Nach Donald Trumps „Kriegserklärung“ an die Medien: 10 Regeln für einen Journalismus im Ausnahmezustand

Alles Trump, oder was? Die Medien ringen noch mit sich, wie sie dem neuen US-Präsidenten begegnen sollen
Alles Trump, oder was? Die Medien ringen noch mit sich, wie sie dem neuen US-Präsidenten begegnen sollen

Donald Trump ist Präsident der USA, und sein Verhältnis zu den Medien ist zerrütteter als je zuvor. Das Team Trump und die Medienvertreter bezichtigen sich gegenseitig der Lüge, gefolgt von wechselseitigen Kriegserklärungen. Dass dies wenig hilfreich ist, sollte klar sein. Aber wie sollten Journalisten mit dem Phänomen Trump umgehen? Zehn Punkte, die Medien beim Umgang mit Trump beachten sollten.

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 1. Nicht dem Herdentrieb folgen

Der so genannte Herdentrieb war und ist ein großes Problem im Journalismus. Hat sich einmal eine herrschende Meinung oder Sichtweise etabliert, rennen fast alle hinterher, leider oft ohne nachzudenken. In Deutschland gilt als Paradebeispiel für den Herdentrieb die mediale Jagd auf den Ex-Bundespräsidenten Christian Wulff oder auch die Berichterstattung im Vorfeld der Finanzkrise 2008. Es ist nicht zuletzt der Herdentrieb, der bei Teilen des Publikums den Eindruck einer gleichgeschalteten Mainstreampresse erzeugt. In der Ära Trump ist es wichtiger denn je, dass Medien und Journalisten sich stets aufs Neue prüfen, ob sie tatsächliche Erkenntnisse publizieren oder doch nur eine herrschende Meinung wiedergeben. Schon der US-Wahlkampf mit den vielen Fehleinschätzungen der Korrespondenten und Kommentatoren hat eindrücklich gezeigt, dass Medien an Wert verlieren, wenn sie im Mainstream schwimmen.

2. Meinungen und Nachrichten stärker trennen

Teile des Publikums empfinden eine Vermischung von Meinung- und Faktenberichterstattung als Bevormundung. Dem liegt ein Missverständnis zu Grunde. Viele Medien lassen Meinungen in Artikel einfließen, um Haltung zu zeigen. Und weil sie davon überzeugt sind, dass es reine Objektivität nicht gibt. Es ist mittlerweile aber an der Zeit zu prüfen, ob diese Einschätzung im Umgang mit Trump und seiner Politik noch Bestand haben darf. Wenn von „alternativen Fakten“ geredet wird, von „Fake News“, von der „Lügenpresse“ usw., dann gibt es offenbar eine große Verwirrung, was wahr ist und was nicht. Medien könnten einen Teil zur Aufklärung beitragen, indem Meinung und Fakten wieder stärker getrennt werden. Recherche und Investigation müssen in den Redaktionen gestärkt werden, die Qualität der Einordnung ebenfalls – und beides sollten die Leser klar auseianderhalten können. Dabei sollte transparent mit den Defiziten einer solchen Trennung umgegangen werden. Wer befangen ist, sollte sich nicht zu einem Thema äußern oder die eigene Befangenheit zumindest klar kenntlich machen. Und auch eigene Fehler sollten offen und transparent benannt werden. Eine Sache, mit der viele Medien immer noch große Probleme haben.

3. Zeit für Recherche zulassen

Gerade Online-Medien leiden unter dem Diktat des Tempos. Zu besichtigen war die Problematik vergangene Woche in Deutschland, als das Bundesverfassungsgericht seine Entscheidung zu einem NPD-Verbot verkündete. Zahlreiche renommierte Online-Redaktionen konnten nicht abwarten, bis der Gerichtspräsident ausgesprochen hatte und verschickten reihenweise falsche Eilmeldungen, nämlich dass das Gericht die NPD verbieten würde. Dabei ging es noch nicht einmal um Recherche, sondern nur darum, kurz zu warten, bis der Mann zu Ende gesprochen. Selbst daran scheiterten viele. In Trump-Zeiten sollten Medien ihre Berichterstattung lieber einmal mehr prüfen, bevor veröffentlicht wird. Ansonsten kann mit vorschnellen Falschmeldungen noch mehr Vertrauen zerstört werden.

4. Sinnvolle Kooperation statt blindwütiger Konkurrenz

BuzzFeed veröffentlichte als einziges Medium das umstrittene Trump-Dossier mit unbewiesenen Anschuldigungen gegen den US-Präsidenten, das von einem ehemaligen britischen Geheimdienstmitarbeiter zusammengestellt wurde. Das Online-Medium rechtfertigte die Veröffentlichung zwar mit nachvollziehbaren Argumenten – die enorme Konkurrenzsituation in der Medienbranche dürfte aber auch eine Rolle gespielt haben. Praktisch alle großen US-Medien hatten Zugriff auf das Dossier, und es war wohl nur eine Frage der Zeit, bis ein Medium vorpreschen würde, um sich mit der Enthüllung auf Kosten anderer zu profilieren. Hätten sich die Medien stattdessen nicht austauschen und vielleicht ein gemeinsames Vorgehen im Umgang mit dem Dossier besprechen können? Aktuell gibt es wenig Raum für rücksichtsloses Konkurrenzverhalten, bei der ein Medium dem anderen eine Enthüllung nicht gönnt.

5. Den Begriff „Fake News“ aus dem Wortschatz streichen

Der Begriff „Fake News“ ist längst zu einer hohlen Phrase geworden, zu einem Kampfbegriff, den jeder für seine eigenen Zwecke nach Belieben instrumentalisiert. „Fake News“ können alles sein: Lügen, unliebsame Meinungen, Übertreibungen, Zuspitzungen, Fakten, die einem nicht in den Kram passen. Die Debatte um „Fake News“ ist aus dem Ruder gelaufen und vergiftet das öffentliche Klima. Die Medien sollten den Begriff möglichst meiden, statt ihn weiter inflationär zu nutzen.

6. Nicht nur auf Trump schauen

Donald Trump ist das Zentrum, das alle Aufmerksamkeit und journalistischen Ressourcen auf sich zieht. Es gibt aber auch eine Welt jenseits des Trump-Universums. Das Gefühl von einer korrupten Machtelite regiert zu werden, das Trump maßgeblich zum Präsidenten gemacht hat, kam nicht aus dem Nichts. Weitere Enthüllungen und Recherchen zu den Clinton-Emails wären auch jetzt noch hilfreich. Sei es,um tatsächliche Verfehlungen aufzudecken oder Vorwürfe, die im Wahlkampf gemacht wurden zu entkräften. Das kritische Aufarbeiten des alten Polit-Klüngels von Washington darf nicht stoppen, weil Trump jetzt da ist. Und ein gigantischer Recherche- und Erklär-Job wartet dort auf die Medien, wo die Politik des neuen US-Präsidenten ansetzt – zum Beispiel bei der Energiegewinnung auf Kosten der Umwelt, bei den Sozialgesetzen und bei der Rüstungspolitik.

7. Sich Trumps Methoden nicht zu eigen machen

Medien und Journalisten neigen leider zur Hysterie. Das liegt teilweise an der scharfen Konkurrenzsituation (s.o.) aber wohl auch am manchmal egozentrischen Selbstverständnis von Medienmachern, das dem eines Donald Trump hier und da gar nicht unähnlich sein mag. Zu oft und zu heftig lassen sich Journalisten jedenfalls vom rüden, demagogischen Ton und den Methoden Trumps anstecken. Zu sehen war das u.a. bei seiner Pressekonferenz im Trump-Tower. Trump benahm sich daneben, würgte einen CNN-Reporter ab, beleidigte BuzzFeed, wich Fragen aus. Und die Journalisten: Sie schrien wild durcheinander, zeigten sich unsolidarisch, jeder war für sein Medium auf den einen Knaller-O-Ton aus. Auch in dem Interview, das Chuck Todd für „Meet the Press“ mit Trumps Beraterin Kellyanne Conway führte, verlor der Journalist die Fassung und wurde unangenehm laut. Das ist vielleicht verständlich angesichts der Ungeheuerlichkeit, dass Conway nachweisbar falsche Informationen als „alternative Fakten“ bezeichnete, aber nicht hilfreich. Beim Publikum kommt in erster Linie an, dass ein Journalist und eine Trump-Beraterin sich anschreien. Was Fakt ist und was Lüge dringt kaum noch durch.

8. Vorbildfunktion annehmen

Wer schreit, hat nämlich meistens nicht recht. Zumindest wirkt es so. Wenn sich Journalisten und Politiker, bzw. deren Mitarbeiter anschreien oder gegenseitig beleidigen, dann ist es für das Publikum kaum möglich herauszufinden, wer recht hat und wer nicht. Journalisten sollten nicht nur in ihren Kommentaren Haltung zeigen, sondern auch bei Umgangsformen Haltung wahren. Angriffe unter die Gürtellinie sind nicht automatisch erlaubt, nur weil Trump ist, wie er ist. Medien sollten dem Impuls widerstehen, Trump vorführen oder mit Tricks in ein schlechtes Licht rücken zu wollen. Das ist genau die Art von Bevormundung, die zu den aktuellen Glaubwürdigkeitsproblemen geführt hat. Medien sollten mit Trump und seiner Regierung hart in der Sache sein, aber im Umgang dezidiert fair und höflich bleiben. Eine kaum verklausulierte Kriegserklärung, wie sie von der Columbia Journalism Review im Namen der gesamten US-Presse abgegeben wurde, ist da wenig hilfreich und verhärtet unnötig die Fronten. Es ist ein Irrtum, wenn Journalisten glauben, sie seien Teil einer Widerstandsbewegung oder müssten sich einer solchen anschließen. Auch hier gilt der eherne Satz von Hanns Joachim Friedrichs, dass Medienmacher sich mit keiner Sache gemein machen sollten.

9. Offen sein für Positives

Die erste Aufgabe der Medien ist es natürlich, Skandale und Verfehlungen aufzuspüren, zu recherchieren und öffentlich zu machen. Daher kommt manchmal ein gewisser Hang der Medien zur Miesepetrigkeit. Gegenüber Donald Trump haben Medien allen Grund, misstrauisch zu sein. Trotzdem muss man aufpassen, dass aus Skepsis nicht Vorurteile werden. Sollte Trump und seiner Regierung etwas gelingen, muss dies genauso akkurat berichtet werden wie ein Skandal.

10. Sich nicht in Kleinigkeiten verzetteln

Auch Kleinigkeiten zählen und öffnen manchmal den Blick für das große Ganze. Wenn Trumps Sprecher Lügen darüber verbreitet, wie viele Menschen die Amtseinführung Trumps gesehen haben, ist das selbstverständlich eine Nachricht und muss zurechtgerückt werden. Allerdings haben sich die US-Medien mit einer Wollust und Akribie in die Aufarbeitung von Details der Amtseinführung gestürzt, die ans Manische grenzt. Die New York Times setzte einen Experten darauf an, möglichst exakt zu berechnen, wie viele Personen bei der ersten Obama-Amtseinführung im Vergleich zur Trump-Einführung zugegen waren, inklusive detaillierter Info-Grafiken des Geländes vor dem Kapitol in Washington. Die Zeitung ließ auch recherchieren, wann es während Trumps Ansprache angefangen hatte zu regnen und wie lange. Trump hatte nämlich behauptet, während seiner Rede habe der Regen aufgehört. Die Times widerlegt: Es habe während der gesamten Trump-Rede und auch noch danach leicht geregnet hat. Sich darüber über solche Kleinigkeiten zu streiten, führt zu nichts und erzeugt eher den Eindruck, dass es den Medien hier weniger um die Sache geht als um Emotionen.

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