Diekmann, der Sex-Vorwurf und die Medien: Wer kann am Ende geradeaus in den Spiegel schauen?

Bild-Herausgeber Kai Diekmann, nächtliche Firmenfeier am Potsdamer See: Staatsanwaltschaft ermittelt wegen des Vorwurfs der sexuellen Belästigung
Bild-Herausgeber Kai Diekmann, nächtliche Firmenfeier am Potsdamer See: Staatsanwaltschaft ermittelt wegen des Vorwurfs der sexuellen Belästigung

Wie weit muss man den langjährigen Chefredakteur der Bild-Zeitung davor schützen, in eigener Sache zum Gegenstand einer die Persönlichkeitsrechte tangierenden Berichterstattung zu werden? Viele finden diese Frage wohl ähnlich abstrus wie das Verteilen von Strafzetteln wegen zu schnellen Fahrens bei einem Autorennen. Und doch stellt das Thema Medienmacher vor eine sensible ethische Entscheidung.

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Ein Kommmentar von Christopher Lesko

Berichtet man von Vorwürfen sexueller Belästigung? Wenn ja, wie genau? Die Entscheidung darüber fragt zwangsläufig nach einer Haltung innerhalb des Spannungsfeldes zwischen dem Auftrag zur Information einerseits und dem sensiblen Umgang mit Persönlichkeitsrechten und Privatsphäre aller am Gegenstand des Vorwurfes Beteiligten auf der anderen Seite.

Diekmann hat im Laufe seiner Karriere nicht nur extrem polarisiert, sondern auch Gegner, vielleicht sogar Feinde, gesammelt, die lange schon durchgeladen haben mögen und die aktuelle Situation instrumentalisieren könnten. Berücksichtigt man dies bei der Entscheidung über eine Berichterstattung? Was genau haben Medien wohl aus jener Kachelmann-Berichterstattung gelernt, die zwischen Alice Schwarzer und Sabine Rückert, zwischen Bild und der Zeit ihre Welten ohne journalistische Distanz in Gut und Böse einteilten und aus ihren Lagern heraus kommentierten? Haben die Bewegungen um Kachelmann nicht deutlich mehr beschädigt, als es der Gewinn von Information je hätte aufwiegen können? Wozu genau?

Ohne jede Frage: Es ist schon richtig, die Nachricht über Vorwurf und Strafanzeige des aktuellen Themas zu produzieren. Und gleichzeitig gilt: Je unklarer, je fragiler, je emotional aufgeladener ein Themenfeld ist, desto sachlicher, distanzierter und respektvoller müssten Journalisten sich verhalten. Respekt für Juristen, die ihre Arbeit machen müssen. Respekt für alle Protagonisten im Kontext des Vorwurfes, um zusätzlichen Beschädigungen die Tür nicht zu öffnen. Und nicht zuletzt, in „Lügenpresse-Zeiten“ : Respekt sich selbst, dem Journalismus und seinen Medien gegenüber, selbst, wenn dies Auflage oder Visits kosten kann.

Am Ende des Tages muss jeder für sich selbst entscheiden, ob er noch klar und geradeaus in den Spiegel schauen kann: Kai Diekmann, die Mitarbeiterin, die den Vorwurf erhoben hat. Springer, der Spiegel, wir alle als Medien-Gestalter.

 

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