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Germanwings-Absturz: Vater von Andreas Lubitz kämpft gegen das Medien-Bild vom „Amokpiloten“

Zwei Jahre nach der Germanwings-Katastrophe macht der Absturz in den Alpen erneut Schlagzeilen
Zwei Jahre nach der Germanwings-Katastrophe macht der Absturz in den Alpen erneut Schlagzeilen

Morgen jährt sich der Germanwings-Absturz in den französischen Alpen zum zweiten Mal. Und erneut wird die Katastrophe zum Medienthema. Es geht aber nicht in erster Linie um das Gedenken an die 150 Toten und die Trauer der Hinterbliebenen, sondern um die Schuldfrage – und darum, ob der Vater des Co-Piloten mit seinen Thesen zur Katastrophe mutwillig die Pietät der Opfer-Angehörigen verletzt.

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Andreas Lubitz ist plötzlich wieder da. Die Medien zeigen das Gesicht des 27-Jährigen, der nach Überzeugung der Ermittler des Unglücks einen Airbus mit 149 Passagieren und Besatzungsmitgliedern bewusst gegen ein Felsmassiv in den französischen Alpen gesteuert hat. Der Fall hatte im März 2015 auch bei erfahrenen Berichterstattern Fassungslosigkeit ausgelöst. Die Story vom „Amokpiloten“ schien fast zu absurd, um wahr zu sein. Wie krank muss ein Mensch sein, der seinen Job als Berufsflieger und zweiter Mann im Cockpit nutzt, um einen Jet in suizidaler Absicht zu zerstören und das Leben aller anderen an Bord auszulöschen?

Die französische Untersuchungskommission, die deutsche Staatsanwaltschaft und die Experten der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung ließen in ihren Abschlussberichten keinen Zweifel daran, dass es aus ihrer Sicht nur eine Ursache für die Katastrophe gibt: das Verhalten des selbstmordgefährdeten und an Depressionen leidenden Co-Piloten. Dessen Vater, Günter Lubitz, will das so nicht stehen lassen. Erstmals seit dem schicksalhaften 24. März äußert er sich öffentlich, bei einer für Freitag, 10.30 Uhr, anberaumten Pressekonferenz. Dass diese zeitgleich zur Gedenkveranstaltung für die Opfer in Frankreich stattfindet, halten Angehörige von Passagieren und ihre Anwälte für eine Stillosigkeit.

Der 63-Jährige lässt sich davon nicht beirren. Günter Lubitz hat nich weniger vor, als die Theorie der Staatsanwaltschaft in ihren Grundfesten zu erschüttern. Schon im vergangenen Jahr ging er beim Presserat gegen die Bild-Zeitung vor, weil diese seinen Sohn als „Amokpiloten“ bezeichnet. Für den Vater hingegen gibt es keinen stichhaltigen Beweis, dass Festlegung der Ermittler auf einen sogenannten erweiterten Selbstmord stimmt. Lubitz hat sich deshalb an einen Fachjournalisten gewandt, der die 16.000 Seiten umfassende Akte des Unglücks acht Monate lang durchforstete und zu dem Ergebnis gekommen sein soll, dass die Beörden bei den Ermittlungen schludrig und fehlerhaft vorgegingen. Dessen Name, Tim van Beveren, ist in der Luftfahrtbranche bekannt – bei Flugzeugbauern auch berüchtigt. Seinen Ruf begründete der 55-Jährige mit einer Expertise zum Birgenair-Absturz 1996 nahe der Dominikanischen Republik, in der er den Nachweis führte, dass die türkische Besatzung nicht allein verantwortlich für das verheerende Unglück war. Mit seinen hartnäckigen Recherchen zu kontaminierter Kabinenluft setzt er Airlines und Hersteller unter Druck. Er sei besessen von seinen Annahmen, heißt es bisweilen, oder auch, van Beveren sei ein als Journalist auftretender Aktivist. Seine Fachkenntnis dagegen wird nicht in Zweifel gezogen.

Bislang kann nur spekuliert werden, welche Argumente Lubitz und der von ihm bestellte Gutachter morgen in Berlin präsentieren. Der Vater des Co-Piloten hat dazu Der Zeit vorab ein Interview gegeben, ausgerechnet jener Zeitung, die zwei Tage nach dem Germanwings-Unglück mit einem Symbolbild des Lufthansa-Kranichs getitelt hatte, versehen mit der Headline „Absturz eines Mythos“. Die Geschichte dazu enthielt tendenziöse Spekulationen, für die das Blatt später massiv in die Kritik geriet: Kaum war die Ausgabe in den Verkaufsregalen, präsentierte die französische Staatsanwaltschaft ihre spektakulären Erkenntnisse und begründete damit die „Alleintäterschaft“ des jungen Co-Piloten.

Zeit-Autorin Petra Sorge, die Günter Lubitz in Köln zum Gespräch traf, stellt dabei durchaus die Frage, aus welchen Motiven die Familie Lubitz nun das offizielle Untersuchungsergebnis in Frage stellt und angreift. Lubitz sagt, er wolle Klarheit, doch den Verdacht, dass er die Unschuldsvermutung über alles – und vor allem die erdrückende Indizienlage – stellt, kann er nicht ausräumen. So kritisiert er, dass die Düsseldorfer Staatsanwälte Patientenakten seines Sohnes widerrechtlich beschlagnahmt hätten. Angebliche Aussagen der Lebensgefährtin des Piloten zu dessen psychiatrischer Verfassung, auf die sich die Ermittler stützten, fehlten angeblich in den Akten. Lubitz bilanziert: „Unser Sohn war ein sehr verantwortungsvoller Mensch. Er hatte keinen Anlass, einen Selbstmord zu planen und umzusetzen, und erst recht nicht, dabei noch 149 andere unschuldige Menschen mitzunehmen. Ein solches Verhalten passt einfach nicht zu ihm und seiner Persönlichkeit.“

So zu denken, ist das gute Recht eines Vaters, der nicht nur seinen Sohn verloren hat, sondern auch damit leben muss, dass diesem ein beispielloser Massenmord nachgesagt wird, und der vermutlich selbst mit Anfeindungen kämpfen und leben muss. Es klingt aber auch naiv: Viele Selbstmörder kündigen ihre Vorsätze nicht an, und alles andere wirkt angesichts der Gesamtumstände ein wenig wie die Zeugenaussage über Täter als Nachbar, der immer nett gegrüßt hat. Drei verschiedene Psychopharmaka waren im Leichnam seines Sohnes nachgewiesen worden, dazu kam der Besuch einer Vielzahl von Ärzten, inklusive der Übeweisung in eine psychiatrische Tagesklinik kurz vor dem verhängnisvollen Flug. Und auch an der  Vorerkrankung mit einer mehrmonatigen depressiven Episode ist nicht zu rütteln.

Vor allem aber: Lubitz war für den Tag des Absturzes krank geschrieben, er hätte gar nicht an Bord gehen dürfen und hatte diesen Umstand seinem Arbeitgeber verschwiegen, genauso seine Augenprobleme und den Ärzte-Marathon. Passt das ins Bild eines „sehr verantwortungsvollen Menschen“? Lubitz senior hat bislang auch nicht dazu Stellung genommen, warum die Familie wie auch die Lebensgefährtin seines Sohnes – so zumindest berichtet es der stern – sich gegenüber der Staatsanwaltschaft auf ihr Aussageverweigerungrecht berufen haben. Verhält sich so jemand, dem es nur um Aufklärung geht? Und warum kritisiert er die Beschlagnahmung von Patientenakten seines Sohnes als Aushebelung der Schweigepflicht der Ärzte, wenn diese doch Hinweise auf die Unglücksursache geben können?

Günter Lubitz wandelt auf einem schmalen Grat, und die Gefahr, dass er mit seiner Presseoffensive mehr zerstören wird als er zu heilen bemüht ist, erscheint immens. Klaus Radner, der bei dem Absturz seine Tochter und deren Familie verlor, reagiert auf den Vorstoß erschüttert. Dem Magazin stern sagte er: „Die Eltern wollen offenbar nicht wahrhaben, was ihr Sohn getan hat. Die Äußerung ist möglicherweise der Versuch, die Tat theoretisch zu bewältigen.“ Deren Verhalten empfindet er  für insgesamt als Zumutung für die anderen Hinterbliebenen, was schon mit der Grabstätte beginne: „Seine Eltern haben eine Berglandschaft in den Stein meißeln lassen – wahrscheinlich ein Bild von der Absturzstelle. Das war für mich eine Provokation. Genau wie der Text der Todesanzeige, in dem die Eltern ein Jahr nach dem Absturz schrieben, sie hätten einen „wertvollen Menschen“ verloren. Kein Wort, dass ihnen die Opfer leidtun. Und nun behaupten sie, ihr Sohn sei unschuldig, es sei ein Unfall gewesen.“

Das Thema Lubitz hat seit dem Absturz auch bei den Medien für Debatten gesorgt. Die Nennung des Namens des Co-Piloten wie die Veröffentlichung von Fotos, die ihn zeigten, war in einigen Nachrichtenredaktionen umstritten. Erst der Presserat sorgte später für Klarheit und befand angesichts der Schwere des Vorfalls: Ja, man durfte. Im aktuellen Fall stellt sich die Frage nicht, denn diesmal sind es die Angehörigen von Andreas Lubitz, die die Öffentlichkeit wollen. Ob sie sich damit einen Gefallen tun, ist zweifelhaft.  Der Presserummel wäre nur dann gerechtfertigt, wenn das privat beauftragte Gutachten neue Beweise ans Licht bringen oder Hinweise auf elementare Ermittlungsfehler liefern würde. Das aber ist unklar, Günter Lubitz will sich dazu am Freitag vor der „Weltpresse“ äußern.

Im Vorfeld hat er Einzelheiten seiner Argumentation offenbar geschickt orchestriert. Im Gespräch mit der Zeit-Autorin verwies Lubitz auf einen Artikel in der Bild-Zeitung, in dem sich eine Stewardess und frühere Freundin des Co-Piloten zu den psychischen Problemen geäußert hatte. „Eines Tages werde ich etwas tun, was das ganze System verändern wird, und alle werden dann meinen Namen kennen und in Erinnerung behalten“, zitierte die Zeugin Andreas Lubitz, der ihr Angst eingejagt habe. Im Zeit-Artikel heißt es dazu: „Das Interview schien genau jenes Puzzleteilchen zu liefern, das noch fehlte zum Bild eines Wahnsinnigen. Als die Staatsanwaltschaft einen Zeugenaufruf startete, meldete sich aber keine Maria W.“ Der zuständige Staatsanwalt Christoph Kumpa habe auf Anfrage erklärt, er „gehe davon aus, dass ihre Geschichte erfunden ist“. In den Zeiten von Fake News ist da überaus öffentlichkeits-wirksam, nach der Devise: Boulevard-Blatt erfindet Kronzeugin und lenkt Ermittlungen mit ausgedachter Aussage endgültig in die falsche Richtung. Seltsam ist, dass die Staatsanwaltschaft laut Springer Verlag nicht einmal bei Bild nachgefragt hat, wer denn die Zeugin sei. Und die Chefredaktion bleibt bei ihrer Version und hat dem Vernehmen nach Kontakt zu der Frau aufgenommen, um die vor zwei Jahren gedruckte Geschichte erneut zu verifizieren.

Geht es bei der PK in Berlin morgen nur um Wahrscheinlichkeiten und „Es ist nicht gänzlich auszuschließen“-Argumente, wird die Pressekonferenz wohl eher reichlich abstrusen Verschwörungstheoretikern Vorschub leisten. Eine davon: Drei französische Mirage-Jets haben den Germanwings-Airbus abgeschossen, und die Staatsanwaltschaft in Marseille hat mit ihrer schnellen Festlegung auf Lubitz als Täter den wahren Hergang vertuscht. Bei Facebook dürften diese und ähnliche Lesarten am zweiten Jahrestag des Absturzes wieder deutlich häufiger herumgereicht werden als ohnehin schon. Für Klaus Radner, der zum Zeitpunkt der Pressekonferenz von Günter Lubitz mit anderen Angehörigen an der Gedenkveranstaltung nahe der Absturzstelle teilnimmt, ist das alles unbegreiflich: „Ich frage mich, was wollen die Eltern den Angehörigen noch zumuten?“, sagte er gegenüber dem stern, „warum sind sie nicht einfach still?“

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