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Von echter und falscher Nähe: der Fall Gabriel und das schwierige Verhältnis von Politik und Medien

Sigmar Gabriel und die Top-Journalisten – echtes Vertrauen oder bloß Vertraulichkeiten?
Sigmar Gabriel und die Top-Journalisten - echtes Vertrauen oder bloß Vertraulichkeiten?

Das Interview, das der scheidende SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel dem stern gegeben hat, wirft auch ein Schlaglicht auf die Bedeutung von Nähe im Verhältnis von Politikern und Journalisten. Nähe kann korrumpieren. Nähe kann aber auch - wie im Fall des stern - die entscheidende Story zur rechten Zeit liefern. Es ist ein schmaler Grat, auch zwischen echter und falscher Nähe.

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Einen falsch verstandenen Begriff von Nähe demonstrierte der stellvertretende Spiegel-Chefredakteur Dirk Kurbjuweit im Morgenletter „Die Lage“. Am Tag nachdem der Rücktritt Gabriels bekannt gegeben wurde, brüstet sich Kurbjuweit mit Name-Dropping der Politik-Prominenz, die sich bei der Party zum 70. Spiegel Jubiläum im Hauptstadt-Büro des Nachrichtenmagazins blicken ließ:

Um halb neun kam Angela Merkel. Wir haben uns mit ihr in das Zimmer von Büroleiter Michael Sauga gesetzt, die Kanzlerin und ein paar Leute von SPIEGEL und SPIEGEL ONLINE. Merkel redete, über Trump, über die Medien, über die Stimmungslage in Deutschland. Wenn die Tür aufging, weil Essen oder Getränke reingebracht wurden, dröhnte das Fest herein, Stimmen, Musik, ziemlich laut.

Der Spiegel und die Kanzlerin auf Du und Du. Gabriel kam dann auch noch. Aber leider, leider, so informierte Kurbjuweit, dürfen die armen Leserlein nicht erfahren, was die Kanzlerin da Vertrauliches sprach. Das war nur für Spiegel-Ohren bestimmt.

Merkel redete noch eine Weile, leider kann ich hier nicht schreiben, was sie gesagt hat, weil für diesen Abend Vertraulichkeit vereinbart war. Da bitte ich um Verständnis.

Der Subtext solcher Botschaften ist: Wir sind so bedeutend, dass die Mächtigen sich um uns scharen. Dadurch fühlen sich die Medienmacher vielleicht auch selbst ein bisschen mächtig, aber vor allem wichtig. Für Spiegel-Ohren only! Auf Fotos vom Event war dann zu sehen, wie dieses Stelldichein aussah: ein voller Raum, Merkel neben dem Spiegel-Chefredakteur auf dem Sofa, Fotograf dabei, Spiegel-Leute, die sich neugierig in Richtung Kanzlerin beugen. Es wirkt eher wie eine schlechte Inszenierung von Vertraulichkeit und Nähe. Die Kanzlerin tut den Journalisten, die sich gerne mit ihr fotografieren lassen, möchten den Gefallen. Dass in solch einer Situation wirklich etwas Vertrauliches, etwas von Gewicht gesagt würde, kann man sich schwer vorstellen.

Es passt aber in das Selbstverständnis einiger, vor allem Berliner, Journalisten denen Hinterzimmer-Gespräche mit den Mächtigen immer noch als Ausweis einer besonderen Professionalität gelten. Einige Tage zuvor hatte Spiegel-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer laut dem RND-Medienblog beim Empfang im Hamburger Rathaus zum Spiegel-Geburtstag erzählt, wie er als junger Sportreporter erstmals den Spiegel-Größen Jürgen Leinemann und Heiner Schimmöller bei der Fußball-WM 1990 in Italien begegnete. Irgendwann sei eine Tür aufgegangen, Beckenbauer habe die Spiegel-Granden einbestellt und am nächsten Tag stand im Nachrichtenmagazin, was der Fußball-Kaiser den Spiegel-Reportern in die Feder diktiert hatte.

So war das wohl früher, als man sich über ein Zuviel an Nähe in den Medien noch keine großen oder kleinen Gedanken machte und machen musste. Heute ist das ein wenig anders. Heute können Worte wie jene Kurbjuweits im Spiegel-Letter arrogant wirken und Vorurteile verstärken, dass die Medien mit den Mächtigen vor allem gerne kuscheln. Und schaut man sich die Bilder von der Spiegel-Party an, dann sind das ja womöglich gar nicht mal Vorurteile. Ironie dabei ist freilich, dass das Kuscheln in diesem Fall nichts gebracht hat.

Aber die Suche nach Nähe ist auch keine Einbahnstraße. Kaum ein anderer Spitzenpolitiker hat sich den Medien so angeboten wie Sigmar Gabriel. Er ließ sich von Reinhold Beckmann für die ARD porträtieren, er ließ sich monatelang von Bernd Ulrich von der Zeit begleiten und mehrfach porträtieren. Er ging sogar mit dem journalistischen Bruder Leichtfuß Cherno Jobatey in seiner Heimatstadt Goslar fürs ZDF spazieren. An Gabriel-Content herrschte nun wahrlich kein Mangel in den Medien. Jetzt haben wir aber gelernt, dass wirkliche Nähe offenbar bei keinem dieser Medien-Dates entstanden ist, sondern immer nur Schein-Nähe.

Vor kurzem noch hat der Spiegel mit großem Chef-Aufgebot Gabriel interviewt und der Politiker hat die Top-Journalisten bei der Frage nach seine Kanzlerkandidatur zwar nicht direkt angelogen, aber er hat auch nicht vollumfänglich die Wahrheit gesagt:

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Nach al­lem, was Sie uns heu­te über Ihr po­li­ti­sches Pro­gramm und Ih­ren Ge­sund­heits­zu­stand ge­sagt ha­ben: Dür­fen wir da­von aus­ge­hen, dass Sie als Kanz­ler­kan­di­dat der SPD an­tre­ten wer­den?

Ga­bri­el: Ich bin sehr stolz auf mei­ne Par­tei, dass wir un­se­ren Fahr­plan in die­ser Fra­ge so kon­se­quent ein­ge­hal­ten ha­ben. Wir ha­ben ver­ab­re­det, dass wir über die Kanz­ler­kan­di­da­tur ge­mein­sam am 29. Ja­nu­ar ent­schei­den. Da­bei bleibt es.

Nach dem was wir heute wissen, war es Gabriel zum Zeitpunkt dieses Interviews schon längst klar, dass er nicht kandidieren würde und Martin Schulz ins Rennen geht. Nicht nur die ahnungslosen SPD-Genossen dürften sauer sein, über den ebenso redseligen wie schweigsamen Sigmar Gabriel.

Echte Nähe dagegen hat Gabriel dagegen stern-Chefredakteur Christian Krug und Zeit-Journalist Bernd Ulrich gewährt. Krugs Schilderung des entscheidenden Moments, als Gabriel ihm seine grundlegenden Zweifel an einer Kandidatur offenbarte, liest sich ähnlich wie die Schilderung Brinkbäumers über die WM 1990:

Der Airbus der Luftwaffe fliegt am 5. November 2016 gerade über die chinesische Millionenstadt Chengdu, als eine Mitarbeiterin von Sigmar Gabriel kommt. „Der Minister würde Sie gerne sprechen.“ Wir gehen an den Sicherheitsbeamten des Bundeskriminalamtes vorbei in den Regierungsbereich der Maschine. Sigmar Gabriel sitzt allein im Konferenzraum. (…) Ich nahm an, dass er mir auf dem Rückflug von Hongkong nach Berlin seine Kandidatur für das Kanzleramt bestätigt. Er sagt: „Was Sie jetzt von mir hören, wissen außer meiner Frau nur noch ganz wenige Menschen. Ich trage mich mit dem Gedanken, nicht anzutreten und den Parteivorsitz der SPD abzugeben.“

So läuft das. Einmal geht die Tür auf und der Kaiser guckt raus. Einmal geht die Tür auf und der Vizekanzler bittet zum Gespräch. Journalisten haben hier stets eine passive Rolle. Sie sind hier nicht die Enthüller, sondern die Beichtväter, PR-Gehilfen, Zuhörer. Es nicht leicht, in diesem Spannungsverhältnis klug und professionell zu agieren. Echte Nähe zuzulassen, Schein-Nähe zu vermeiden und sich trotzdem nicht mit dem Objekt der Berichterstattung gemein machen.

Christian Krug hat das mit dem Gabriel-Interview sehr gut hinbekommen. Der stern hatte Gabriel schon vorher interviewt. Die beiden Männer kannten sich, Gabriel fühlte sich bei Krug offenbar gut aufgehoben. Und Krug hat abgewartet und der Versuchung widerstanden, die Story zu pushen oder vielleicht über Bande zu verifizieren um ja der Schnellste, der erste zu sein. Am Ende wurde er dafür belohnt.

Die Spiegel-Leute mussten feststellen, dass sie trotz aller Interviews, Hintergrundgespräche und Mittagessen mit Vertrauten in Berlin keine echte Nähe zu Gabriel hatten. Da ging es ihnen offenbar genauso wie einigen Spitzen-Politikern der SPD und den Leuten von der Bild, die noch vor kurzem Gabriels Kanzler-Kandidatur als Exklusiv-Nachricht hinausposaunt hatten. Die Bild veröffentlichte nun einen bemerkenswerten Text, der erklären soll, wie es zu der Falschmeldung kam. U.a. wird erläutert, man habe sich auf „die handfesten Hinweise und Informationen“ aus „zahlreichen Gesprächen mit SPD-Spitzenpolitikern – unter anderem mit Gabriel selbst und engen Vertrauten“ verlassen. Am Ende hätten sich aber alle Hinweise und Äußerungen als „trügerisch“ erwiesen. Der Gabriel sei halt sprunghaft, wird am Ende leicht trotzig notiert. Mag sein, aber in dieser Frage war es es offenbar nicht. Immerhin weihte Gabriel stern-Mann Krug schon vor längerer Zeit in seine wahren Absichten ein. Und in Berlin gilt offenbar noch mehr als anderswo, dass das wo sehr viel geredet eher wenig gesagt wird.

Nun könnte man einwenden, dass zu viel Nähe zum Objekt der Berichterstattung für Journalisten ohnehin niemals gut ist. Das ist richtig. Aber ganz ohne Nähe geht es eben auch nicht. Herauszufinden, was zu viel oder zu wenig Nähe ist, ob ein echtes Vertrauen da ist oder nur Pseudo-Vertaulichkeiten – das ist dann die Kunst.

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