Wie kann man Erdogan-Anhänger sein? „Hart aber fair“ suchte eine Antwort – und kam zu keinem Ergebnis

„Hier Freiheit leben, dort Erdogan wählen – wie passt das zusammen?“ – so die Leitfrage bei „Hart aber fair“ (ARD) am Montag
"Hier Freiheit leben, dort Erdogan wählen – wie passt das zusammen?" – so die Leitfrage bei "Hart aber fair" (ARD) am Montag

"Hier Freiheit leben, dort Erdogan wählen – wie passt das zusammen?" – so lautete die Frage bei "Hart aber fair" (ARD) am Montag. Die Diskussionsrunde um Moderator Frank Plasberg tat sich mit einer Antwort allerdings schwer. Sicher war sich die Runde nur in einem: Erdogan ist nicht nur ein Brandbeschleuniger, er ist ein Diktator.

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Das Thema

„Hier Freiheit leben, dort Erdogan wählen – wie passt das zusammen?“ – eine Frage, die zur Zeit nicht nur zahlreiche Medien bewegt. Die Entwicklungen in der Türkei, die Inhaftierung des Welt-Korrespondenten Deniz Yücel und die Verwerfungen mit Deutschland und neuerdings den Niederlanden dominieren aktuell die politische Debatte. Und haben der „Hart aber fair“-Runde einiges abverlangt.

Die Teilnehmer

Thomas de Maizière, CDU und Bundesminister des Innern:
„Wenn ich das höre, als Mensch und als Staatsbürger, werde ich wütend und zornig. Aber als Politiker, als Innenminister, muss ich klug sein.“ 

Cem Özdemir, Bundesvorsitzender und Spitzenkandidat B‘90/Grüne
„Wer in diesem Land glücklich werden will, muss seine Antennen nach Berlin ausrichten. Nicht nach Ankara.“

Daniel Zimmermann, Bürgermeister der Stadt Monheim am Rhein:
„Man darf nicht gleiches mit gleichem vergelten.“

Düzen Tekkal, Journalistin:
„Die Integration ist gescheitert und wir haben keinen Plan.“

Fatih Zingal, Stellvertretender Vorsitzender der Union Europäisch-Türkischer Demokraten (UETD):
„Nazi-Vergleiche wirken selten deeskalierend.“

Die Diskussion

…drehte sich, wie zu erwarten, um einen Mann: Erdogan, Erdogan, Erdogan. Zwar hat die Sendung mit Frage „Hier Freiheit leben, dort Erdogan wählen – wie passt das zusammen?“ begonnen und schließlich geendet. Im Vordergrund stand aber zunächst die Entwicklung der Türkei im Allgemeinen und die Einordnung des Bundesinnenministers Thomas de Maizière im Besonderen. „Sie irren, hier ist der Platz der Freiheit. Und deswegen hat Unfreiheit in Deutschland keinen Platz.“, so das Statement de Maizières an Plasberg, der das Wort zu Beginn eine Spur zu oft an den Bundesinnenminister gerichtet hat.

Moderator Frank Plasberg hat einen „Verursacher für die Spaltung und Spannung“ gesucht. Eine Frage, der UETD-Vize-Vorsitzender Fatih Zingal – der einzige, fast bemitleidenswerte Erdogan-Versteher in der Runde – so nicht beantworten wollte, weil er Plasberg die Prämisse unterstellte, dass nun Erdogan als Brandbeschleuniger herhalten müsse. Klare Worte hingegen von Cem Özdemir, Bundesvorsitzender der B‘90/Grüne: „Wer etwas anders sieht und deswegen jemanden wegsperrt, ist ein Diktator. Ganz einfach.“

Auch wenn Daniel Zimmermann, Bürgermeister der Stadt Monheim am Rhein, geradezu als Ruhepol in der hitzigen Debatte fungierte – ruhige Stimme und zumindest ein wenig Verständnis für Erdogan-Fans (Stichwort: Meinungsfreiheit) – kam es immer wieder zu heftigen Wortgefechten in der Runde. So attestierte de Maizìere dem UETD-Vertreter Zingal eine „raffinierte Propagandashow“, weil er sich wie Erdogan in die Opferrolle begebe. „Opfer wollen herrschen“, meinte die Journalistin Düzen Tekkal, die ein „Klima der Angst“ in der Türkei sieht. Zu dem Nazi-Vergleich, den Erdogan gemacht hat, kam von Zingal das halbgare Eingeständnis: „Nazi-Vergleiche wirken selten deeskalierend.“ Eine Distanzierung klingt anders.

Das Ergebnis

…lässt sich vermutlich mit dem Auftritt eines Berliner Taxifahrers, kurz vor Ende der Sendung, am besten zusammenfassen. Er besitzt einen türkischen und einen deutschen Pass, wird wieder Merkel wählen und in seiner Heimat für Erdogan stimmen. „Wie passt das zusammen?“, lautete die Leitfrage der Sendung – eine Antwort darauf findet sich nicht. Dafür lobt de Maizière die Sprachkenntnisse des Gastes. Obwohl der seit 44 Jahren in Deutschland lebt.

Twitter-Stimmen:

Das sagen die Medien:

Für Spiegel Online fasst Hasnain Kazim zusammen:

Was nicht beantwortet wird, ist die eigentliche Frage der Sendung: Warum stimmen Türken in Deutschland für Erdogan? Es bleibt bei der oberflächlichen Feststellung, viele fühlten sich in Deutschland als Bürger zweiter Klasse, seien nicht integriert.

Frank Lübberding von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung schreibt:

Wie reagieren Türken in Deutschland auf die Politik von Recep Tayyip Erdogan? Bei Frank Plasberg wird deutlich, dass es einigen schon lange nicht mehr um Integration geht.

Für die Welt kommentiert Britt-Marie Lakämper:

Der Moderator sah sich gezwungen, die Diskussion mit einer Abschlussfrage zu beenden: „Was würden Sie als Grußwort bei einem Wahlkampfauftritt in der Türkei sagen?“ Neben farblosen Antworten offenbart sich kurz vor Ende der Sendung die Absurdität der Situation. Deutsche Minister gehen in der Türkei nicht auf Stimmenfang.

Die TV-Quote

Mit dem Thema „Hier Freiheit leben, dort Erdogan wählen – wie passt das zusammen?“ lockte Frank Plasberg 3,97 Mio. Zuschauer an – ein toller Marktanteil von 12,9%. Das sind die besten Quoten seit Oktober, als die Sendung im direkten Anschluss an den Fernsehfilm „Terror“ über den Film diskutieren und abstimmen ließ. Eine reguläre „Hart aber fair“-Sendung erreichte zuletzt 2015 mehr Zuschauer.

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