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Appell zum „Widerstand“ gegen Trump im Editorial: der Spiegel-Chef und das populistische W-Wort

Chefredakteur Klaus Brinkbäumer, Kontroverse um reißerische Trump-Titel beim Spiegel: "Publicity um jeden Preis"

Der US-Präsident in der Pose eines barbarischen IS-Schlächters und als Vernichter ur-amerikanischer Werte: Mit dem Cover dieser Woche polarisiert der Spiegel bei Lesern und Medienleuten. Chefredakteur Klaus Brinkbäumer verteidigt die drastische Darstellung und sieht die Zeit zum „Widerstand“ gegen das Trump-Regime gekommen. Die Medien als Partei statt als analytische Beobachter mit Distanz zum Geschehen? Eine fatale Devise, die verkennt, dass guter Journalismus stets eins sein sollte mit seiner Mission, nie aber mit einer Sache.

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Für seine Titelseite nach dem Wahlsieg von Donald Trump im November hatte der Spiegel noch den Preis eines Mediendienstes als „Cover des Jahres 2016“ eingeheimst. Dabei war die Illustration des kubanischen Künstlers Edel Rodriguez, der einen auf die Erde zurasenden Meteoriten mit den Gesichtzügen des kommenden US-Präsidenten versehen hatte, schon damals umstritten. Die Headline der Hamburger („Das Ende der Welt (wie wir sie kennen)“) tat ein Übriges. Viele fanden, dass die Chefredaktion um Klaus Brinkbäumer damit zu weit ging. Aber das war erst der Anfang.

Als am vergangenen Freitag um 18 Uhr der aktuelle Spiegel-Titel im Netz auftauchte, rangierten erste Reaktionen im Social Web zwischen Ungläubigkeit, Irritation und, ja, auch Fremdscham. Wieder stammte die Cover-Zeichnung von Edel Rodriguez, und diesmal zeigte er Trump in IS-Schlächterpose mit dem abgetrennten, blutigen Kopf der Freiheitsstatue und dem Schriftzug „America first“. Bei der fürs iPad verfügbaren digitalen Variante war das Motiv noch mit einer Animation versehen, die das Blut aus dem abgetrennten Haupt tropfen ließ. „Oh my God the new cover of Der Spiegel“, entfuhr es dem NBC-Nachrichtenchef Bradd Jaffy bei Twitter. Bei den deutschen Stimmen überwog die Kritik („Das Cover ist blanke Hetze“), es gab – eher vereinzelt – aber auch Zustimmung. Seine Illustration hat Rodriguez offenbar bei einem Titelseiten-Cartoonisten der New York Daily Mail abgekupfert, die die Zeitung bereits am 9. Dezember 2015 druckte. Mit dem Cover des Hamburger Nachrichtenmagazins hat das Motiv eine ganz andere Verbreitung und dies- und jenseits des Atlantik polarisiert.

Der Spiegel-Chefredakteur hält die Entscheidung für sein Titelbild trotz Kritik und kontroverser Reaktionen für richtig und findet das Cover „nicht so wahnsinnig provokant“. Er argumentiert: „Wir zeigen das, worum es geht. Es geht im Moment ja tatsächlich um die Demokratie, um die Freiheit, es geht um Menschenrechte, es geht um die liberale Demokratie so wie wir sie wertschätzen.“ Klaus Brinkbäumer hat in seinem Magazin ein Editorial dazu verfasst, in dem er sich selbst und uns alle auf das einstimmt, was seiner Auffassung nach unausweichlich scheint: „In je­dem Le­ben kom­men die Mo­men­te, in de­nen es gilt. Dann zeigt sich der Cha­rak­ter, Wich­ti­ges trennt sich vom Un­wich­ti­gen, und bald fal­len jene Ent­schei­dun­gen, die den wei­te­ren Weg be­stim­men. In man­chem Le­ben, das ist die Tra­gik und das Ge­schenk der Ju­gend, kom­men die­se Mo­men­te zu früh, weil man noch nicht reif ist, all die Kon­se­quen­zen ab­zu­se­hen, man ent­schei­det fröh­lich und hat da­mit Glück oder Pech. So un­schul­dig geht es für Staa­ten und Re­gie­run­gen sel­ten zu. Ein sol­cher Mo­ment nä­hert sich.“

Wer so redet oder schreibt, bereitet sein Gegenüber auf das Äußerste vor: Es geht um Schwarz oder Weiß, Ja oder Nein, womöglich ums Äußerste, um Leben oder Tod. Entscheide dich. Worum geht es ihm wirklich? Brinkbäumer formuliert es unmissverständlich: „Deutsch­land wird sich ge­gen den 45. Prä­si­den­ten der USA und des­sen Re­gie­rung stel­len müs­sen.“ Und weiter unten: „Es ist an der Zeit, für das, was Be­deu­tung hat, ein­zu­ste­hen: De­mo­kra­tie und Frei­heit, den Wes­ten und sei­ne Bünd­nis­se.“ Die Unterzeile seines Leitartikels nimmt das Fazit vorweg: „Der US-Präsident wird zur Gefahr – Deutschland muss den Widerstand vorbereiten.“ Brinkbäumer lässt keine Zweifel daran, dass er mit Deutschland uns alle meint: Politiker, Leser, Medienleute. Vereint im Widerstand; das W-Wort als Schlüssel: Entscheide dich. Über Trump sagt der Spiegel-Chef: „Der Präsident der USA ist ein pa­tho­lo­gi­scher Lüg­ner. Der Prä­si­dent der USA ist ein Ras­sist. Er ver­sucht den Staats­streich von oben, er will die il­li­be­ra­le De­mo­kra­tie oder Üble­res eta­blie­ren. Er will die Ge­wal­ten­tei­lung aus­höh­len, er ent­lässt eine Jus­tiz­mi­nis­te­rin, die an­de­rer Mei­nung ist, und wirft ihr ‚Ver­rat‘ vor. So re­de­te Nero, Kai­ser und Zer­stö­rer Roms; so den­ken Ty­ran­nen.“

Es ist nicht die politische Wertung, die Brinkbäumers Ausführungen etwas Unwirkliches verleiht, sondern die Art, wie diese Veränderungen vorwegnehmen und geradezu überhastet wirken. Und der Zeitpunkt der Veröffentlichung war denkbar ungünstig: Kaum waren der Spiegel-Titel und Brinkbäumers Editorial am Freitagabend im Netz, da verbreiteten Nachrichtenagenturen und Fernsehsender die Breaking News, dass Trumps eigenmächtige Executive Order von der Justiz außer Vollzug gesetzt worden war – verfügt von einem weithin unbekannten Bundesrichter aus Seattle, den einst Trumps Vorgänger und Parteikollege George W. Bush ins Amt berufen hatte. Die Gewaltenteilung funktioniert also ziemlich gut, die Demokratie ist noch keineswegs so „illiberal“, wie Brinkbäumer es beschwört, sondern wehrt sich, und das offenbar durchaus mit Erfolg.

Droht Amerika in absehbarer Zeit der „Staatsstreich von oben“, wie der Spiegel-Chefredakteur glaubt? Das ist durchaus möglich und Gegenstand einer zunehmend von allen Seiten erbittert geführten Debatte. Man kann dazu jede denkbare Meinung haben und vertreten, aber die entscheidenden Frage lautet, welche Rolle dem Journalismus zukommt. Brinkbäumer sieht sich und sein Magazin als Partei und hat dabei, vor allem bei den US-Medien viele Verbündete. Sie eint die Sicht auf den US-Präsidenten und die Einschätzung von dessen Polit-Agenda – vielleicht aber auch der Hang, ihren Kardinalfehler der Wahlkampfzeit durch einen weiteren kurieren zu wollen. Hat man Trump zunächst verspottet und unterschätzt, wird er nun in einem Maße dämonisiert, das keinen Raum für Zwischentöne oder Distanz lässt. Im aktuellen Spiegel tritt das Team Trump gleich in mehreren Rollen als die Inkarnation des Bösen auf: Jihadi John (Cover), Nero (Brinkbäumer) und Mephisto (Titelstory).

Man kann all das für möglich halten und in einem Szenario heraufbeschwören, aber es handelt sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt um Spekulationen, und es ist unjournalistisch, wenn man dies – wie Brinkbäumer – nicht hinreichend als solche kenntlich macht. Der Spiegel propagiert Endzeitstimmung, indem er bislang Ungeschehenes zum Fakt erhebt. Was kommt danach? FAZ-Medienredakteur Michael Hanfeld setzt sich kritisch mit dem neuen Trump-Cover des Nachrichtenmagazins auseinander und schreibt: „Die Pose des Henkers ist das Bild des Terrors, darauf hat es der Spiegel abgesehen, das hat die Bild-Zeitung gleich erkannt, mit dem berüchtigten IS-Terroristen Dschihadi John in Verbindung gebracht und den FDP-Politiker und Vizepräsidenten des EU-Parlaments, Alexander Graf Lambsdorff, um eine Stellungnahme gebeten. ‚Geschmacklos‘ nennt er das Cover: ‚Der Titel spielt in ekliger Weise mit dem Leben von Terroropfern. Er sagt mehr über die ,Spiegel‘-Redaktion aus als über Trump.'“

Nach Hanfelds Ansicht bedient der Spiegel mit seinem Schlächter-Cover „genau das, was Trump braucht: ein Zerrbild von ihm, mit dem er weiter an seinem Zerrbild der Presse arbeiten kann“. Auch im Text der dazu gehörigen Titelgeschichte fehle es an „einer nüchternen, differenzierten Betrachtung von Trumps Politik“. Das sei aber nicht überraschend, denn: „Von der hat sich das Blatt allerdings nicht erst jetzt verabschiedet. Schon der Titel vom 12. November des vergangenen Jahres, in dem Trump als Komet mit Feuerball erschien, der die Erde verschlingt, war von ähnlicher Machart wie der jetzige. Er verkündete ‚Das Ende der Welt (wie wir sie kennen).‘ Der Spiegel wusste also schon kurz nach Trumps Wahlsieg, dass das Ende der Welt naht. Das war eigentlich nicht mehr zu toppen.“

Das Ende der Welt, wie wir sie kennen: Der Spiegel-Chefredakteur ruft sinnbildlich zu den Waffen, weil er sich und seine Nation schon im Ausnahmezustand wähnt. Er tut dies drastischer und im Wortsinn bildhafter, als es für Berichterstatter geboten wäre. Die scheinbar logische Konsequenz für ihn ist Widerstand, der nächste Medien-Herdentrieb in Sachen Trump. Die Gefahr ist ein als Anti-Haltung getarnter Populismus, der in einer weltpoltischen Situation emotionalisiert, Ängste schürt und spaltet, wo doch mehr denn je ein kühler Kopf und journalistische Distanz gebraucht werden. Ist der Punkt, an dem die älteste und größte parlamentarische Demokratie der Welt aus den Angeln gehoben wird, schon erreicht oder steht sie unmittelbar bevor? Wäre es nicht die Aufgabe der Medien, mit analytischem Blick zu beschreiben was ist und nicht kollektiv und pausenlos heraufzubeschwören, was noch kommen könnte? Welches Bild erzeugt dies in der Wahrnehmung der Leser?

Welt-Autor Claus Wergin hat zum Thema am Sonnabend ebenfalls einen kritischen Kommentar veröffentlicht. Unter der Überschrift „Dieses Spiegel-Cover entwertet den Journalismus“ heißt es u.a.: „Das Kalkül dieses Covers ist klar: es soll ein Schocker sein und dem Spiegel möglichst viel Aufmerksamkeit bringen. Und das ist auch gelungen. Per Twitter ging das Cover in der Nacht zum Samstag um die ganze Welt. Washington Post, Business Insider, Buzzfeed und viele andere US-Medien haben umgehend darüber berichtet. Die Rechnung ist aufgegangen, die ebenso plump war wie offensichtlich: Publicity um jeden Preis.“ Und weiter: „Tatsächlich ist in diesem „Spiegel“-Cover beispielhaft kondensiert, was derzeit schiefläuft im hyperventilierenden Anti-Trump-Journalismus. Und nicht nur dort. Unser öffentlicher, von sozialen Medien turboladermäßig aufgeladener Diskurs ist längst in einen dauerhaften Erregungszustand eingetreten. Kein Wort ist zu groß, kein Vergleich zu schief, als dass er nicht angebracht werden würde.“

Der Spiegel, zuletzt von internen Querelen und wirtschaftlichen Problemen gebeutelt, sieht sich wieder in Rolle des Sturmgeschützes mit einem klaren Feindbild. Es ist eine Rolle, die der Spiegel kann und die ihn groß gemacht hat. Aber sie wurde unter Gründer Augstein anders gegeben als derzeit. Gut möglich, dass die auch im Internet häufiger geäußerte Vermutung, dass das aktuelle Spiegel-Cover mehr über den Spiegel aussagt als über den US-Präsidenten, der Wahrheit recht nahe kommt.

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