„Mir ist das Selbstmitleid peinlich“: Wie Verlage versuchen, die VG-Wort-Rückzahlungen zu drücken

100 Millionen Euro sollen Verlage nach höchstrichterlichem Urteil an die VG Wort zurückführen
100 Millionen Euro sollen Verlage nach höchstrichterlichem Urteil an die VG Wort zurückführen

Viele Verlagshäuser müssen jahrelang kassierte VG-Wort-Tantiemen zurückzahlen. Einziger Ausweg: Urheber, denen das Geld zusteht, verzichten darauf. Seit Wochen flattern bei ihnen Schreiben ein, in denen Verlage um ein "Zeichen der Verbundenheit" bitten – darunter auch solche, deren Situation nicht unbedingt "alarmierend" ist. Kritiker monieren, dass die "Bettelbriefe" Druck auf Autoren ausüben.

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Das Urteil des Bundesgerichtshofes aus dem vergangenen Jahr im April hat Verlagen ganz und gar nicht gefallen  – und noch immer versuchen sie, den aus ihrer Sicht entstandenen Verlust zu begrenzen.

Die Richter in Karlsruhe hatten entschieden, dass Verlage ihre Anteile an den Tantiemen aus der VG Wort jahrelang zu Unrecht bezogen hatten und diese nachträglich (rückwirkend ab 2012 bis 2015) an die Autoren zu fließen haben. Insgesamt geht es um rund 100 Millionen Euro. Ein herber Schlag vor allem für kleine Buch- und Wissenschaftsverlage, in deren Geschäftsberichten die Anteile aus den VG-Wort-Ausschüttungen wichtige Posten waren. So waren nach dem bisherigen Verteilungsschlüssel der VG Wort Wissenschaftsverlage zu 50 Prozent an den Ausschüttungen beteiligt. Über die Jahre 2012 bis 2015 sind so Umsätze entstanden, die nach Angaben der Initiative „Verlage der Wissenschaft“ heute 20 bis 200 Prozent eines Jahresgewinnes ausmachen. Deren Anführerin, die Verlegerin Barbara Budrich, spricht selbst von neuen Verbindlichkeiten, die 100 Prozent ihres Jahresgewinnes entsprächen. Für die Begleichung müsse sie zwar Rücklagen anfassen, sei aber im Gegensatz zu anderen Häusern noch in einer „komfortablen Katastrophenlage“.

Unbestritten: Mit den anstehenden Rückzahlungen stehen zahlreiche Verlage vor einer enormen finanziellen Herausforderung. Dies war auch der von der VG Wort angeführte Grund, um sich für einen Kompromiss einzusetzen, der kleine Verlage entlasten sollte. Ergebnis war ein Beschluss zur „Abtretung von Nachforderungsansprüchen“. Nach mehreren Verhandlungen gab die Berufsgruppe der Journalisten als letzte grünes Licht für eine Lösung, nach der jeder Autor für sich auf seine Forderungen gegenüber den Verlagen verzichten kann. Zum Schutz vor Druck und Erpressung derer, die auf ihr Geld bestehen, können Autoren anonym auf die Rückzahlungen verzichten und Verlage finanziell entlasten. Vor allem Buch-Autoren aus Wissenschaft und Belletristik stimmten dieser Lösung schnell zu. „Wir haben gewiss nichts zu verschenken, aber wir wollen uns auch nicht gegeneinander ausspielen lassen“, heißt es beispielsweise in einem offenen Brief einiger weniger Autoren, die in verschiedenen Verlagen publizieren. Ihrer Ansicht nach tragen Verlage zum Erfolg eines urheberrechtlich geschützten Werkes bei und sollten auch entsprechend aus der VG Wort vergütet werden.  „Es sind die unabhängigen Verlage, die unsere eigensinnigen Bücher in einem nicht einfachen Umfeld durchgesetzt haben.“ Wie hoch der Anteil der Verlage an den Verkaufserlösen ihrer Bücher ist, schreiben die Autoren nicht.

Verlage schreiben „Bettelbriefe“ an Autoren

Die Urheber, die ihren öffentlichen Brief auf der Seite des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels veröffentlichten, sprechen dem Lobbyverband damit aus der Seele. Der Börsenverein unterstützt Verlage auch darin, mit ihren Autoren in Kontakt zu treten und bietet ein Formschreiben an, das Autoren die teils heikle Situation beschreiben soll. In den als „Bettelbriefe“ kritisierten Anschreiben weisen Verlage auf die Möglichkeiten des „Verzichts auf Rückabwicklung“ hin und appellieren – wie etwa der zum Jahreszeitenverlag gehörende Buch- und Zeitschriftenverlag Travel House Media – mit diesem „ungewöhnlichen Schritt“ an die „Solidarität“ und „Unterstützung“ der Autoren. „Die Rückzahlung der bereits erhaltenen Ausschüttungen wird für alle Verlage, auch für unser Haus, eine enorme wirtschaftliche Belastung bedeuten“, heißt es weiter. Bei Travel House Media erscheinen der international anerkannte ADAC Reiseführer, Magazine wie Feinschmecker, Merian oder auch Publikationen des Reifenherstellers Michelin (u.a. der ebenfalls international bekannte Restaurant-Guide Michelin).

In die gleiche Kerbe schlagen auch zahlreiche andere Verlage, die wegen der Rückzahlungen der VG-Wort-Tantiemen wohl kaum in wirtschaftliche Schieflage geraten. Darunter Großverlage wie Carlsen (u.a. „Harry Potter“; Jahresumsatz 2015 rund 15,8 Mio. Euro), der seinen Autoren sogar mitteilt, dass die Lage in seinem Fall nicht existenzbedrohend sei, oder die zum Bertelsmann-Konzern gehörende Verlagsgruppe Random House, deren Mutterkonzern Penguin Random House im Geschäftsjahr 2015 ein Ergebnis von 557 Millionen Euro bei einem Umsatz von mehr als 3,7 Milliarden Euro erwirtschaftete. Von der Möglichkeit, Autoren auf den Verzicht der Rückabwicklung hinzuweisen, machen nicht nur Buchverlage gebrauch, sondern auch Unternehmen aus der Presselandschaft – darunter beispielsweise der zum Süddeutsche Verlag gehörende Fachverlag Werben & Verkaufen, wie eine Sprecherin auf Nachfrage bestätigte. „Die Autoren wurden lediglich gebeten, auf die Rückforderungen der VG-Wort-Verlegeranteile zu verzichten.“ Laut taz werden auch (ehemalige) Autoren des gesamten Süddeutsche Verlages angeschrieben.

Verlage werben für noch nicht bestehenden „Härtefallfonds“

Hohen Belastungen ausgesetzt, jedoch nicht in seiner Existenz bedroht sieht sich auch C.H. Beck. 1,5 Millionen Euro müsse der Wissenschaftsverlag – sofern die Autoren nicht auf ihre Anteile verzichten – zurückzahlen, erklärt das Unternehmen gegenüber der Süddeutschen Zeitung. Eingespartes Geld wolle der Verlag aber nicht behalten, sondern in einen „Härtefallfonds“ einzahlen, aus dem Hilfe für kleine, existenzbedrohte Verlage finanziert werden soll. Auch andere Verlage werben in ihren Briefen mit der Zusage, ihre eingesparten Gelder in den vom Börsenverein des Buchhandels geplanten Fonds zu geben. Eingerichtet ist dieser aber noch nicht. Man sei derzeit in Gesprächen mit Kulturstaatsministerin Monika Grütters und könne die Pläne „voraussichtlich in den nächsten Wochen vorstellen“, erklärt Börsenverein-Hauptgeschäftsführer Alexander Skipis auf Nachfrage.

Kritiker des Vorhabens zeigen sich vor allem erbost über einzelne Formulierungen, in denen sie das lesen, was eigentlich durch ein Anonymisierungsverfahren vermieden werden sollte: den Willen, Autoren unter Druck zu setzen. So appellieren einige Verlage nicht nur an das „Solidaritätsgefühl“ der Autoren, sondern erklären – wie im Formschreiben des Börsenverein des Buchhandels vorgegeben –, dass sie darauf setzten, „dass Sie als Autorinnen und Autoren des Hauses sehr genau wissen, dass unsere Bücher nur im engen und arbeitsintensiven Zusammenwirken aller Beteiligten entstehen können (…) Schließlich setzen wir darauf, dass es Ihre Billigung fand und weiterhin findet, dass Kompensationszahlungen für unterbliebene Vertriebserlöse stets fair und sachgerecht aufgeteilt wurden und auch weiterhin werden.“ Andere Verlage formulieren schärfer: Der Verzicht sei „eine wichtige Grundlage dafür, dass wir uns auch weiterhin uneingeschränkt für Ihre Publikationen einsetzen können.“

Anschreiben wie diese werden vor allem von der Autorengewerkschaft der Freischreiber kritisiert, die in den Mitgliederversammlungen der VG Wort zunächst eine Sperrminorität stellten. „Im Einzelfall und bei kleinen Verlagen kann ein solcher Verzicht gerechtfertigt sein, dann steht es jedem Autor frei ihn zu erklären“, erklärt Freischreiber-Vorsitzender Benno Stieber gegenüber MEEDIA. „Dass aber nun große Verlage – zum Teil Branchenführer – Bettelbriefe an ihre Autoren verschicken, kann man nur schäbig nennen. Wichtig ist: Kein Autor braucht sich genötigt fühlen. Die Tantiemen stehen den Urhebern höchstrichterlich zu.“ Neben den Freischreibern fordern auch andere Verbände, die Anschreiben zu ignorieren. Weitere, wie die Initiative „Fairer Buchmarkt“, empfehlen in jedem Fall einzeln abzuwägen.

Kritik an Verlagen aus den eigenen Reihen: „Mir ist das Selbstmitleid peinlich“

Das Vorgehen der Verlagshäuser stößt aber auch in den eigenen Reihen auf Unverständnis – wie bei Wolfgang Pabst, der selbst einen Wissenschaftsverlag für Medizin-, Pflege- und Psychologie-Themen führt. „Spätestens seit 2013 wissen wir Verleger aus dem Verlauf der Gerichtsverfahren, dass die Rückzahlungsforderung von VG Wort mit größter Wahrscheinlichkeit kommt. Daher war es seither nur realistisch, die Ausschüttungen in die Rückstellung zu buchen und nicht als wirklichen Gewinn zu werten“, erklärt Pabst gegenüber MEEDIA. „Dies gilt für Verlage jeder Größenordnung. Es ist auch illusorisch, die Größe eines Verlags mit seiner wirtschaftlichen Stabilität zu korrelieren. “ Die VG Wort habe die Tantiemen seit 2013 immer nur unter Vorbehalt an die Verlage ausgezahlt. „Wer illusionslos und verantwortungsbewusst gewirtschaftet hat, wusste seither, dass die Ausschüttungen nur in einem unwahrscheinlichen Glücksfall im Verlag bleibt.“ Unternehmen, die diese Umsätze deshalb zurückgestellt haben, konnten die Tantiemen deshalb „ohne irgendwelche Probleme“ an die VG Wort zurücküberweisen. „Mir ist das Selbstmitleid von Verlegern peinlich“, so Pabst.

Während Verlage noch darum kämpfen, Gelder aus der Vergangenheit behalten zu dürfen, sind für die Zukunft bereits neue Regeln getroffen worden. Nachdem der Bundesgerichtshof festgestellt hatte, dass die Tantiemen an die Verlage zu Unrecht geflossen waren, beschäftigte sich auch die Politik mit den Gesetzen für Verwertungsgesellschaften. Im Dezember verabschiedete der Bundestag dann neue Regelungen zur Verlegerbeteiligung und passte das Gesetz der bisherigen Praxis an. Neu ausgehandelt werden müssen jedoch die Verteilungsschlüssel. Neben dem Verteilungsschlüssen 50:50 im Fall von Wissenschafts-Publikationen, lag die Tantiemen-Verteilung in der Belletristik sowie bei Presseerzeugnissen bislang bei 70:30 (für Autoren). Tantiemen aus dem Pressespiegel landeten sogar zu 100 Prozent beim Journalisten.

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Alle Kommentare

  1. Haha, habe allen meinen Verlagen signalisiert, ich hätte bei der VG Wort meinen Verzicht erklärt – habe aber nichts dergleichen getan. Ich kann die paar Tausender selber gut gebrauchen. Blöd wäre nur, wenn bei einem der Verlage das alle Autoren so machten. Aber normalerweise findet sich immer ein Depp, der auf das Krisengsülze der Verlage reinfalällt.

  2. Wenn sich Partner zum Gespräch zusammensetzen, ist das erst einmal was Gutes.
    Haben ehedem die EU und Griechenland auch getan.
    Warum sollen die Autoren verzichten? Könnte doch auch eine gestaffelte Kreditlinie sein. Da es heute auch Minuszinsen gibt, sollte unverzinst als partnerschaftliche Übereinkunft gelten.
    Bei ertragreichen Verlagen lohnt vielleicht auch eine Teilhabe?

    1. Richtiger Gedanke! Von meiner VG-Wort-Nachzahlung kaufe ich den Pleite-Verlach. Aber dann gelte ich als Autor im Selbstverlag, was schlecht fürs Image ist.

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