Neue Tageszeitung für Hamburg „verschoben“: Stromanbieter zieht bei Morgenblatt-Projekt den Stecker

„Morgenblatt“-Dummy, verstorbener Energie-Unternehmer Martin Kristek: Tageszeitungs-Projekt „Morgenblatt“ liegt auf Eis – vermutlich bis zum St. Nimmerleinstag
"Morgenblatt"-Dummy, verstorbener Energie-Unternehmer Martin Kristek: Tageszeitungs-Projekt "Morgenblatt" liegt auf Eis – vermutlich bis zum St. Nimmerleinstag

Seit Anfang dieser Woche sollte Hamburg um eine Tageszeitung reicher sein. Doch aus dem "Morgenblatt", hinter dem das Unternehmen Care Energy steht, wird wohl nichts mehr. Das Projekt, das in Konkurrenz zur Hamburger Morgenpost und Abendblatt erscheinen sollte, sei auf "unbestimmte Zeit" verschoben, bestätigte ein Sprecher. Im Januar war Unternehmensgründer Martin Kristek überraschend gestorben.

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Es sieht nach dem Ende einer Medienkarriere aus, die noch gar nicht gestartet ist: Im Januar ließ die Meldung über eine neue Tageszeitung nicht nur die Hamburger Branche aufhorchen. Am 6. Februar sollte erstmals das Morgenblatt am Kiosk liegen und den lokalen Markt um die traditionsreichen Zeitungen Hamburger Morgenpost (Mopo) und Abendblatt aufwirbeln. Doch auch drei Tage später fehlt vom neuen Blatt, dessen Dummy-Ausgaben sich optisch wie auch inhaltlich stark an der Mopo orientierten, jede Spur.

Der Grund: Die Pläne für das Morgenblatt liegen auf Eis – so die offizielle Ansage. Ein Sprecher des Unternehmens bestätigte auf Nachfrage von MEEDIA: „Der Start ist auf unbestimmte Zeit verschoben.“ Der ursprüngliche EVT zu Beginn dieser Woche sei aufgrund der jüngsten Ereignisse nicht mehr haltbar gewesen, heißt es weiter. Gemeint ist damit der überraschende Tod des Care-Energy-Gründers Martin Kristek Ende vergangenen Monats. Unternehmensangaben zufolge erlitt der 44-Jährige einen Herzinfarkt. Seitdem ist das umstrittene Energie-Unternehmen, das seinen Betrieb aufrechterhalten will, mit seiner Neuaufstellung beschäftigt. Abseits des Kerngeschäfts spiele das Projekt Morgenblatt eine untergeordnete Rolle, heißt es dazu in Unternehmenskreisen.

Morgenblatt hatte offenbar eher persönliche als unternehmerische Gründe

Dass das publizistische Vorhaben überhaupt umgesetzt wird, daran ist durchaus zu zweifeln. Als Motivator des Morgenblatts galt in erster Linie Kristek selbst. Dabei soll der Manager, der für sein kompliziertes Verhältnis zur Presse bekannt war, weniger kaufmännische als persönliche Absichten gehabt haben. In der Hamburger Medienszene war von einem „kindischen Racheakt“ die Rede. Kristek habe der kritischen Berichterstattung etwas entgegensetzen wollen, um auch den wirtschaftlichen Druck auf die Medienhäuser erhöhen zu wollen. Denn Care Energy ist in den vergangen Monaten immer wieder negativ in die Schlagzeilen geraten. So wurde unter anderem über staatsanwaltschaftliche Ermittlungen wegen Insolvenzverschleppung und Betrug berichtet, ebenso über zahlreiche unzufriedene Kunden. Im Juli vergangenen Jahres hatte das Unternehmen zudem Ärger mit der Bundesnetzagentur, einen Monat später schaltete sich auch der Bundesverband der Verbraucherzentrale ein und mahnte das Management wegen eines Vergleichsrechners für Tarife ab. Immer wieder und intensiv über das „Chaos-Energie-Unternehmen“ berichtete vor allem die Hamburger Morgenpost.

Selbst bei Umsetzung des Morgenblatts stünden die Chancen für die neue Publikation am Hamburger Markt denkbar schlecht. Der Markt gilt als gesättigt. Neben Mopo und Abendblatt erscheinen auch die Welt und Die Zeit mit Lokal-Ausgaben. Die im Vorfeld kolportierte Morgenblatt-Auflage von rund 50.000 Exemplaren war vergleichsweise gering. Hinzu kommen die schwierigen Voraussetzungen hinsichtlich der Unabhängigkeit und Glaubwürdigkeit einer Zeitung, die direkt von einem Unternehmen finanziert wird.

Welchen Stellenwert das kühne Projekt nach dem Tod Kristeks noch hat, dazu wollte sich der Sprecher nicht weiter äußern. Auch könne er keine weiteren Details nennen. Es spricht vieles dafür, dass Care Energy beim Projekt Morgenblatt hinter den Kulissen endgültig den Stecker gezogen hat.

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