Shitstorm gegen Chefredakteur Ulf Poschardt: Welt entfernt das Wort „schwul“ aus Trump-Kommentar

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Ulf Poschardt forderte in einem Kommentar, dem designierten US-Präsidenten Donald Trump mit liberaler Stärke entgegenzutreten. Die Gesellschaft müsse deshalb "mutiger", innovativer" und "schwuler" werden. In einer aktualisierten Version schlägt der Welt-Chefredakteur andere Töne an: Von "schwuler" war dort keine Rede mehr. Das Attribut wurde nachtäglich gegen das Wort "kreativer" ausgetauscht.

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„Soll er doch. Er kann uns mal“, betitelte der Welt-Chef sein Meinungsstück. Auf die Aussagen und protektionistischen Drohungen des US-Amerikaners, die er im Interview mit Bild-Herausgeber Kai Diekmann äußerte, sollten die Deutschen damit reagieren, „konsequent“ ihre Interessen zu verfolgen.

Poschardt wörtlich:

Unser Ehrgeiz sollte geweckt sein. Die Verteilung globalen Wohlstands wird von den USA künftig aggressiv zu ihren Gunsten entschieden werden – wenn wir uns nicht wehren und besser, mutiger, fleißiger, innovativer, freier, offener, schwuler, multikultureller werden. It‘s the economy, stupids.

Dem Welt-Chefredakteur zufolge müsse dem künftigen US-Präsidenten also mit einer liberalen Geisteshaltung begegnet werden. Immerhin gehe es eben auch um die Verteidigung einer „liberalen, offenen Gesellschaft“.

Poschardts Beitrag stieß auf große Leser-Resonanz: Mehr als 363 Kommentare sammelten sich auf der Artikel-Seite der Welt, unter dem Posting bei Facebook waren es bis Dienstagnachmittag sogar über 1.000. Freilich teilten nicht alle Leser seine Meinung. Besonders die Forderung nach einer „schwuleren“ Gesellschaft sorgte für Diskussionen – wie auch der Fakt, dass das Attribut im Nachhinein herausredigiert wurde.

Mittlerweile heißt es im Welt-Kommentar:

… wenn wir uns nicht wehren und besser, mutiger, fleißiger, innovativer, freier, offener, kreativer, multikultureller werden. It‘s the economy, stupids.

Statt einer „schwuleren“ fordert Poschardt nun eine „kreativere“ Gesellschaft. Für das LGBTI-Portal Queer.de ist der Grund für die Änderung eindeutig: So habe es einen Shitstorm gegeben, in dem Schwule als „Abfallprodukte der Natur“ oder „Nougatstecher“ bezeichnet worden seien. Auch sei Poschardt persönlich beleidigt worden.

Ein homophober „Shitstorm“ ist nachträglich weder unter dem Welt-Artikel noch unter dem Facebook-Posting zu identifizieren, was auch daran liegen kann, dass das Social-Media-Team der Welt das wohl akribischste in Deutschland ist. Wohl aber wird darüber diskutiert, was und wie eine „schwulere“ (wie auch eine „multikulturellere) Gesellschaft gegen Trump bewirken könne. Von den über 1.000 Kommentaren lässt sich das Stichwort „schwul“ in lediglich 140 finden (Stand, Dienstag 14.15 Uhr). In einem Großteil davon wird sich bereits über den Austausch des Adjektives geärgert. Wesentlich härtere Töne lassen sich bei Twitter finden, wo sich Poschardt bereits am Dienstag äußerte

Gegenüber MEEDIA erklärt Poschardt zum Vorfall: „In meinem Kommentar zum Interview mit Donald Trump  habe ich dazu aufgerufen, dass wir aus der Haltung des Kaninchens, das ängstlich auf die Schlange starrt, ausbrechen und uns darauf vorbereiten, dass der US-Präsident uns zur Emanzipation von Amerika zwingt, ökonomisch und verteidigungspolitisch. Wir sollten stärker werden und dabei auf unseren Werten bestehen, als eine liberale, offene Gesellschaft. Das ’schwuler“‘ war im Sinne der Thesen von Richard Florida ‚The Rise of the Creative Class‘ gemeint. Als dieses eine Detail vital wurde und den Rest des Kommentars zuzudecken drohte, habe ich es geändert.“

Wie auch immer: Dass Poschardt dem Shitstorm offenbar nicht standgehalten hat, sorgt erneut für Kritik.

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