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Bild verpflichtet Ombudsmann: der richtige Weg zu besserer Fehler-Transparenz der Medien?

Soll den Chefredakteuren Julian Reichelt (l.) und Tanit Koch (r.) auf die Finger schauen: Ex-DLR-Intendant Ernst Elitz
Soll den Chefredakteuren Julian Reichelt (l.) und Tanit Koch (r.) auf die Finger schauen: Ex-DLR-Intendant Ernst Elitz

Die Bild engagiert einen Ombudsmann, der vertrauenswürdige Anlaufstelle für zweifelnde Leser sein und die Arbeit der Redaktion kritisch hinterfragen soll. Diese Form der Kontrollinstanz ist seit Jahrzehnten Praxis bei englischsprachigen Medien und kann erfolgreiches Instrument in der Leserkommunikation sein – wenn es mit Ernsthaftigkeit zum Einsatz kommt. Die Maßnahme allein reicht aber nicht aus.

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Eine der ersten Kontrollrecherchen, die Ernst Elitz in seiner neuen Position bei Bild (vielleicht) angetragen wurde, war eine Spitzfindigkeit. Und die betrifft ihn selbst. Medienkritiker Stefan Niggemeier hat nicht lange gefackelt, um den gestern ernannten Ombudsmann auf eine angeblich fehlerhafte Bezeichnung seiner Person aufmerksam zu machen. Regelmäßig bezeichnet Bild Ernst Elitz als „Gründungsintendanten“ des Deutschlandradios. Dabei sei er es gar nicht, für den besonderen Titel hätte er ein paar Wochen früher antreten müssen, moniert Niggemeier.

Doch von einer falschen Betitelung in der Bild zu sprechen, wäre irreführend. Denn der Medienjournalist beruft sich zwar auf eine Angabe in einer Chronik der Öffentlich-Rechtlichen. Das Deutschlandradio selbst bezeichnet Ernst Elitz aber als seinen „Gründungsintendanten“, und auch bei Wikipedia ist über die Geschichte des Senders zu lesen: „Zum ersten Intendanten wurde Ernst Elitz gewählt.“ Dass im Umfeld des Deutschlandradios also zwei unterschiedliche Lesarten kursieren, könnte durchaus damit zusammenhängen, dass manchen dort die heutige Nähe des früheren Senderchefs zur Bild-Zeitung nicht genehm ist. Fakt ist aber auch, dass das Blatt Elitz mit guten Gründen so bezeichnen kann, wie es dies tut.

Die Eingabe Niggemeiers an den neuen Ombudsmann beruht auf einer Haarspalterei – und zeigt, wie schwer es in der neuen Rolle mitunter werden kann, konkurrierende Versionen einer „Wahrheit“ gegeneinander abzuwägen. Gemessen werden wird Elitz wohl daran, wie er mit gewichtigeren Themen umgeht, in denen der Bild schwerwiegende Fehler unterlaufen. Erst vor kurzem hat sich die Bild-Chefredaktion für einen Artikel entschuldigt, in dem von einem Silvester-Sex-Mob in Frankfurt berichtet wurde, den es gar nicht gegeben hatte. Die Boulevardzeitung hatte über die Anschuldigungen einer Frau berichtet, die tatsächlich zum behaupteten Tatzeitpunkt gar nicht in der Stadt gewesen war. Ein gründlicher Gegencheck bei der örtlichen Polizei unterblieb offenbar. Diagnose hier: ungenügende Recherche.

Daran wird bei künftigen Fällen auch der Ombudsmann nichts ändern; er kommt erst zum Einsatz, wenn Fehler geschehen und gedruckt oder online publiziert worden sind. Der Idee des Ombudsmannes (oder der Ombudsfrau) liegt ein Transparenz-Gedanke zugrunde. Auf Anregung der Leser soll er als eine Art interner Ermittler auf die Suche nach Fehlerquellen gehen und sicherstellen, dass diese transparent gemacht werden. Vor allem internationale Medien scheinen mit dem Modell des Ombudsmannes positive Erfahrungen zu machen. Traditionsmarken wie die New York Times arbeiten bereits seit Jahrzehnten mit der Instanz, die eine eigene Plattform zur Veröffentlichung hat. Auch in Deutschland existieren Ombuds-Instanzen in unterschiedlichen Ausprägungen – wenn auch nicht weit verbreitet. Oft bestehen Ombudsräte aus Dritten in Kombination und Mitgliedern der Redaktion.

Elitz: unabhängiger Dritter oder „Fanboy“?

Die Kontrolle über einen Ombudsmann funktioniert nur, wenn der sich als vertrauenswürdige Bezugsperson für den Leser positioniert. Er ist ihr Anwalt innerhalb der Redaktion und macht seinen Job dann richtig, wenn die Chefredakteure, die ihn bestellt haben (und sofern sie die Position nicht selbst bekleiden), ihre Entscheidung schnell wieder bereuen. Damit die Kontrollinstanz mehr als nur Symbolik ist, müssen gewisse Voraussetzungen erfüllt sein. Der Ombudsmann muss sich im journalistischem Umfeld auskennen und redaktionelle Prozesse verstehen. Im Falle der Bild ist das mit Elitz scheint das gegeben. Der 75-Jährige hat nicht nur Indendanten-Karriere gemacht, sondern für Medien wie Zeit, Spiegel, ZDF und ARD gearbeitet. Zudem hat Elitz Erfahrung in der Kommunikation mit Rezipienten, bei der Polit-Sendung „Pro und Contra“ holte er damals im Ersten erstmals Zuschauerstimmen ins Fernsehen.

Für Vertrauen in einen Ombudsmann reicht das allein aber nicht – wichtigstes Attribut sind Unabhängigkeit und Objektivität. Obwohl Bild im Gegensatz zu anderen auf jemanden von Außen setzt, plagen Beobachter Zweifel. Der Intendant war bereits vor seiner Tätigkeit als Kolumnist bei Bild tätig und habe das Blatt in schwierigen Fällen eher verteidigt, kritisiert das Bild Blog, das Elitz als „Fanboy“ bezeichnet. Zwar haben die Blogger nicht in jedem Argument bezüglich der Untauglichkeit Elitz‘ recht, ihre Kritik findet sich aber auch an anderer Stelle. So bezeichnete die ehemalige taz-Kolumnistin Silke Burmester den Journalisten mal als „Diekmanns Götterboten“ und kritisierte dessen Schwarz-Weiß-Denke. Kritik wie diese klingt nicht unbedingt nach den besten Voraussetzungen.

Definition von Ombudsmann ist unterschiedlich

Die Ombudsfunktion ist ein Transparenz-Instrument von vielen, die in deutschen Medien wieder vermehrt eingesetzt werden, und war auch in anderen Redaktionen bereits Thema. „Wir hatten diese Idee auch diskutiert, als wir unser Transparenz-Blog „Glashaus“ gestartet haben“, erklärt beispielsweise Jochen Wegner, Chefredakteur von Zeit Online, auf Nachrage. Aus Mangel an Ressourcen habe man sich schließlich gegen die Bestellung eines unparteiischen Dritten entschieden. Das Glashaus des Online-Ablegers der gleichnamigen Wochenzeitung war zum Start ein viel zitiertes Beispiel für Transparenzoffensiven. Die Redaktion nutzt die Plattform, um eigene Prozesse zu erläutern und „alle größeren Fehler“ zu erklären. Wegner sieht auch die Leser als eine Art Kontrollfunktion. „Wir werden unsere Kommentare und unsere Community weiter ausbauen – und nicht etwa einstellen wie manche anderen Medien.“ Bereits heute moderiere man täglich 80.000 Kommentare allein auf Zeit Online, 20.000 weitere bei Facebook. Die allermeisten davon dürften allerdings eher dem Thema der Artikel und weniger der Arbeit oder gegebenenfalls den Fehlern der Redaktion gelten.

Die Antworten auf eine kleine von MEEDIA durchgeführte Umfrage zeigen, dass Redaktionen den Begriff des Ombudsmannes durchaus unterschiedlich interpretieren.“Wie Selbstkontrolle organisiert wird, muss jedes Haus für sich entscheiden“, erklärt Michael Bröcker, Chefredakteur der Rheinischen Post gegenüber MEEDIA. Während Bild auf die Verpflichtung eines prominenten Gesichtes setzt, arbeitet man in Düsseldorf mit Technologie. Ein für viel Geld eingerichtetes „Listening Center“, das man bei der RP vielfach einsetzt, soll alle eingehenden Mails, Kommentare, Posts, systematisiert an einer Stelle bearbeiten und jede relevante Anfrage an die richtige Person weiterleiten. „Darin geht es auch um Kritik an unserer Arbeit, unserer Berichterstattung, einem konkreten Artikel.“

Das alles sind funktionsfähige Mechanismen, die jeweils ihren Teil im Fehlermanagement einer Redaktion erfüllen. Bild setzt nun wie viele andere Redaktionen auch auf ein neues, spezialisiertes Team, das unklare Fakten vor Veröffentlichung noch einmal prüfen soll. Damit entwickelt der Online-Journalismus im Kleinen ein Instrument, ohne das große, namhafte Qualitätsmedien gar nicht auskommen: die Dokumentation, die allerdings besonders kostenintensiv ist.

Medien schließen sich international zusammen

Den Trend gehen bei Weitem nicht alle Medien mit. Focus-Online-Chef Daniel Steil, dessen Redaktion sich möglicherweise bald als Fact Checker für Facebook engagieren wird, setzt weiter auf vorhandene Ressourcen. „Wir haben eine sehr kompetente Redaktion, die bei nicht klaren Lagen immer nach einem Vier-Augen-Prinzip handelt.“ In der Leserkommunikation setze man weiter auf den vor zwei Jahren eingeführten Dialog, für den ein eigenes Team zuständig ist. Intensiven Austausch mit der Community pflege man ebenfalls über die Kommentarfunktion.

In der Diskussion über den Umgang mit Fakten und Fehlern spielen auch die so genannten Fake News eine immer größere Rolle. Um im Netz kursierende Gerüchte oder falsche Informationen möglichst schnell zu entlarven, arbeiten Redaktionen mittlerweile auch international zusammen, organisieren sich beispielsweise in der First Draft Coalitionin der sie sich auf kurzen Wegen austauschen wollen. Besonders im Vorfeld der in diesem Jahr anstehenden Bundestagswahlen sind Redaktionen gewarnt. Es gilt, das journalistische Versagen wie beim Brexit oder der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten zu vermeiden. „Wir müssen dem heraufziehenden Wahlkampf-Hype Nüchternheit und Handwerk entgegensetzen“, mahnt Bröcker, in dessen Bundesland auch Landtagswahlen stattfinden. Um den Wahlkampf mit möglichst großer Objektivität zu begleiten, will er sich in diesem Jahr Unterstützung aus der Wissenschaft holen. Seine Zeitung will ab April einen täglichen Faktencheck veröffentlichen, den sie zusammen mit Politikwissenschaftlern der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf erarbeitet hat.

 

Update, 23.02., 21.30 Uhr: Bild-Gesamtchefredakteur Julian Reichelt hat darauf hingewiesen, dass die vom Medienjournalisten Stefan Niggemeier übernommene Darstellung von MEEDIA, das Blatt habe Ernst Elitz fälschlich als Gründungsintendanten des Deutschlandradios bezeichnet, nicht zutreffend ist – ebenso die Folgerung, Bild habe einen „Flüchtigkeitsfehler“ begangen. Julian Reichelt hat Recht. Die entsprechende Passage wurde deshalb überarbeitet, MEEDIA entschuldigt sich für die ungeprüfte Übernahme der Kritik.

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