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Scheidende RTL Group-Chefin Schäferkordt: „Nehmen Netflix und Amazon in Deutschland sehr ernst“

Gaben am Sonntag ihre letzte Pressekonferenz als Führungsduo der RTL-Group: Die CEOs Anke Schäferkordt und Guillaume de Posch
Gaben am Sonntag ihre letzte Pressekonferenz als Führungsduo der RTL-Group: Die CEOs Anke Schäferkordt und Guillaume de Posch

Anke Schäferkordt zieht sich aus der Führung der RTL Group zurück, um sich aufs Deutschland-Geschäft zu konzentrieren. Zuvor aber präsentierte die TV-Managerin gemeinsam mit Co-CEO Guillaume de Posch noch einmal Rekordzahlen. Obwohl Schäferkordt betonte, dass ein "weiter so" langfristig keine neuen Erfolge bringe, wird sich an der Strategie kurzfristig wohl erst einmal nicht viel ändern.

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Bei der Bilanzpressekonferenz für das Geschäftsjahr 2016 in Köln beschrieb RTL-Chefin Anke Schäferkordt ihr Management-Board in bester rheinischer Manier als „funktionierendes Dreigestirn“. Gemeinsam mit ihrem Co-CEO Guillaume de Posch und Finanzvorstand Elmar Heggen präsentierte die Medienmanagerin am Donnerstag erneut Rekord-Umsatz und -Gewinn. 6,24 Milliarden Euro nahm die RTL Group mit Sitz in Luxemburg im Jahr 2016 ein, der operative Gewinn  (EBITA) kletterte um 3,3 Prozent auf 1,2 Milliarden Euro, unterm Strich blieben 720 Millionen Netto-Ergebnis. Man habe geliefert, was versprochen wurde, erklärte Schäferkordt sichtlich zufrieden. Das Geschäft wächst, wenn auch ohne große Sprünge.

Die moderate Geschäftsentwicklung passt zum Stil der RTL-Chefin, die sich mit Einschätzungen und Prognosen grundsätzlich lieber zurückhält. Schäferkordt gibt sich stets durchdacht, was sich anhand der der Begründung für ihre jüngste Entscheidung erkennen lässt. Nach einem Rekordergebnis zieht sich die 54-Jährige aus der Konzernführung der RTL Group zurück. Sie wolle sich wieder intensiv um die Geschäfte der Mediengruppe RTL kümmern und auf das deutsche Geschäft fokussieren. Man kann aber auch sagen: Schäferkordt will kürzer treten, ihr hohes Arbeitspensum reduzieren. Sie habe bislang in einer „ausgesprochen intensiven Konstellation“ gearbeitet, gab sie bereits am Mittwoch zu Protokoll. Es gehe darum, der Mediengruppe wie auch der RTL Group „Kontinuität“ zu „garantieren“. Mit drei Ämtern, Schäferkordt sitzt auch im Vorstand des Bertelsmann-Konzerns, ist dies offenbar nicht möglich. Die Entscheidung sei ihr nicht leicht gefallen, es sei aber ihre eigene, so die Chefin.

Für das vergangene Geschäftsjahr sei man nicht nur mit der Sender-Entwicklung in Deutschland und Frankreich zufrieden, sondern auch mit dem Digital-Geschäft, das nach Unternehmensangaben um 32 Prozent gewachsen ist. Das Segment, das bei RTL vor allem aus so genannten Multichannel- und Ad-Tech-Networks besteht, macht demnach rund 10,7 Prozent des Gesamtumsatzes aus (+2,4 Prozentpunkte im Vgl. zum Vorjahr). Für die einzelnen Beteiligungen weist die RTL Group extrem hohe Umsatzzuwächse aus. Das derzeit zur Disposition stehende MCN Broadband TV habe im Vergleich zum Vorjahr 131 Prozent zugelegt. StyleHaul und der Ad-Tech-Spezialist SpotX um 54 Prozent beziehungsweise 18 Prozent. Dennoch: Profitabel sind die reinen MCN-Geschäfte nicht. Mit schwarzen Zahlen sei 2018 oder 2019 zu rechnen, betonte Finanz-Chef Heggen, der sich 2016 auch mit Investitionen vergleichsweise zurückgehalten hat. 96 Millionen Euro hat die RTL Group vergangenes Jahr investiert und ist dabei deutlich dem selbst gestecktem Budget von 250 Millionen geblieben. 2014 nahm der Konzern noch 246 Millionen Euro in die Hand.

Hälfte der Werbeeinnahmen stammt weiter aus klassischer TV-Werbung

Die höchsten Umsätze fährt RTL nach wie vor im klassischen Geschäft ein. 48 Prozent der Konzernerlöse stammen aus der Fernsehvermarktung. Schlechter als noch im Vorjahr abgeschnitten haben die Geschäfte in den Niederlanden. Bei steigendem Umsatz sank das EBITDA, der Werbemarkt habe rund zwei Prozent eingebüßt. Der Grund: Die holländische Gruppe RTL Nederland, deren CEO Bert Habets Nachfolger von Schäferkordt im Group-Vorstand wird, habe den Markteinstieg des Online-Streamingdienstes Netflix zu spüren bekommen, erklärte de Posch. Aufgrund der hohen Affinität der Niederländer zur englischen Sprache seien die Effekte der Web-Konkurrenz deutlich spürbar.

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Im Nachbarland habe man bereits in den Konkurrenzdienst Videoland investiert, um dem etwas entgegenzusetzen, so de Posch. Netflix und Amazon nehme man auch in Deutschland weiterhin sehr ernst, ergänzte Schäferkordt. Ihre Strategie: Den Anteil der eingekauften US-Inhalte linear wie non-linear weiter reduzieren und durch exklusive Eigenproduktionen ersetzen. Auf eingekaufte Formate könne man nicht mehr bauen. Über die vergangenen Jahre habe man den Anteil der Eigenproduktionen im TV bereits auf 90 Prozent (gemessen an Sendestunden) erhöht.

Im VoD-Geschäft wird die Entwicklung neuer „High End-Formate“ entscheidend sein, die über alle Produktionstöchter hinweg vorangetrieben werden sollen, so Schäferkordt. Vergangenes Jahr feierte die Beteiligung UFA mit „Deutschland 83“ einen Erfolg, wenn auch nicht im Hauptprogramm von RTL. Die US-Tochter Fremantle Media produzierte jüngst die neue Serie „American Gods“, die zwar nicht auf RTL-Plattformen laufen wird, aber Erlöse durch den Verkauf an den Pay-TV-Sender Starz sowie Amazon Prime bringen soll. Mit dem Fremantle-Geschäft aus dem vergangenen Jahr kann die RTL Group zufrieden sein, denn auch das blieb 2016 stabil. Schäferkordt aber betonte, dass man sich auch in den USA umorientieren muss. Die Halbwertszeit von Show-Erfolgen wie „American Idol“ laufe aus.

Auch wenn Schäferkordt vor dem Hintergrund ihres Rückzuges aus dem Group-Vorstand erklärte, dass angesichts des dynamischen Marktes ein „weiter so“ nicht funktioniere, stehen die Zeichen mittelfristig wohl erst einmal trotzdem auf „weiter wie bisher“. Man gehe davon aus, dass sich das Wachstum im nun laufenden Geschäftsjahr 2017 weiter „moderat“ verhalten werde. Wie vergangenes Jahr ruft man eine Steigerung von 2,5 bis 5 Prozent aus. Das Operativ-Ergebnis werde sich nach derzeitigen Schätzungen nicht verändern. Auch im Digitalen gibt man sich bei RTL zurückhaltend. In den nächsten fünf Jahren soll der Anteil am Gesamtumsatz auf 15 Prozent steigen.

Dass ein „weiter so“ nicht funktionieren wird, bezog Schäferkordt durchaus auch auf die europäische Medienpolitik. Um angesichts des wachsenden Wettbewerbs durch Tech-Unternehmen wie Facebook und Google konkurrenzfähig zu bleiben, appellierte Schäferkordt erneut, Werberegulierungen aufzuheben. Als TV-Sender sei RTL anderen Regeln unterworfen als Produzenten, die bei YouTube senden. Man konkurriere mit unterschiedlichen Voraussetzungen auf den mittlerweile selben Endgeräten, so Schäferkordt, die Konzerne wie Facebook und Google auf „Vorfahrtstraßen“ davonrasen sieht.

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