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Fake-News von der Titanic und Fake-Fisch in der Bild-Zeitung

Willkommen zum Fake-Friday: Titanic-Chef Tim Wolff, Medienwolken, Verlierer des Tags, Bild-Chef Julian Reichelt
Willkommen zum Fake-Friday: Titanic-Chef Tim Wolff, Medienwolken, Verlierer des Tags, Bild-Chef Julian Reichelt

Um ihren Telefonstreich mit Matthias Matussek zu retten, bediente sich die Titanic so genannter alternativer Fakten. Dass das ZDF nichts von dem Hetz-Eskapaden des TV-Karnevalisten „Dä Bundeswehrsoldat“ gewusst haben will, ist beschämend. Ein Thinktank hat eine Mediengrafik veröffentlicht, über die sich einige ärgern dürften und Bild hat schon wieder einen Grund, sich zu entschuldigen. Der MEEDIA-Wochenrückblick.

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Da hatte Matthias Matussek mit seinem ersten Verdacht also doch recht: Der angebliche Anruf eines Headhunters im Auftrag des ultrarechten US-Hetz-Mediums Breitbart war ein Telefonstreich der Titanic. Komisch nur, dass Titanic-Chefredakteur Tim Wolff auf Nachfrage von MEEDIA damals ausdrücklich bestritt, dass das Satire-Blatt hinter der Aktion steckt. Die einzig plausible Erklärung: Bei der Titanic waren sie offenbar nicht erbaut, dass Matussek mit seinem Facebook-Posting die schöne Telefon-Aktion zunichte machen drohte. Der Titanic-Chefredakteur hat also gelogen, um wenigstens ein bisschen Knalleffekt für den Artikel zu retten. Okay, die Titanic ist Satire und die darf ja bekanntermaßen wenn nicht alles so doch sehr viel. Aber ist das selbst für Satiriker okay, so knallhart zu lügen und damit eine falsche Nachricht, vulgo: Fake-News, in die Welt zu setzen? Sagen wir mal so: Hätte ein anderes Medium so agiert, wäre mindestens ein böser „Brief an die Leser“ in der Titanic dringewesen.

Da trat doch beim ZDF in der Humpta-Täterää-Sendung „Karnevalissimo“ am Dienstag wieder der Karnevalist Hans-Peter Faßbender alias „Dä Bundeswehrsoldat“ auf. Dass der Mann eine Facebookseite betreibt, auf der er in erstaunlich hoher Taktung Hass und Hetze übelster, nämlich dunkelbrauner Couleur verbreitet, war dem Sender ZDF „nicht bekannt“. Auch nicht bekannt war dem ZDF offenbar, dass über Faßbenders Tätigkeiten außerhalb der Bütt u.a. schon in der Westdeutschen Zeitung und der Bild berichtet wurde. Und dass Faßbender deswegen im Düsseldorfer Karneval kaum noch gebucht werde, davon wussten sie in der Pappnasen-Redaktion vom ZDF dann wohl auch nix. Auch die „Karnevalissimo“-Moderatoren Marc Metzger und Mirja Boes haben dazu nichts zu sagen. Das ist schlicht beschämend.

Der Thinktank Polisphere aus Berlin hat einige deutschen Medien in eine Grafik einsortiert, die auf der X-Achse die Weltanschauung von links nach rechts und auf der Y-Achse die journalistische Qualität bemisst. Das Ganze ist durchaus erhellend anzuschauen, vor allem auch wegen den Clustern, die sich da bilden:

Nun muss man zwei Dinge dazu sagen: 1. Stammt die Idee nicht von Polisphere, sondern von der US-Anwältin Vanessa Otero, deren Original-Grafik laut Polisphere auch in Berliner Kreisen viel diskutiert wurde. 2. Sandra Busch-Janser von Polisphere weist ausdrücklich darauf hin, dass die Grafik als Meinungs- und Diskussionsbeitrag zu verstehen ist und keinen wissenschaftlichen Ansprüchen genügen soll. Auf meine Frage, wie sie bei Polisphere zu den Einordnungen der diversen Medien gekommen sind, sagt sie: „Bei der Umsetzung haben wir zuerst eine Liste relevanter Medien erstellt und diese mit Experten diskutiert, die wir auch um Ergänzungen und Einordnung gebeten haben. Diskutiert haben wir während des Entstehungsprozesses natürlich viele einzelne Fragen wie bspw. kann man einzelne ÖR-Rundfunkanstalten herausgreifen, darf man Der Spiegel und SpOn getrennt platzieren und den Online-Auftritt der FAZ weglassen. Herausgekommen ist ein Meinungsbeitrag, der nun zur Diskussion steht.“

Da muss sich also Spiegel Online also nicht grämen, in der Wolke „Besser als überhaupt keine Nachrichten“ zusammen mit Focus Online zu stehen. Und Cicero wird es ganz bestimmt aushalten, in der Grafik in die Wolke des „Altherren Journalismus“ einsortiert worden zu sein. Und falls sich doch jemand aufregen sollte: Auf ihrer Website hat Polisphere mittlerweile eine Blanko-Grafik hinzugefügt, auf der man selbst sein alternatives Medien-Weltbild eintragen kann.

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Aufgeregt hat sich an diesem Freitag die Bild, die erfahren haben will, dass es in den Kantinen des Bundesumweltministeriums am Freitag keinen Fisch gibt, sondern „immerhin“ Schweinebraten und Jägerpfanne mit Huhn. „Bloß: keinen Fisch, den gläubige Christen freitags essen.“ Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) ist darum „Verlierer des Tages“ für die Bild.

Was bitte soll das denn? Als ob es ein religiöses Gebot für Christen gäbe, freitags Fisch zu futtern. Weil Jesus an einem Freitag am Kreuz gestorben sein soll, wird vor allem in der katholischen Kirche dieser Tag durch einen freiwilligen Verzicht gewürdigt. In der Theorie. Als Verzichtsmöglichkeit hat sich durchgesetzt, dass man auf Fleisch verzichtet, viele wichen im Laufe der Zeit auf Fisch aus, was sich dann zu einer eigenen Tradition entwickelt hat, die im Prinzip nicht mehr dem ursprünglichen Verzichtsgedanken entspricht. Mit dem Glauben an sich hat das aber nichts zu tun. Und was soll eigentlich dieses „immerhin“? Hätte das Ministerium etwas Vegetarisches am Freitag aufgetischt, hätte die Bild dann wieder „Veggie Day“-Panik bekommen? Ganz abgesehen davon, dass es sich ohnehin um eine Fake-Fisch-Meldung handelt:

Es gab also doch Fisch in den Umweltministeriumskantinen. Das Abendland ist gerettet. Gottseidank! Oder hat die Bild etwa in alternativen Kantinen recherchiert? Es gibt nach wie vor viel zu tun für Bild-Chef Julian Reichelt, der ja den Anspruch hat, das ehrlichste Medium Deutschlands herauszubringen, und den frisch gebackenen Bild-Ombudsmann Ernst Elitz.

Schönes Wochenende!

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