2020-Report: Schneller, digitaler, visueller – wie die New York Times an ihrer Zukunft feilt

Das Hauptquartier der New York Times in Manhattan
Das Hauptquartier der New York Times in Manhattan

Faszinierender Blick in die Zukunft des Journalismus: Die New York Times hat ihren mit Spannung erwarteten Ausblick über die nötigen Veränderungen bei der vielleicht besten Zeitung der Welt veröffentlicht. Der Report, der den Titel "Journalism that stands apart" trägt, wirft ein Licht auf die kommenden Anstrengungen, die die "Gray Lady" bis Ende des Jahrzehnts anstrebt: digitaleren Journalismus, kreativere Mobil-Formate, eine größere Zusammenarbeit mit Freelancern – und Kündigungen.

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Es liegen keine einfachen Monate hinter der New York Times: Durch die überraschende Präsidentschaft von Donald Trump dürfte die linksliberale Zeitung zumindest in ihrem Zugang zum Weißen Haus Probleme bekommen – so zerrüttet scheint das Verhältnis, obwohl Trump die NYT jüngst öffentlichkeitswirksam als „großes amerikanisches Juwel“ adelte.

Die Abonnentenzahlen sind davon indes nicht betroffen. Im Gegenteil: Nach der Wahl von Donald Trump zum Präsidenten verbuchte die „Gray Lady“ einen Rekordzuwachs an zahlenden neuen Lesern – und (wie der Gesamtmarkt) wieder deutlich anziehende Notierungen an der Wall Street.

Digital-Dilemma: Zuwächse aus dem Online-Geschäft können Print-Minus nicht ausgleichen

Und doch steht die in der Branche oft als „beste Zeitung der Welt“ bezeichnete New York Times vor dem gleichen Problem wie fast alle anderen Publikationen im digitalen Zeitalter: Die Zuwächse aus dem Online-Geschäft können den Einbruch an Zeitungsverkäufen und vor allem wegfallenden Werbekunden nicht annähernd ausgleichen.

Entsprechend beschäftigt sich bei der US-Zeitungsikone eine interne Arbeitsgruppe sehr genau mit den Zukunftsanforderungen und vermittelt einmal im Jahr die Ergebnisse in einem ausführlichen Report der Öffentlichkeit.

„Journalismus, der herausragt“ („Journalism that stands apart„) lautetet der wenig bescheidene Titel der internen Untersuchung, die aufzeigen soll, welche Maßnahmen die New York Times ergreifen muss, um sich fit für die Zukunft zu machen.

Budget-Kürzungen: „Die Veränderungen führen zu weniger Redakteuren bei der Times“

Die offenkundigsten Veränderungen sind die schmerzhaftesten: Es wird zu weiteren Kündigungen im Newsroom kommen, schreibt Chefredakteur Dean Baquet und sein Stellvertreter Joe Kahn in einem Memo an die Belegschaft. „Es wird zu Budget-Kürzungen kommen, die wir in den nächsten Wochen und Monaten im Detail erläutern“.

„Wir können nicht so tun, als wären wir gegen den finanziellen Druck immun und sehen diesen Moment daher als notwendige Repositionierung des Newsrooms, nicht als Verkleinerung“, schrieben Paquet und Kahn. Einen Absatz später wurden die Chefredakteure dann doch deutlicher: „Wir sollten nicht drum herumreden: Die Veränderungen führen zu weniger Redakteuren bei der Times“.

„Es sind einfach zu viele Leute involviert“

„Wir machen uns etwas vor, wenn wir uns nicht eingestehen, dass wir in zu vielen Stufen und mit zuvielen Händen an Geschichten arbeiten und dass einfach zu viele Leute involviert sind“, kritisiert die Chefredaktion die aktuellen Arbeitsabläufe  bei der Times.

Gleichzeitig kündigte der Report ein Maßnahmenprogramm an, wie die New York Times ihre Ressourcen effektiver nutzen will. „Wir müssen weg vom  duplikativen und weniger wertigen Journalismus, der unsere Arbeitsprozesse verlangsamt, uns zu viel kostet und unsere Experimente im Storytelling untergräbt.

Mobile First: „Unsere Berichterstatung muss visueller werden“

Stattdessen will Baquet mehr auf originären Content setzen – und auf digitalere Darreichungsformen setzen. „Unsere Berichterstattung muss visueller werden“, ist sich die Arbeitsgruppe im Zeitalter der Mobilnutzung  2020 sicher. Auch auf native digitale Darstellungsformen will die NYT verstärkt setzen. Inhaltlich will die New York Times verstärkt auf Service-Stücke (How to) setzen, die von der jüngeren Leserschaft gut angenommen werde.

Um den wirtschaftlichen Anforderungen des Paradigmenwechsel im digitalen Zeitalter zu begegnen, setzt die NYT weiter verstärkt auf das Abonnenten-Erlösmodell. „Um unsere Zukunft zu sichern, müssen wir die Zahl unserer Abonnenten bis 2020 substanziell erhöhen“, schreibt die Arbeitsgruppe. Bis 2020 will die New York Times Digitalerlöse von 800 Millionen Dollar  erzielen (im Geschäftsjahr 2016 waren es knapp 500 Millionen Dollar) – den Löwenanteil davon durch zahlende Abonnenten.

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