Anzeige

Gabriel wird nicht Kanzlerkandidat: Bild erklärt ihre falsche Berichterstattung – und steht in der Kritik

Via stern wird bekannt: Sigmar Gabriel tritt doch nicht als SPD-Kanzlerkandidat an – Bild-Chef Julian Reichelt muss die falsche Bild-Berichterstattung erklären
Via stern wird bekannt: Sigmar Gabriel tritt doch nicht als SPD-Kanzlerkandidat an – Bild-Chef Julian Reichelt muss die falsche Bild-Berichterstattung erklären

Mit seinem Rücktritt von der Parteispitze und dem Verzicht auf die Kanzlerkandidatur sorgte Sigmar Gabriel am Dienstag für eine große Überraschung – nicht zuletzt in der Redaktion von Bild. Dort war vor kurzem die viel zitierte Nachricht zu lesen gewesen, dass sich Gabriel für die Rolle des Spitzenkandidaten entschieden habe. Wie es zu dieser Falschmeldung kommen konnte, hat Bild nun transparent gemacht – was vor Kritik nicht schützt.

Anzeige
Anzeige

Für Bild war die Sache bereits am 9. beziehungsweise 10. Dezember klar: „Gabriel hat sich entschieden. Er macht’s“, hieß es online wie gedruckt. Er macht den Kanzlerkandidaten für die SPD, er zieht gegen Angela Merkel in den Wahlkampf. Weit gefehlt, wie sich am gestrigen Dienstag herausstellte. Gabriel lässt nicht nur den bisherigen Europa-Politiker Martin Schulz ins Kanzler-Rennen gehen, sondern überlässt ihm auch die Parteiführung.

Die Reporter der Bild-Zeitung lagen also falsch, was erst einmal unangenehm genug ist. Hinzu kommt, dass die Anfang Januar veröffentlichte Meldung letztlich nicht nur in den eigenen Medien verbreitet wurde, sondern zahlreiche Redaktionen – auch die von stern.de, dessen Print-Ausgabe den Gabriel-Rücktritt nun gemeinsam mit Zeit exklusiv hatte – die Berichterstattung aufnahmen und sich auf Bild beriefen. Julian Reichelt, Chefredakteur Digital bei Bild, reagierte unmittelbar nach Bekanntwerden des Gabriel-Rücktritts mit einer Entschuldigung und kündigte eine Dokumentation der Recherchen an.

Diese macht nun weitgehend transparent, wie Bild zu ihrer Falschmeldung gekommen ist: So berufen sich die Redakteure auf mehrfache Hinweise aus der Parteiführung der SPD, die – wie wir nun wissen – ebenfalls bis zum Schluss nicht über Gabriels Pläne eingeweiht war, sowie auf Äußerungen des Noch-SPD-Vorsitzenden aus dem vergangenen Sommer. „Praktisch die gesamte Parteiführung ging Anfang des Jahres fest davon aus, dass die Kandidaten-Frage entschieden sei. Das erschien unbedingt glaubhaft und plausibel, denn allen war klar: Verzichtet Gabriel auf die Kanzlerkandidatur, müsste er auch den Parteivorsitz abgeben.“ Auf Nachfragen habe die „Gabriel-Seite“ für den Geschmack der Bild-Reporter offenbar nicht klar genug geantwortet.

Anzeige

Mit der Transparenz-Offensive macht die Bild – wie sie selbst auch zugibt – deutlich, dass die Quellenlage nicht zu 100 Prozent klar gewesen ist. Vor Kritik schützt sie ohnehin nicht. So bemängelt beispielsweise das BildBlog, dass Bild den Grund für die Fehleinschätzung nicht bei sich, sondern bei Gabriel sieht. Denn Bild klärt auf: „Tatsächlich begleiten Gabriel seit jeher Vorwürfe, er sei politisch sprunghaft und persönlich nicht immer berechenbar. Dass er sich in der für die SPD so lebenswichtigen Frage der Kanzlerkandidatur auch kurzfristig noch einmal umentscheiden würde – vielleicht hätte auch Bild das ahnen können oder gar müssen.“

Tatsächlich hat aber nicht nur Bild allein auf Gabriel als Kanzlerkandidat gesetzt. Zumindest dass er sprunghaft war, zeigt auch die Berichterstattung des Spiegel. So hat das Nachrichtenmagazin – ebenfalls um den 9. Januar herum – aus einem Interview heraushören wollen, dass sich Gabriel für eine Kandidatur entschieden hat. Bereits zuvor schrieben auch Spiegel und Spiegel Online, dass sich Schulz selbst aus dem Rennen genommen habe.

Ohnehin wurde aufgrund des großen öffentlichen Interesses sowie der bereits bekanntgegebenen Merkel-Kandidatur für die CDU über den möglichen Spitzenkandidaten für die SPD spekuliert. Auch weil sich die Spitze der Sozialdemokraten wochenlang unentschlossen gab und Spekulationen selbst immer wieder anheizte, wie es beispielsweise die NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft tat. Im November hatte sie erklärt, den Namen des Kanzlerkandidaten zu kennen  – nur nennen wollte sie ihn nicht. Wie stern-Chefredakteur Christian Krug – der das Interview mit Gabriel geführt hatte – im Interview mit dem Nachrichtensender n-tv erklärte, habe Gabriel ihm gegenüber zu diesem Zeitpunkt das erste Mal Zweifel an einer Kandidatur geäußert. Über sechs Treffen hinweg habe Krug verfolgen können, wie die Entscheidung des Politikers reifte.

Dabei sprach Gabriel auch über seine Sicht auf die Medien und Spekulationen. „Der Berliner Medienbetrieb lässt sich sehr oft nur von der eigenen Fantasie treiben, nicht von der Realität“, so der scheidende SPD-Chef. In der Tat steht die spekulative Berichterstattung der vergangenen Wochen dem gesamten Hauptstadtjournalismus schlecht – aber nicht nur weil sie letztlich  zu Falschmeldungen führte, sondern auch weil sich die Medien damit grundsätzlich zum Opfer der politischen Kommunikation machen. Oft werden Spekulationen auch von Politiker-Seite angeheizt, um hinter den Kulissen in den eigenen Parteikreisen zu manipulieren oder eigene Interessen durchzusetzen. Das weiß auch Sigmar Gabriel.

Anzeige

Mehr zum Thema

Anzeige
Anzeige