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Bild.de vs. Focus Online: Springers Überraschungs-Angriff mit langer Vorgeschichte

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Dieser Angriff traf Burda unerwartet und mit voller PR-Power. Seit Jahren ärgert man sich bei Axel Springer über die Praxis von Focus Online, regelmäßig BildPlus-Inhalte ausufernd zu "zitieren", um so die eigene Reichweite zu steigern. Urheberrechtlich sahen die Berliner aber keine Chance, dies zu unterbinden. Also änderten die Springer-Juristen ihre Strategie und klagen nun nach Datenbank-Recht.

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Der Streit um „abgekupferte“ Artikel, die hinter der Bezahl-Schranke von Bild.de liegen, aber immer wieder sehr schnell von Focus Online umgeschrieben und unter korrekter Quellennennung kostenlos veröffentlicht werden, schwelt seit Jahren. Bereits im Frühjahr 2014 ärgerte sich sowohl der damalige Bild-Chefredakteur Kai Diekmann als auch der Online-Chefredakteur Julian Reichelt über das Vorgehen des Focus Online-Chefredakteurs und ehemaligen Bild-Kollegens Daniel Steil via Twitter.

Bereits damals gab es bei Springer Überlegungen, mit rechtlichen Schritten gegen Focus Online vorzugehen. Intern hieß es bei Springer damals jedoch, dass die Münchner wohl genau wissen würden, dass man sich an der Grenze der Legalität bewege und entsprechend arbeite. Will heißen: Die Quelle wird bei Focus Online stets genannt und es wird darauf geachtet, dass die Texte nicht wortgleich übernommen werden. „Als Jurist ist Kollege Steil sehr geschickt darin, so zu klauen, dass er es gerade noch so als Zitieren tarnen kann. Er hat mich auch aufgefordert, nicht weiter von ‚klauen‘ zu sprechen. Aber natürlich macht er genau das und nichts anderes“, ärgerte sich einige Wochen später Julian Reichelt im Interview.

Die Position des gescholtenen Burda-Chefredakteurs dürfte den Bild-Machern nicht wirklich gefallen haben. Im Interview mit MEEDIA legte er dar, dass er den Wert einer exklusiven Nachricht nicht mehr für wichtig halte. „In der digitalen Welt ist die Exklusivität nach genau einer Sekunde weg. Und dem Nutzer ist es total egal, wo er eine Nachricht liest.“ Tatsächlich beobachteten die Springer-Macher nach ihrer lauten und wütenden Kritik eine Verbesserung der Lage. Focus Online hielt sich bei der Übernahme von Bild-Stücken merklich zurück.

Diese selbstauferlegte Aggregier-Askese hielt jedoch nicht allzu lange vor. Seit längerem schon beobachtete man bei Springer mit Sorge, dass sich die alte Praxis der schnellen Übernahme von BildPlus-Inhalten wieder bahnbrechen würde. Also beschlossen die Berliner eine Änderung der Strategie. Kein lautes Wehgeschrei mehr bei Einzelfällen, sondern ein langfristiges Vorgehen.

Über Monate dokumentierte ein Team bei Bild.de alle Plus-Inhalte, die von Focus Online übernommen wurden. Dabei zeigte sich zweierlei:

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1. Focus Online geht urheberrechtlich offenbar völlig korrekt vor. Die Bild-Stories werden umformuliert, es wird korrekt die Quelle genannt und verlinkt.
2. Es handelt sich um so viele Fälle, dass man – zumindest nach Einschätzung der Springer-Juristen – von einem systematischen Vorgehen sprechen kann und man deshalb mit einem anderen Gesetzesverstoß argumentieren könne.

In seiner Klage beruft sich die Bild deshalb auf eine Verletzung des Datenbankrechts. Dieses wird in Paragraph 87 a des Urheberrechts geregelt. Darin heißt es:

(1) Datenbank im Sinne dieses Gesetzes ist eine Sammlung von Werken, Daten oder anderen unabhängigen Elementen, die systematisch oder methodisch angeordnet und einzeln mit Hilfe elektronischer Mittel oder auf andere Weise zugänglich sind und deren Beschaffung, Überprüfung oder Darstellung eine nach Art oder Umfang wesentliche Investition erfordert. Eine in ihrem Inhalt nach Art oder Umfang wesentlich geänderte Datenbank gilt als neue Datenbank, sofern die Änderung eine nach Art oder Umfang wesentliche Investition erfordert.
(2) Datenbankhersteller im Sinne dieses Gesetzes ist derjenige, der die Investition im Sinne des Absatzes 1 vorgenommen hat.

Ihre Webseite und die BildPlus-Inhalte sind nach Meinung von Springer eine Datenbank. Indem Focus Online nun „systematisch“ vorgehe, würde nun das Geschäftsmodell und die Amortisierung der Investitionen von Springer gezielt behindert werden.

Die Klage der Bild verlangt nun erst einmal eine Unterlassung, Auskunft und eine Schadensersatzfeststellung.

Wie Focus Online bzw. der Burda-Konzern darauf reagiert, ist noch völlig unklar. Auf eine entsprechende MEEDIA-Anfrage hieß es, dass man sich erst äußern könne, wenn die Klage überhaupt in München eingetroffen wäre. Tatsächlich hat das Vorgehen der Bild den Konkurrenten augenscheinlich unerwartet erwischt. Dabei setzten die PR-Profis von Springer auf möglichst viel Aufmerksamkeit.

So kommunizierten sie die Klage am letzten Tag der diesjährigen DLD-Konferenz. So dürfte der Fall das Tuschelthema Nummer eins auf dem Burda-Event sein. Zeitgleich treffen sich in Frankfurt viele Branchen-Insider zum Medienkongress von Horizont. Einer der prominenten Branchen-Gäste ist Julian Reichelt. Dort dürfte der Bild-Digital-Boss gerne und ausgiebig Auskunft über sein Vorgehen geben.

Pikant: Am gestrigen Montag saß Springer-Boss Mathias Döpfner noch entspannt auf einem DLD-Podium und sprach mit Burda-CEO Paul-Bernhard Kallen über Facebook und Fake-News. Er wusste von der Klage, sein Gegenüber nicht. Focus Online berichtete noch detailliert von diesem Panel.

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