Streit um Silvester-Berichterstattung in Dortmund: Breitbart kritisiert deutsche Medien für „Fake Fake-News“

Breitbart-Abrechnung mit deutschen Medien, Londoner Redaktionsleiter Raheem Kassam: „verlogene Attacke“
Breitbart-Abrechnung mit deutschen Medien, Londoner Redaktionsleiter Raheem Kassam: "verlogene Attacke"

Wenn Breitbart.com wirklich in Deutschland starten sollte, könnte es für die einheimischen Medienmarken ungemütlich werden. Die US-Amerikaner verdrehen Fakten so geschickt, dass es viel Arbeit machen wird, ihre Fake-News zu entlarven. Das zeigt der Debatte um die Silvester-Berichterstattung aus Dortmund. In der Causa legt die US-Plattform jetzt nach und kritisiert die deutschen Medien und Politiker scharf.

Anzeige

In einem langen Text argumentiert der Chefredakteur von Breitbarts Europabüro in London, Raheem Kassam, dass man bei der Berichterstattung über die Silvesternacht in Dortmund nicht falsch gelegen habe. Das für seine populistische Berichterstattung im US-Wahlkampf berüchtigte News-Portal hatte über einen „1000-Mann-Mob“ berichtet, der in der westfälischen Stadt gewütet habe. Dies deckte sich aber überhaupt nicht mit dem Lagebericht der Polizei oder dem Eindruck eines einheimischen Reporters, der – im Gegensatz zu Breitbart.com – vor Ort war und die Darstellung des US-Mediums zurückgewiesen hatte. Nun legt Breitbart mit einem Rundumschlag gegen deutsche Medien und Politiker nach. So sei es unstrittig, dass eine Gruppe von rund 1.000 Menschen auf dem Leeds-Platz in der Innenstadt gefeiert habe, dass eine Gruppe lauthals und wild die Feuerpause in Syrien mit aggressiven „Allahu Akbar“-Rufen zelebrierte habe und auch, dass es an der Reinoldikirche-Kirche zu einem Brand gekommen sei. Breitbart wertet die Darstellung deutscher Medien als „verlogene Attacke“ sowie als „Fake Fake-News“.

Bis auf eine kleine Korrektur, dass man sich im Alter des Gotteshauses geirrt hätte („The only correction Breitbart London is happy to make is the age of the church“), sieht sich Kassam deshalb im Recht. Statt sich mit den Fakten zu beschäftigen, würde die „deutsche Presse, zusammen mit dem Polit-Establishment und linken Nachrichtenagenturen“ (gemeint ist wohl die AFP) lieber über die Berichterstattung von Breitbart „schimpfen“ und den Begriff „Fake-News“ verwenden. Dabei gebe es Belege für die Darstellung des realen Sachverhalts durch Breitbart.com. So verweist der Chefredakteur beispielsweise auf Web-Videos, in denen wilde Szenen aus der Innenstadt der Ruhr-Metropole zu sehen sind. Das Material ist echt. Alle diese Fakten sind unstrittig. Allerdings steckt der Teufel im Detail. Denn es geht nicht nur um die reinen Fakten, sondern auch um den Zusammenhang und die jeweilige Bewertung.

So wurde in Dortmund der Jahreswechsel wild gefeiert. Das ist jedoch seit Jahrzehnten so, und im Vergleich zum Vorjahr war es weit ruhiger – so jedenfalls heißt es in der offiziellen Polizeimitteilung: „Nach Einschätzung des eingesetzten Polizeieinsatzleiters war dies für eine Silvesternacht in Dortmund ein eher durchschnittlicher bis ruhiger Verlauf.“ Zudem halten die Ordnungshüter fest: „Herausragende oder spektakuläre Silvestersachverhalte wurden bis zum heutigen Tage nicht gemeldet.“ Dementsprechend fällt die Abschluss-Bilanz der Ordnungshüter aus: „Während die Polizei an Silvester im Vorjahr 2015/16 im Stadtgebiet von Dortmund zu 421 Einsätzen gerufen wurde, waren zum Jahreswechsel 2016/17 insgesamt 185 Einsätze von der Polizei zu bewältigen.“

Eine Zusammenfassung, die auch der verantwortliche Reporter der Ruhrnachrichten, Peter Bandermann, der in der besagten Nacht direkt vom Ort des Geschehens aus berichtete, gegenüber MEEDIA bestätigte. Ein weiteres Beispiel für die Schieflage der Breitbart-Version ist der Brand der Reinoldikirche. Breitbart hat korrekt berichtet, dass es zu einem Feuer an dem Gotteshaus kam. Unterschlagen wird allerdings, dass es sich dabei nur um eine Böller-Rakete handelte, die den Bauzaun, der zur Zeit den Kirchturm umschließt, in Brand setzte.

Alle Details dazu liefern die Ruhrnachrichten:

Wie berichtet, dauerte der Feuerwehreinsatz von der Ankunft bis zur Abfahrt zwölf Minuten, nachdem sich eine Silvesterrakete in zwei Fangnetzen am Baugerüst der Reinoldikirche verfangen hatte. Sachschaden: 200 Euro.

Fazit der Redaktion: „Das wurde zu einem Brandschlag aufgebauscht. Recherche-Anrufe der Fake-News-Produzenten erhielt auch die Dortmunder Feuerwehr nicht.“

Überhaupt beklagen sich die Journalisten der Lokalzeitung, dass bei Ihnen niemand aus London nachgefragt habe. Auch, wenn Kassam genau das in seinem Text suggeriert. So schreibt Kassam, dass die Bitten auf Unterstützung „abgelehnt“ worden sein. Direkte Antwort der Ruhrnachrichten: „Unser Redakteur erhielt in den Tagen nach den Berichten über die Silvesternacht in Dortmund zahlreiche Anfragen von Journalisten. Jedoch nicht aus der Breitbart-Redaktion.“

In einem Kommentar, den Reporter Bandermann in der heutigen Ausgabe der RN veröffentlichte, bezieht er sich auch noch einmal auf die neuerlichen Anschuldigungen aus London: das „Propaganda-Portal“, so der Journalist, „lässt sich seine Geschichten nicht durch Fakten kaputt recherchieren, weil sonst die Manipulation nicht mehr funktioniert. Der so erzielte Effekt mag fragwürdig und für die Demokratie gefährlich sein.“

Für Breitbart liegt der Fall jedoch klar. Die ablehnende Haltung der deutschen Presse, sei ideologisch motiviert und würde nur Kriminelle, unfähige Politiker und die Fehler der Polizei schützen. Im Zuge seiner Argumentation macht Kassam auch einen Schwenk zur vorherigen Silvesternacht in Köln und den Fehlern der Ermittlungsbehörden im Fall Anis Amri. Die Presse würde dabei zu Methoden greifen, die man eigentlich nur von staatlich gesponserten und damit gesteuerten Angeboten wie Russia Today kenne. „Viele der Medien werden zweifelsohne nicht glücklich darüber sein, dass gerade ihre Berichte verwendet wurden, um die Breitbart-Berichterstattung zu belegen“, schreibt der Breitbart-Chefredakteur. Deshalb sei ihnen auch daran gelegen, eine möglichst große Distanz zwischen sich und seine Berichterstattung zu bringen, immerhin würde sie dem großen Ziel, einen gedeihlichen „Nährboden“ für „Massen-Migration und einer Multikulti-Gesellschaft beschädigen“.

Nach Einschätzung von Bandermann steckt hinter dem Vorgehen der US-Amerikaner ein klares Kalkül: „Breitbart eröffnet einen deutschsprachigen Dienst. Da muss man Reichweite erzielen. Die angeblich abgebrannte Reinoldikirche können wir schnell abhaken. Sie war nur ein Anfang. Breitbart will sich rechtspopulistisch motiviert in die deutschen Wahlkämpfe einmischen. In Amerika hat das funktioniert.“

Anzeige
Anzeige
Anzeige