„Bewusste Täuschung von Journalisten“: Deutscher PR-Rat rügt Ösi-Tourismusverband wegen Pistenraupen-Ente

Eine Pistenraupe sollte nach Seefeld geliefert werden – statt in Tirol landete sie in Schleswig-Holstein
Eine Pistenraupe sollte nach Seefeld geliefert werden – statt in Tirol landete sie in Schleswig-Holstein

Keine Lügenpresse, sondern Lügen-PR: Der Werbe-Fake über eine Pistenraupe, die angeblich versehentlich in das norddeutsche Städtchen Seefeld, statt in den gleichnamigen österreichische Ski-Ort geliefert wurde, sorgte im Herbst für einige Aufregung. Erst wurde die dpa für ihre Falschberichterstattung gescholten. Dann war klar: Eine wahrhafte Berichterstattung war kaum möglich, weil die Journalisten bewusst von der Pressestelle angelogen wurden. Dafür kassierten die Verantwortlichen nun eine Rüge.

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Diese wurde vom Deutschen Rat für Public Relations (DRPR) gleich gegen drei involvierte Personen ausgesprochen. So heißt es in der Erklärung des Verbandes:

Auf konkrete und mehrmalige Nachfragen von dpa und anderer Medienvertreter bestätigte Elias Walser, Geschäftsführer des Tourismusverbandes Seefeld, den Vorgang zunächst als wahr. Erst zwei Tage später räumte Herr Walser ein, dass es sich hierbei um einen „PR-Gag“ gehandelt habe. Der DRPR rügt Elias Walser, den in die Durchführung involvierten Kabarettisten Alex Kröll und Karl Royer, Geschäftsführer der österreichischen Werbeagentur SR1, aufgrund der bewussten Täuschung von Journalisten sowie der Schädigung des Berufsfeldes der PR.

Das Vorhaben und die Aktionen hätten gegen Art. 1, 2 und 12 des Deutschen Kommunikationskodexes sowie gegen Art. 4, 15, 18 und 19 des Code de Lisbonne verstoßen.

Die Vorgeschichte: Ende November kroch ein LKW, der mit einer Schneeraupe beladen war, durch das beschauliche Seefeld bei Bad Oldesloe in Schleswig-Holstein. Ein Passant schoss ein Foto und sendete es als „Leserreporter“ an die Bild-Zeitung. Die dortige Geschichte lautete: „Fahrer karrt Schneeraupe ins falsche Seefeld.“ Denn das Gefährt soll für einen gleichnamigen Ort in Tirol bestimmt gewesen sein.
Die Geschichte machte die Runde: Zahlreiche weitere Medien griffen die scheinbare Irrfahrt auf, mit der Übernahme durch die dpa landete die Story in vielen weiteren Nachrichtentickern. Die Medien übernahmen begeistert die skurrile Witzgeschichte, ohne zu wissen, dass es sich eigentlich um einen PR-Stunt des Tourismusverbandes Seefeld handelte.

Später sollten die Tiroler argumentieren, dass sie die Pistenraupe in das falsche Seefeld gekarrt hätten, weil sei einen lustigen Facebook-Film produzieren wollten.

Als die Medien allerdings direkt nach der Sichtung des LKWs nachfragten, wurden diese erst einmal auf eine falsche Fährte navigiert. Weder der Verband noch der Spediteur sorgten für Aufklärung. Sie ließen die PR-Aktion absichtlich zur Ente werden und steuerten sogar noch Zitate bei. So erklärte ein „Sprecher“ der Spedition – der eigentlich Leiter der PR-Agentur SR1 ist – gegenüber der Bild-Zeitung, dass man den Fahrer trotz des „Fehlers“ nicht kündigen wolle. Kritische Nachfragen, die es gegeben haben soll, seien unbeantwortet geblieben, so der Tourismussprecher gegenüber dem NDR. Auch einen Nachdreher ließ man zu, als die Raupe im richtigen Seefeld angekommen war.

Selbst als klar war, dass es sich um eine bewusst provozierte Medien-Ente handelte, freute sich der Tourismusverband noch auf seiner Facebookseite über das von ihm inszenierte „große Märchen der kleinen Seefelder Pistenraupe“. Was als Social-Media-Geschichte zum Schmunzeln geplant gewesen sei, habe sich zu einem unglaublichen Medienhit entwickelt.

Bereits direkt im Anschluss an die Aktion beschäftigte sich der österreichische Ethik-Rat für Public Relations mit den Beschwerden aus Deutschland. Der Fall sei – auch wenn er auf den ersten Blick witzig anmute – kein Ruhmesblatt für seriöse PR, teilte der Rat in einer schriftlichen Stellungnahme mit. Er verstoße gleich in mehreren Punkten gegen den Ehrenkodex der Branche.

Zu einer ähnlichen Einschätzung kamen nun auch die Kollegen aus Deutschland.

Update (15.10 Uhr):
Der Tourismusverband Seefeld widerspricht dem Vorwurf vehement jemanden bewusst Getäuscht und belogen zu haben. Zudem habe der Deutsche Rat für Public Relations dem Tourismusverband zu keinem Zeitpunkt die Möglichkeit zu einer eigenen Stellungnahme eingeräumt. Die Seefelder konnten nie ihre Sicht der Dinge erklären.

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Alle Kommentare

  1. Na ja, mit den Medien-Lügen scheint es ähnlich zu sein, wie mit den Lügnern bei den Menschen:

    Die Kleinen hängt man, die Großen lässt man laufen.

  2. Ein deutscher „Presse-Rat“ rügt einen österreichischen Tourismusverband.
    Was für völkisch-nationalistische Populisten.

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