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„Ahnungslose Moderatoren“, „uninformierte Redaktionen“: Bundesrichter Thomas Fischer rechnet nach „Maischberger“-Besuch mit TV-Talkshows ab

"Die selbstgefällige Ahnungslosigkeit der zu Intellektuellen emporfantasierten Moderatoren": Bundesrichter Thomas Fischer bei "Maischberger"

Der schreibende Bundesrichter Thomas Fischer saß vergangene Woche in der ARD-Talkshow „Maischberger“ zum Thema Gewalt gegen Polizisten und es hat ihm nicht gefallen. Jedenfalls nutzt Fischer seine zeilenreiche Kolumne bei Zeit Online für eine Generalabrechnung mit dem Format TV-Talkshow: „Wer das ‚Trash‘ nennt, liegt nicht weit weg von der Wahrheit.“

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Zunächst echauffiert sich Thomas Fischer darüber, dass der Auftritt des Kampfsportlers Nick Hein in der „Maischberger“-Sendung kein Nachspiel hatte. Hain hatte in der Sendung dem SPD-Politiker und Twitter-Enfant-terrible Christopher Lauer Prügel angedroht. Fischer findet es skandalös, dass sich zu diesem Vorfall niemand von der ARD geäußert hat und die „Skandalsendung“ (Fischer) noch nicht aus der Mediathek genommen wurde. Im Pluralis Majestatis formulierend meint Fischer: „Unseres Wissens hat es in den letzten 30 Jahren in der ARD kein vergleichbares Ereignis gegeben. Das Schweigen der Redaktion und der ARD zu diesem Vorfall ist abwegig in der Sache, bezeichnend in der Botschaft, skandalös in der Form.“

Fischer klärt seine Leserschaft darüber auf, dass die „sogenannten ‚Talk-Shows'“ mit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunkprogramm seit langem nichts mehr zu tun hätten. Es handle sich vielmehr um – Schock! – „sogenannte Formate“, also um Produktionen von eigenständigen Gesellschaften, „die nach ausschließlich (!) marktwirtschaftlichen Kriterien irgendeinen beliebigen ‚Content‘ produzieren und sodann an eine Fernsehanstalt verkaufen.“ Diese Formate seien nach „Personen benannt, die als geistige Inspiratoren beworben werden und deshalb immerzu mit empathischem Augenaufschlag und wissend-ironischem Mundwinkelgekräusel in die Kameras blicken müssen, selbst wenn sie vom Thema der Sendung so viel Ahnung haben wie das Huhn vom Langstreckenflug.“

Fischer ist lesbar empört. Es gehe gar nicht „um Auseinandersetzung mit ernsthaften Argumenten, noch um Information des Bürgers“, sondern um die Quote. Seine Analyse des Formats Talkshow: 

Die Redaktionen im Hintergrund überlegen, wie es scheint, zunächst, welche sinnfreie, aber spektakuläre These man einmal ins Getümmel werfen könnte. Sodann akquiriert man dazu irgendwelche Gäste mit dem Hinweis, ihre Meinung und Sachkenntnis seien für die Sache hochbedeutend. Schließlich kombiniert man die Versuchspersonen nach dem Kriterium: Je mehr Krawall, desto später wird weggezappt. Dies ist das intellektuelle Grundgerüst und zugleich die künstlerische Erfüllung.

Der Besuch bei „Maischberger“ scheint für den Bundesrichter eine geradezu traumatische TV-Erfahrung gewesen zu sein. Was ihm auch gewaltig gegen den Strich ging war das Ausstellen von „Opfern“ bzw. „Betroffenen“:

Die jeweilige Sprech-Meisterin wendet sich dem/der Betroffenen mit dem ganzen Maß der hart antrainierten Betroffenheit zu und behauptet, es handle sich um einen besonders berührenden „konkreten Fall“, der aber höchstwahrscheinlich zugleich einen „Trend“, eine allgemeine Lage, eine Tendenz, eine Entwicklung oder einen Skandal belege. Ob das stimmt, spielt keine Rolle und wird im Fortgang der Sendung auch nicht weiter untersucht.

Die Einspielfilme, mit denen die Redaktion zu einem neuen Diskussionspunkt hinführen will, finden auch keine Gnade. Fischers Urteil am Kolumnengericht: „Irgendein hanebüchenes Filmchen, das der Talkshowgast selbstverständlich vorher nicht zu Gesicht bekam“. Er kann auch nicht verstehen, dass im TV nicht juristisch sauber zwischen Raub und Diebstahl differenziert wird. In einem Einspieler war nämlich die Rede davon, ein Laden sei „dreimal ausgeraubt“ worden. Auf den Videoaufnahmen sei aber nur ein Diebstahl zu sehen gewesen. Fischer leidet nun darunter dass der „geladene ‚Rechtsexperte'“ – also er – dies keinesfalls habe richtigstellen dürfen. 

So kommt er zum – für ihn scheinbar überraschenden – Schluss, es handle sich ja bloß um Fernsehen, „eine auf Vorurteile hin konstruierte Scheinwirklichkeit“. Für den Kolumnisten – wie er sich selbst gerne nennt – ist das aber trotzdem ein Ärgernis: „Die Uninformiertheit der Redaktionen solcher Formate ist Programm, viel mehr noch als die selbstgefällige Ahnungslosigkeit der zu Intellektuellen emporfantasierten Moderatoren.“ Und wieder das Lamento, dass es nur um die Quote gehe und ums Geld. Fischers Fazit: „Maischberger, Dschungelcamp oder Big Bang Theory. Da müssen alle dreißig Sekunden die Fetzen fliegen, die Möpse hüpfen oder die Zoten aus dem Jubel-Automaten purzeln, sonst ist der biodeutsche Dichter und Denker gelangweilt. Willkommen in der Brave New World.“

Man kann gewiss vieles kritikwürdig finden an den öffentlich-rechtlichen Talkshows. Fischer spricht da in seiner Kolumne auch einige Punkte an. Die allgemeine und auch für seine Verhältnisse etwas platte Meckerei, es gehe doch nur um die Quote und Krawall, greift zu kurz. Fischer versucht hier gegen die seiner Meinung nach krawalligen Talkshows mit einer Krawall-Kolumne anzuschreiben. Eine Talkshow wie „Maischberger“ mit dem Dschungelcamp oder der US-Sitcom „The Big Bang Theory“ in einen Topf zu werfen, ist da auch wenig zielführend. Jaja. Das Fernsehen ist schlecht, es geht nur um die Quote, die TV-Macher sind alle doof, der Richter ist schlau. Schade, dass sich Fischer offenbar so sehr geärgert hat, dass seine Kritik in diesen nicht besonders originellen Allgemeinplätzen gipfelt. Der Vergleich mit dem Huhn und dem Langstreckenflug war ja recht lustig. Aber Fischer Selbst-Anspruch geht eigentlich über das Produzieren von knalligen One-Linern hinaus. Sonst könnte er ja gleich als Gagschreiber beim Dschungelcamp anfangen. 

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