„Vom Global Leader zur Import-Export-Agentur“: das deutsche Medienecho zu Donald Trumps USA-Agenda

Nutzt seine Macht zu einem radikalen Paradigmenwechsel der US-Weltpolitik: Donald Trump
Nutzt seine Macht zu einem radikalen Paradigmenwechsel der US-Weltpolitik: Donald Trump

Die Antrittsrede des 45. US-Präsidenten hat auch bei Medien-Profis große Unruhe ausgelöst. Die Reaktionen der Leitartikler vermitteln eine tiefe Besorgnis über die Folgen von Donald Trumps "America First"-Agenda für Europa und die Welt. Das Ende der "alten Bundesrepublik" und der Abschied vom "Weltpolizist USA" werden in Kommentaren beschworen. MEEDIA hat Reaktionen der Medien zusammengetragen.

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Gabor Steingart, Handelsblatt.com: „Donald Trump hat der Welt nicht jegliche Beziehung, aber die Freundschaft gekündigt. Sein Einzug im Weißen Haus beginnt mit einem kühl kalkulierten Rückzug aus der Rolle als Anführer des Westens. Das Weiße Haus ist im Verständnis seiner ‚America First‘-Politik nicht länger Global Leader und freundlicher Hegemon, sondern eine Export-Import-Agentur im Auftrag der amerikanischen Arbeiter. (…) Der bisher größte Förderer des Welthandels fällt aus, womöglich halftert auch der Weltpolizist USA ab. (…) Für das heutige Deutschland, das Amerika seine Auferstehung nach dem Zweiten Weltkrieg, sein Überleben im Kalten Krieg, seine Wiedervereinigung und große Teile seiner wirtschaftlichen Prosperität verdankt, bedeutet der neue Präsident eine Zäsur. Inmitten all der europäischen Stürme steht Deutschland nun einsam und auch ein bisschen fassungslos da. Der Vorgang schmerzt, vergleichbar nur mit dem plötzlichen Ableben beider Elternteile. Die Vollwaise muss nun ihre Lebenstauglichkeit allein unter Beweis stellen. Wenn ihr das nicht gelingt, kommt der Vormund.“

Jost Kaiser, Spiegel Online: „Bis Freitag konnte man in Deutschland noch den größten Unsinn fordern, weil im Hintergrund immer die Amerikaner über uns wachten. Das ist vorbei. US-Präsident Trump bedeutet das Ende der alten Bundesrepublik.“

Reinhard Müller, FAZ.net: „(Trumps) politischer Erfolg zeigt nun allen auf dem alten Kontinent: Es ist möglich. So geht das. In Deutschland fehlen jedoch bisher als Voraussetzung eines solchen Siegeszugs eine tief gespaltene Gesellschaft und eine skrupellose demagogische Führungsfigur. Es ist paradox: Der insgesamt recht große Wohlstand und die relativ geringe Ungleichheit, also die gesellschaftliche Stabilität, führt zum Ruf nach einem „Erwachen“ aus der angeblich gleichgeschalteten politischen Landschaft.“

Carsten Luther, Zeit Online: „Zumindest wird es nun etwas leichter, Inhalt und Getöse zu unterscheiden: Trump wird regieren, das bloße Prahlen hat ein Ende. Das kann auf viele Arten gut oder schlecht ausgehen. Es ist klüger, sich auf das Schlechte vorzubereiten. Und dabei sauber zu trennen: zwischen dem, was zwar rückschrittig, unvernünftig oder übertrieben erscheint, aber legitim im Rahmen einer demokratischen Ordnung vertreten und mit ihren Mitteln bekämpft werden kann –  und dem, was Rechte, Pflichten und Menschen verletzt, indem es diese Ordnung demontiert. Das ist der Punkt, an dem es falsch wird, sich mit dem Wandel zu arrangieren.“

Hubert Wetzel, Süddeutsche.de: „Trump ist nicht zufällig Präsident geworden. Clintons Niederlage mag knapp gewesen sein, aber sie war beileibe nicht nur ein Betriebsunfall. Die Demokraten verlieren seit Langem im ganzen Land dramatisch an politischer Macht – in den acht Jahren, in denen Obama Präsident war, haben sie mehr als1000 Mandate in den Parlamenten der Bundesstaaten und in Washington eingebüßt. Obama und Hillary Clinton – für die Partei war das ein desaströses Führungsduo. Trumps Einzug ins Weiße Haus war insofern nur der logische Abschluss einer langen Entwicklung. Solange die Demokraten diesen Niedergang nicht stoppen, können auf der National Mall beliebig viele Menschen mit rosa Strickmützen herummarschieren. Politisch wird sich erst etwas ändern, wenn die Demokraten wieder Wahlen gewinnen.“

Marcia Pally, taz-Gastbeitrag: „Wenn es ein Problem gibt, neigen wir zu dem Glauben, ‚we, the people‘, könnten es besser lösen als eine korrupte, inkompetente Regierung. Schon daher ist es unwahrscheinlich, dass Trumps Wählerbasis für die Demokraten und damit für eine größere Rolle des Staates stimmt. Sie glauben nicht daran. Nehmen US-Bürger etwa keine staatlichen Dienstleistungen in Anspruch? Sie vertrauen ihnen nicht, auch wenn sie sie nutzen – und sie hassen sich dafür, dass sie nicht selbst für sich sorgen können. Sie nehmen es auch dem Staat übel, dass er diese Dienstleistungen anbietet. Ende 2016 beantragten 6,4 Millionen eine Krankenversicherung, also Obamacare. Die meisten Anträge kamen aus Florida, North Carolina, Georgia und Pennsylvania. In allen siegte Trump.“

 

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