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Der Job kann warten: Kai Diekmann verordnet sich nach Ausstieg bei Bild eine Auszeit

Ende einer Ära: Kai Diekmann geht bei Bild von Bord und hat sich eine Auszeit verordnet
Ende einer Ära: Kai Diekmann geht bei Bild von Bord und hat sich eine Auszeit verordnet

"Personalie: Bild-Herausgeber Kai Diekmann beendet Tätigkeit für Axel Springer." So schlicht gab das Medienhaus den Ausstieg seiner schillerndsten Figur bekannt. Schlusspunkt einer sagenhaften Verlagskarriere, die Mitte der 80er Jahre in der Journalistenschule begann. Viele Spekulationen über die Zukunft des 52-Jährigen kursieren. Sicher ist: Diekmann hat die Branche geprägt wie kaum ein anderer.

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Das Dementi gleich vorweg: Alle im Umlauf befindlichen Gerüchte der angeblich künftigen Tätigkeit des Mannes, der Deutschlands mächtigste Zeitung mehr als eineinhalb Jahrzehnte gesteuert hat, sind falsch. Digital-Unternehmer, Facebook-Manager, Polit-Berater: Diekmann wird nach dem Abschied bei Axel Springer Ende Januar keine dieser Positionen bekleiden, zumindest – so die Informationen von MEEDIA aus zuverlässiger Quelle – hat er sich noch nicht entschieden, wie es beruflich für ihn weitergehen soll. Der Bild-Macher a.D. nimmt sich eine Auszeit und will wohl erst einmal selbst herausfinden, wohin es ihn wirklich zieht, wenn er aus dem Schatten des Großverlags hinaustritt. Vor dem nächsten Schritt will er in Ruhe entscheiden. All zu lange dauern dürfte die Denkpause bei einem wie ihm aber kaum.

An Optionen und Angeboten wird es nicht mangeln, aber der Bild-Chef, der sich im Laufe der Zeit innerlich ein gutes Stück vom traditionellen Stellenprofil eines Boulevard-Chefredakteurs und vielleicht auch von eigenen Gewohnheiten und Sichtweisen entfernt hat, ist längst nicht mit jedem Top-Job kompatibel. Aufgaben in Veränderungsumfeldern mit großen Handlungsspielräumen und unternehmerischer Verantwortung erscheinen dabei geeigneter als Führungspositionen mit hohem Gehalt und Sozialfaktor, aber gleichzeitiger Eingebundenheit in eine strenge und engmaschige Konzernhierarchie. So etwas sollte und wird sich Diekmann nicht antun. Schwer vorstellbar ist allerdings auch, dass der 52-Jährige in absehbarer Zeit in einem klassischen Medienjob wieder auftaucht: nach MEEDIA-Informationen haben er und sein bisheriger Arbeitgeber einen Konkurrenzausschluss vereinbart.

Dass Diekmann, der in seiner Laufbahn mehr und bewusster polarisiert hat als jeder Bild-Chefredakteur vor ihm, der Branche damit zumindest vorerst verloren gehen wird, werden manche als Befreiung, viele jedoch als Verlust empfinden. Er hat die Leute mal überrascht, mal belustigt und oft auch verärgert – langweilig war es mit ihm nie. Und er hat als Medienmacher im überlebenswichtigen Umgang mit dem Raubtier Digitalisierung Maßstäbe gesetzt: Wo andere  Begegnungen vermieden oder delegierten, erklärte Diekmann das Thema zur Chefsache, bevor es andere so richtig auf der Rechnung hatten: Als er erkannte, dass immer mehr Menschen Handys mit Kamerafunktion hatten, erfand er den „Leserreporter“ und sorgte dafür, dass jeder Bilder über die Kurzwahl 1414 an die Redaktion schicken konnte. Das war 2006, ein Jahr, bevor Steve Jobs das erste iPhone präsentierte. Die Leserreporter-Aktion war – natürlich – in der Branche nicht unumstritten, aber für die Bild auch ein Erfolg, der bis heute anhält.

Der Bild-Chefredakteur hat das Digitale fast spieltriebhaft umarmt und wohl deshalb besser verstanden als die Hot Shots seiner Branche, die dem neuen Medium gegenüber fremdelten oder es (zum Teil bis heute – auch solche Fälle gibt es) mit falschem Standesdünkel in alter Printherrlichkeit zu ignorieren versuchen. Diekmann trieb es bisweilen auf die Spitze und entfachte im aufkommenden Social Web einen regelrechten Personality-Kult um seine Person. Zu den oft kolportierten Anekdoten um sein „100-Tage-Blog“-Experiment gehört die Rechnung über rund 42.000 Euro, die die Telekom dem Haus Axel Springer 2010 nach einer Marokko-Reise präsentierte, auf der Diekmann fleißig Videos über teure Datenleitungen gepostet hatte. Man kann darüber den Kopf schütteln, aber andere Verlage haben im Internet definitiv mehr Lehrgeld bezahlt.

Der Mann, der als redaktioneller Azubi bei Axel Springer anheuerte und nach einem Gastspiel bei Burdas Bunte bis zum Bild-Herausgeber aufstieg, hat sich als Journalist im Laufe der Jahre neu erfunden und seinen Instinkt zugleich nie verloren. Aufgewachsen in Ost-Westfalen, konservatives Elternhaus, katholische Schule, Wehrdienst, ein Studium, das der umtriebige Anfang Zwanzigjährige ohne Zögern gegen ein Volontariat eintauschte – all das passt zum konservativen Verlag, der aufstrebende Talente suchte, die wussten, was sie wollten und der zudem noch auf den richtigen Stallgeruch achtete. Diekmann hatte alles. Sein Talent war bald für alle augenfällig, aber auch sein Wille und seine Nähe zur Macht. Beides machte ihn zu einem einflussreichen wie umstrittenen Journalisten, auch und gerade im eigenen Haus. Mit nur 34 Jahren wurde er Chefredakteur der Welt am Sonntag, zwei Jahre später Alleinherrscher über Springers wichtigstes publizistisches Organ, die Bild-Zeitung.

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Der Rest ist Geschichte, oder je nach Betrachtungsweise, Legende. Wohl kein Blattmacher hat die Marke Bild in der Geschichte der Zeitung (die zugleich die Geschichte der Nachkriegszeit ist) so sehr geprägt und verändert wie Diekmann. Durch seine konservative Grundhaltung und seine Nähe zum Langzeit-Kanzler Helmut Kohl, dessen Biograph und Trauzeuge er später wurde, passte Diekmann ins Beuteschema des Axel Springer Verlags. Richtig ist aber auch, dass er sich von den starren und teils überkommenen Strukturen des Hauses zunehmend emanzipierte. Folgerichtig war es, dass er Teil der Abordnung war, die Vorstandschef Mathias Döpfner 2012 ins Silicon Valley entsandte, um Antworten auf die Fragen der Digitalisierung zu finden. Inzwischen hat sich der Verlag selbst bewegt, und das ist zu einem Teil auch das Verdienst seines langjährigen Chefredakteurs.

Gäbe es das Wort Alpha-Journalist nicht schon, hätte man es für einen wie Diekmann erfinden müssen. Als gerade gekürter Bild-Macher war er sich seines Einflusses und auch seiner Freiheiten bald bewusst. Die damals schwelende Ehekrise von Boris Becker hob er dreißig Tage in Folge auf die Titelseite, gipfelnd in der Schlagzeile „Babs Becker für eine Nacht in Deutschland“. Der Erfolg am Kiosk gab ihm – damals noch – Recht: Die Ausgaben waren Top-Verkäufe, der neue Chefredakteur hatte sein Exempel statuiert. Unter ihm suchte Bild die Nähe zu Promis, vermied es aber, sich mit ihnen gemein zu machen. Diekmann wusste wie jeder Boulevard-Profi nur zu gut, dass nach dem Aufstieg oft der Fall folgt, und auch von diesem lebt eine Kaufzeitung nur dann gut, wenn sie ohne Rücksichtnahme agieren kann. Hart aber fair, wollte er sein, und es liegt in der Natur der Sache, dass sich dieser Selbstbeschreibung nicht jeder anzuschließen vermag, der Gegenstand der Bild-Berichterstattung wurde.

Die berühmte Äußerung des Vorstandsvorsitzenden Mathias Döpfner, wonach man mit der Bild im Fahrstuhl nach oben, aber auch wieder nach unten fahre, war auf Diekmanns Blattmache gemünzt. Der Chefredakteur selbst sah die Beziehung des Blattes zu Stars und Sternchen als Geschäft auf Gegenseitigkeit und beklagte, dass man sich draußen nicht vorstellen könne, welche Angebote für Geschichten er von Managern verzweifelt um Öffentlichkeit ringender Show-Größen regelmäßig erhalte. All das war Teil der alten Bild, die Diekmann so sicher beherrschte wie die besten seiner Vorgänger. Sein bleibendes Verdienst ist es aber, dem Boulevard-Image eine neue Note hinzugefügt zu haben. Dass vor allem die Auflage und zuletzt auch die Werbeeinnahmen des wichtigsten Produkts von Axel Springer schwächelten, konnte Diekmann indes nicht verhindern. Less down is the new Up – diese Devise gilt vor allem für die Zeitungsverkäufe, die in den vergangenen Jahren vor allem bei den Kauftiteln dramatisch brachen. Darum müssen sich nun die Nachfolger kümmern.

Seine Mission schien bereits erfüllt, als der Langzeit-Chef Anfang 2016 bei Bild auf den Posten des Herausgebers wechselte. Wie aus dem Umfeld des Verlags zu hören ist, standen damals schon die Anzeichen auf Trennung. Diekmann hatte seine Nachfolger Julian Reichelt (Digital) und Tanit Koch (Print) noch selbst ausgesucht und an den Start gebracht, aber das Loslassen im Tagesgeschäft fiel ihm erkennbar schwer. Vorstandschef Mathias Döpfner soll darauf gedrängt haben, dass der scheidende Blattmacher zumindest die Phase des Übergangs begleitet. Bei dem war allerdings schon bald die Erkenntnis gereift, dass ihn der Job des Herausgebers im Alter von 52 Jahren nicht ausfüllt. „Ihr könnt das auch ohne mich“, soll er seinem Führungspersonal wiederholt gesagt haben.

Nun ist er raus, wenn die Termine im Januar abgewickelt sind. Die Teilnahme an einer Tech-Konferenz in den USA steht noch auf dem Programm, Ende des Monats noch eine privater Ausflug nach Äthiopien. Als politisch bestens vernetzter Spezialist für Massenkommunikation und Kenner der internationalen digitalen Szene wird Diekmann sich kaum um einen neuen Job bemühen müssen, es wird eher so sein, dass der Job zu ihm kommt. Ob Politik oder digitales Start-up mit Millionenkapital – vielleicht wird es im Wahljahr 2017 ja auch ein bisschen was von beidem.

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Alle Kommentare

  1. seltsam. warum gibt es eigentlich keinen beispielsweise 45 min film, also ein längeres video-interview, mit herrn diekmann. ein porträt, in dem ein fähiger, nicht devoter und unabhängiger kopf dem angeblichen alpha-wolf mal so richtig schön auf den zahn fühlt und nicht nur bälle zuwirft.

    was mag wohl der grund für diese lücke sein? eitelkeit für die linse hat diekmann reichlich unter beweis gestellt. trotzdem, weit und breit kein interview vorhanden. auch war er bisher noch nie in talkshows oder div tv-presserunden vertreten.

    # taugt diekmann nur als inzeniertes standbild?

    # oder liegt es an diekmanns lieblings-kinderlektüre https://de.wikipedia.org/wiki/Des_Kaisers_neue_Kleider ?

  2. Wenn einer solch eine Karriere der Anbiederung an den Richtigen verdankt: Welches Selbst sollte er verleugnen? Opportunismus dieses Kalibers, vor aller Augen, und Authentizität schließen einander aus.

  3. Festzustellen ist, das unter Dieckmann Bild zu einem Parteiorgan aller Etablierten Parteien mutierte. Dazu gehören alle, außer natürlich der AfD. In seiner Ära sank die Auflage um sage und schreibe 50%.

    Mal sehen ob die CDU/CSU, SPD, Grüne etc. ihn auffangen und ihm einen neuen Job verschaffen.

    1. @Hoffmann-Odermat: In welcher Blase leben Sie? Glauben Sie tatsächlich, ein Kai D. hat es noch nötig, sich von politischen Parteien auffangen lassen zu müssen. Sich einfach mal eingehend mit seinem Profil beschäftigen. Das Freischwimmerabzeichen hat er schon seit längerer Zeit an seiner Badehose.
      Im übrigen: Machen Sie sich mal die Mühe und organisieren Sie sich den kompletten Satz aller Bildzeitung-Regional-Ausgaben im Print – deutschlandweit – und machen dann eine Medienanalyse am Beispiel von folgendem Forschungs-Design…. http://www.bildblog.de/2794/kein-kopf-an-kopf-rennen-in-bild-hamburg/
      Um dies zu verstehen, müssten Sie allerdings möglicherweise zunächst Ihre Blase verlassen…

      1. PS: optimal natürlich der komplette Satz der BILD-Regionalausgaben seit Gründung der AfD, also seit Anfang 2013.

  4. Ich weiß aus sicherer Quelle, dass Angela Merkel Kai Diekmann als nächsten deutschen Botschafter in Israel auserkoren hat.

      1. Nach der neuesten Entwicklung in Sachen Diekmann (die meedia-Leser anscheinend nicht mehr kommentieren können) ist diese Perspektive nicht mehr ganz so plausibel wie zunächst gedacht.

  5. Der Totengräber der einst größten Zeitung Europas… Ich habe die BILD nie gemocht, aber stets respektiert, weil sie sich nie angebiedert hat. Unter Diekmann wurde das Blatt zur Hauspostille der Regierenden.

  6. Fest steht, dass die BILD seit dem Antritt von Tanit Koch rapide an journalistischer Bedeutung und Qualität (ob einem die nun gefällt oder nicht) eingebüßt hat. Eine maue Titelgeschichte jagt die nächste.

  7. Unglaublich! „Schillerndste Figur“ bei Springer, „Schlusspunkt einer sagenhaften Verlagskarriere“, „Branche geprägt wie kaum ein anderer“. Und es geht fleißig so weiter mit Superlativen in der langatmigen Lobhudelei. Da hat Georg Altrogge ein klassisches Lehrstück abgeliefert, wie Journalismus auf den Knien ausgeübt werden kann.

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