Zensur-Vorwürfe: Worum es beim Streit zwischen WDR und Serdar Somuncu genau geht

Zensur-Vorwürfe gegen den WDR: Serdar Somuncu spinnt die Debatte über Kunst- und Satirefreiheit weiter
Zensur-Vorwürfe gegen den WDR: Serdar Somuncu spinnt die Debatte über Kunst- und Satirefreiheit weiter

Der Streit zwischen einer WDR-Mitarbeiterin und Serdar Somuncu wegen angeblicher Beleidigung hat eine Diskussion über die Grenzen der Kunstfreiheit und Zensur ausgelöst. Nach Somuncus Darstellung hat der Sender große Teile einer Satire gestrichen. Dieser Fall ist bislang schwer nachvollziehbar. Aber der öffentlich-rechtliche Sender sieht sich nicht zum ersten Mal mit Zensur-Vorwürfen konfrontiert.

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Serdar Somuncu hat Ärger wegen mutmaßlicher beleidigender Äußerungen über eine WDR-Redakteurin, die sich als „Arschloch“ einer „Keimzelle des Faschismus“ von dem Künstler verunglimpft fühlt. Mit einer Stellungnahme vom Dienstag bestätigte der Sender eine Aufforderung zur Unterlassung gegen den Kabarettisten, der bereits mehrfach für diesen und weitere Sender vor der Kamera stand. Mit dem öffentlich gewordenen Streit ist erneut eine Diskussion entfacht, die im vergangenen Jahr in der Causa Böhmermann eine höchst politische Dimension angenommen hatte – der Disput über die Grenzen der Meinungs-, Kunst- und Satirefreiheit.

Denn der Grund, weshalb es im Rahmen einer Gesprächsrunde der Körber Stiftung im November 2015 überhaupt zum emotionalen Ausbruch Somuncus kam, ist, dass sich der Kabarettist in seiner Arbeit zensiert fühlt. Wer Somuncus Auftritt beim Körber Forum verfolgt und seine Bücher in die Hände nimmt, erfährt mehr darüber, was der 48-Jährige unter Zensur versteht. So ist der Grund für den Groll auf den Westdeutschen Rundfunk und die zuständige Showredakteurin (wohl nur eine unter mehreren) ein Sketch für die Sendung „Pussy Terror TV“ mit Karolin Kebekus aus dem Mai 2015.

In der zur Diskussion stehenden WDR-Produktion trat Somuncu in der Rolle des „Grobian“ – eine Parodie des WDR-Nachttalkers „Domian“ – auf und erklärte als „Hassias“ und „Führer“ die Übernahme des Fernsehens. Der Auftritt ist als eine Art Generalabrechnung mit dem Fernseh-Genre zu verstehen. So handelt die Kunstfigur im „Namen aller frustrierten Gebührenzahler“ und erklärt: „Das Fernsehen in seiner jetzigen Form ist dem Untergang geweiht. Schlimmstes Bänkerentertainment und reine AfD-Comedy wird bejubelt und gefeiert und hohle Zoten werden als Erfolgsquoten moniert.“ Schlimmer sei es, dass am Ende der Zuschauer dieses „unter Vortäuschung einer anspruchsvollen Bespaßung“ zu zahlen habe. So steht es zumindest in Somuncus Buch „Der Adolf in mir“, in dem er das Original-Skrip zu seinem Beitrag veröffentlicht haben will. Doch Äußerungen wie diese und viele weitere (s. rote Markierungen in Text unten), beispielsweise die Bezeichnung des WDR-Intendanten Tom Buhrow als „Pussy des Jahrhunderts“,  soll der WDR „zensiert“ haben. Nach Darstellung Somuncus sei nur ein Viertel seines Beitrages tatsächlich ausgestrahlt worden.

Rote Markierungen: angeblich zensierte Zeilen, gelbe Markierungen: Ungenauigkeiten. Der im WDR erschienene Beitrag ist hier als Video abrufbar

Die Streichungen gingen eindeutig zu weit, wie der Künstler findet. Gegenüber Spiegel Online erklärt Somuncu: „Ich bin lange genug im Geschäft, um zu wissen, dass nicht jeder meiner Stand-Ups in voller Länge gesendet werden kann. Betrifft der Eingriff des Redakteurs wie in diesem Fall aber nahezu drei Viertel der Inhalte meiner Aussage, so sehe ich darin eine gravierende Verfälschung originärer Inhalte aus Gründen, die weder dramaturgisch noch technisch zu rechtfertigen sind.“ Auch die Behauptung des WDR, dass ein anderes Manuskript eingereicht wurde, sei „bewusst falsch“. Somuncu weiter: „Warum wurde dann überhaupt ein verkürzter Ausschnitt gesendet, wenn es nicht abgesprochen war und womit waren die Kürzungen begründet? Hierbei handelt es sich aus meiner Sicht eindeutig um eine unzulässige Manipulation meiner künstlerischen Aussage zugunsten des Senders. Das nenne ich Zensur.“

Der WDR will davon nichts wissen und behauptet, dass der Beitrag ihm gegenüber in dieser Fassung nie angekündigt worden ist. Eine Sprecherin zu SpOn: „Der Redaktion wurde ein Skript für eine Domian-Parodie zur Abnahme vorgelegt. Dieses Skript unterschied sich sowohl inhaltlich, sprachlich als auch dramaturgisch völlig von dem in der betreffenden Buchpassage abgedruckten Text. Dieser Text wurde dem WDR nicht vorgelegt.“ Tatsächlich unterscheidet sich das oben gezeigte Manuskript auch in den übernommenen Zeilen – allerdings unwesentlich (s. gelbe Markierungen + Kommentierungen). Somuncu will nun, dass der WDR das angeblich vorgelegte Manuskript offen legt, um die Versionen miteinander vergleichen zu können. Tatsächlich würde dies Licht ins Dunkle bringen. Doch der WDR will der Transparenz-Forderung bislang nicht nachkommen.

Den Vorwurf der Zensur will der WDR nicht gelten lassen. Zensur finde nicht statt, so die Sprecherin weiter gegenüber Spiegel Online. „Jede Sendung wird auf Grundlage unserer Programmgrundsätze redaktionell abgenommen. (…) Kürzungen oder Änderungen von satirischen Beiträgen können verschiedene Gründe haben: Begriffe oder Darstellungen sind nicht mit Programmgrundsätzen vereinbar, verletzen Persönlichkeitsrechte oder die Menschenwürde.“

Dass Statement der Sprecherin entspricht so offensichtlich nicht ganz der Wahrheit. Befürchtet der WDR eine Grenzüberschreitung, wird nicht nur gekürzt oder geändert, sondern auch völlig gestrichen, wie ein Fall aus dem Jahr 2013 zeigt. Auch damals ging es um Kebekus‘ „Pussy Terror TV“. Die Comedian verkleidete sich damals als Nonne und rappte über die katholische Kirche. Der Sender strich den Sketch in der Endabnahme aus Befürchtungen, religiöse Zuschauer könnten sich verletzt fühlen. Künstlerin Kebekus bezeichnete die Episode anschließend als „völlig verstümmelt“. Für die Entscheidung wurde der Sender massiv kritisiert.

Trotz solcher Zensur-Vorwürfe blieben Kebekus wie auch Somuncu diesem und weiteren Sendern – denen Somuncu ähnliche Vorwürfe macht – erhalten. Kebekus‘ „Pussy Terror TV“ bekam weitere Staffeln, und auch Somuncu, der ist noch im WDR-Fernsehen sowie im Ersten zu sehen – auch als politischer Talk-Gast bei „hart aber fair“. Die Antwort auf das „Warum“ gibt Somuncu in seinem Buch selbst: „Die Anerkennung durch die Öffentlichkeit macht die Künstler abhängig von den Produzenten und sie werden immer gieriger danach, stattzufinden, bis sie ihrem eigenen Geltungsdrang eines Tages so ausgeliefert sind, dass sie nicht leben können, ohne im Mittelpunkt zu stehen, und daran scheitern.“

Diesen Sätzen folgend könnte man auch annehmen, Somuncu sei ein gekränkter, vielleicht in der Sinneskrise steckender Comedian, der sich in seiner Kunst nicht verstanden fühlt – zumal er seine Zensurvorwürfe dem allgemeinen Zuschauer fast willkürlich vorkommend erhebt. Erst vergangene Woche bezichtigte er das Schweizer Fernsehen der Zensur, weil es seinen Auftritt auf einem Comedy-Festival aufzeichnete, ihn aber nicht ausstrahlte. Grund soll sein, dass Somuncu Schweizer als „aufrichtige Nazis“ bezeichnet hatte, glaubt er. Bewiesen ist die Annahme nicht. Der Sender bestreitet den Vorwurf, man habe auch andere Künstler nicht gezeigt. Somuncu sollte die Entscheidung lieber gewesen sein als eine teilweise Zensur. Denn im Fall des Grobian-Auftritts beim WDR hätte er lieber komplett auf die Mitwirkung verzichtet, anstatt ein zum Großteil „zensiertes“ Stück auszustrahlen. Doch die Senderredakteurin habe sich dem widersetzt, schreibt der Tagesspiegel.

Ob das Verhalten der WDR-Mitarbeiterin eine redaktionell verantwortungsbewusste Entscheidung war, Zensur der Meinungs- und Kunstfreiheit, ist nach wie vor nicht beantwortet. Nach Streitigkeiten über andere Formate wie die „ZDF Anstalt“ oder die Causa Böhmermann, facht der Vorfall um Somuncu aber die Debatte über Grenzen weiter an.

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