war dem Staatsanwalt also nicht aussagekräftig genug – bleibt die Frage, ob es Aufgabe der Journalisten gewesen ist, die Arbeit der Ermittler nach bestem Wissen und Gewissen zu erfüllen.

Gesucht habe man aber trotzdem nach ihr, heißt es. Wie schon in der Zeit geschrieben stand, soll es Zeugenaufrufe gegeben haben, um W. zu finden. Gemeldet habe sie sich aber nie. Auf Nachfrage führt Kumpa aus, dass es einen konkreten Aufruf nie gegeben habe. „Der Aufruf erfolgte durch den Hinweis auf entsprechende Presseanfragen, dass die Person sich bei den Ermittlungsbehörden melden möge, mit dem entsprechenden Hinweis wurde in mehreren Zeitungen über die Anfrage an die Staatsanwaltschaft und den Artikel in der Bild kurz nach dem Bild-Artikel berichtet.“ Nur finden lassen sich keine. Er selbst benennt sie nicht.

Und so bleiben weiterhin viele Fragen nach der Zeugin Maria W. offen. Allerdings bleibt auch der Eindruck, dass die Ermittler nicht wirklich genügend getan haben, um die Frau zu finden. Festehen dürfte dadurch, dass von einem fehlenden Puzzleteilchen in dem Bild des wahnsinnigen Co-Piloten, wie es Zeit-Autorin Sorge in ihrem Artikel suggeriert, kaum die Rede sein kann. Für die Ermittler zumindest scheint „Maria W.“ nur eine Nebenrolle gespielt zu haben.

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