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„Wir haben Fake News verbreitet“: Wie Julian Reichelt die Bild künftig vor Falsch-Informationen schützen will

Falsche Berichterstattung, Aufklärung und Transparenz in eigener Sache: Bild-Chef Julian Reichelt erklärt die Konsequenzen der falschen Sex-Mob-Berichterstattung
Falsche Berichterstattung, Aufklärung und Transparenz in eigener Sache: Bild-Chef Julian Reichelt erklärt die Konsequenzen der falschen Sex-Mob-Berichterstattung

Die Bild-Zeitung musste einen Bericht über einen angeblichen, von Flüchtlingen motivierten Sex-Mob in der Frankfurter Innenstadt zurückziehen. Denn nach heutigem Kenntnisstand hat sich dieser Vorfall nicht ereignet. "Wir haben Fake News verbreitet", gesteht Bild-Chef Julian Reichelt ein, der nun erklärt hat, wie er die Wiederholung eines solchen journalistischen GAUs verhindern will.

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„Zeitungen sind im Umgang mit Fake News seit Jahrzehnten geschult. Wir werden (…) einfach unseren Job machen.“ Das Mittel im Umgang mit Fake News, das Tanit Koch, Chefredakteurin der Bild-Zeitung, vor wenigen Wochen erklärt hat, klingt simpel. Doch scheint das mit dem „Jobmachen“ eben nicht immer so einfach, wie nun ihr eigenes Blatt bewiesen hat. Während die Branche und die Politik über den Umgang mit – meist in den sozialen Netzwerken verbreiteten – so genannten „Fake News“ diskutieren, wurde ausgerechnet Deutschlands größte Tageszeitung jüngst von der Realität überrascht.

In dieser Woche veröffentlichte Bild in der gedruckten Regionalausgabe Frankfurt sowie online eine „Entschuldigung in eigener Sache“ und informierte darüber, dass die Berichterstattung am 6. Februar dieses Jahres fehlerhaft war. Bild berichtete damals unter der Überschrift „37 Tage nach Silvester brechen Opfer ihr Schweigen – Sex–Mob in der Freßgass“  von Übergriffen auf Frauen. Nun stellte sich heraus: Der Vorfall hat sich gar nicht ereignet. „Wir haben Fake News verbreitet“, gesteht Julian Reichelt, Vorsitzender der Bild-Chefredakteure, ein. Möglicherweise saß Bild falschen Zeugen auf, die Tatsachen bewusst erfunden haben. Gegen eine in der Bild-Zeitung zitierte Zeugin wurden mittlerweile polizeiliche Ermittlungen eingeleitet.

Aufmacher in der Frankfurt-Ausgabe: Bild entschuldigt sich für falsche Berichterstattung

Doch die Tatsache, dass Menschen die Reporter der Bild bewusst belogen haben, ist eine Erklärung, aber keine Entschuldigung. Das weiß auch Reichelt, der sich im Interview mit dem Tagesspiegel noch einmal zum Vorfall geäußert hat. Es hätten die „Kriterien der journalistischen Sorgfalt und alle Kontrollmechanismen versagt“, erklärt Reichelt, den der Fehler in diesem Zusammenhang besonders ärgert. Denn Bild hatte weiter berichtet, dass der Vorfall durch Flüchtlinge motiviert war. „Da wurde der Vorwurf, wir würden über gewisse Vorfälle beim Flüchtlingsthema nicht berichten, quasi zum Treiber der Berichterstattung.“ Dass Bild mit seinen Berichten zum angeblichen Silvestervorfall falsch lag, hat mittlerweile über internationale Grenzen hinweg Schlagzeilen gemacht. So berichteten unter anderem die Washington Post und die New York Times über Reichelts Entschuldigung.

Bild will falsche Berichterstattung vor Kritikern erkennen und veröffentlichen

Auch wenn man sich vor Fehlern nie zu einhundert Prozent schützen kann, soll sich ein Vorfall wie dieser freilich nicht wiederholen. Man arbeite derzeit daran, Konsequenzen aus dem Vorfall zu ziehen. „Vielleicht müssen wir neue Kontrollmechanismen dazwischenschalten, noch mehr gestandene Nachrichtenleute einsetzen, die derartige Geschichten, die für „Fake News“ wie beispielsweise aus der Flüchtlingsproblematik anfällig sind, auf Herz und Nieren, auf Anspruch und Wahrheit überprüfen.“ Ob das vor Fehlern wie dem aus Frankfurt schützt, ist fraglich. Wie Reichelt bestätigt, haben hier nämlich „von der ersten Recherche bis zur Freigabe der Seite“ alle Kontrollmachanismen versagt.

Vor allem vor Ort hätte bessere Reporter-Arbeit geleistet werden müssen. Denn wie die Polizei in dieser Woche beteuerte, habe diese erst durch den Bild-Bericht von den angeblichen Vorfällen in der Silvesternacht erfahren. Bedeutet im Umkehrschluss: Eine rechtzeitige Anfrage bei der Polizei Frankfurt, zu der Bild mitunter ein schwieriges Verhältnis hat, hätte zumindest für erste Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Bild-Quellen sorgen können.

Neben der weiteren Aufklärung des Falls spielt für Redaktionen nach eklatanten Fehlern die Wahrung der Glaubwürdigkeit eine wichtige Rolle. Und so unterstreicht Reichelt, der mit der Beförderung zum Vorsitzenden der Bild-Chefredakteure, erst kürzlich die publizistische Verantwortung für Bild und BamS übernommen hat, zudem den Eindruck, an einem neuen Umgang mit Fehlern und Transparenz zu arbeiten. „Wenn wir sie selber erkennen, dann werden wir selber aktiv“, so der Bild-Chef.  „Ich glaube aber, dass sie ein wichtiger Teil der journalistischen Aufrichtigkeit und Ausdruck unserer proaktiven Kommunikation sind.“ Damit will Reichelt auch Kritikern vorweggreifen. „Proaktiv heißt, wir wollten uns für die ‚Sex-Mob‘-Geschichte entschuldigen, noch ehe sie ein Medienthema wurde. Gelungen ist uns das im Frankfurter Fall nicht, wir waren hinter der Konkurrenz.“

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Alle Kommentare

  1. Die empfehlung, die Polizei zu Fragen und die Antwort dann als Maßstab für die Berichterstattung zu nehmen, ist ein typisches Beispiel für den um sich greifenden obrigkeitshörigen Journalismus. Wenn die Snschuldigungen gestimmt hätten, hätte das bedeutet, dass die Polizei die Vorkommnisse über einen Monat unter der Decke gehalten hätte – dann hätte sie auch auf die Anfrage gelogen. Dass das nicht an den Haaren herbeigezogen ist, konnte man ja u.a. an der Kommunikation der Kölner Polizei sehen. Die andere Alternative wäre gewesen, dass keiner der Betroffenen eine Anzeige erstattet hat, weil es eh nichts bringt. In beiden Fällen wäre ein „Nein, davon wissen wir nichts“ der Polizei journalistisch nicht viel Wert gewesen.

    Der einzig saubere journalistische Weg wäre gewesen, sich vor Ort zu begeben und andere Wirte, Beschäftigte, Besucher zu befragen. Angesichts der Dimension der angeblichen Vorfälle hätten die davon etwas mitbekommen müssen.

    Die Schlamperei der Bild und der Vorschlag von Marvin Schade sind letztlich zwei Seiten derselben Medaille: Viele Journalisten recherchieren zu viel vom Schreibtisch aus und geben sich mit den Aussagen angeblicher Zeugen oder Behördenvertretern zufrieden.

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