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Zwischen Retro-Kult und Facebook-Phobie: Wie der Spiegel sich zum 70. Geburtstag selbst inszeniert

Spiegel-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer und das Jubiläumsheft des Nachrichten-Magazins
Spiegel-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer und das Jubiläumsheft des Nachrichten-Magazins

Vorwärts, wir gehen zurück: Mit einer aufwändigen Image-Kampagne und reichlich Eigen-PR im Heft inszeniert Der Spiegel seinen am 4. Januar anstehenden 70. Geburtstag. Das Jubiläums-Cover zitiert Ärger-Statements von Politikern ("Dieses Scheißblatt!"), begleitet vom Werbe-Claim "Wut kann man sich erarbeiten". Dem Thema widmet das aktuelle Heft 66 Sonderseiten, in Ausgabe Nr. 2 startet eine Serie.

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Den Anfang der Print-Feierlichkeiten in eigener Sache macht der Leitartikel von Chefredakteur Klaus Brinkbäumer. Der Text unter der Headline „Spiegel-Zeiten“ und dem Teaser „Augsteins Auftrag, unser Erbe: Worum es damals ging, worum es heute geht“, muss wohl als eine Art Regierungserklärung des ersten Journalisten des Hauses gewertet und gelesen werden. Brinkbäumer schlägt darin den Bogen von den Anfängen des Nachrichten-Magazins zu den neuen Herausforderungen der kommenden Monate. So ging es damals, am 4. Januar 1947, wie heute „um alles“: „Die Freiheit, die Aufklärung, die Demokratie“.

Durchzogen ist der Leitartikel nicht nur von der Sorge um unabhängigen Journalismus und die demokratischen Werte, sondern auch von erkennbarem Fremdeln gegenüber den viel genutzten Social Media-Plattformen. So schreibt Brinkbäumer zu den kommenden Aufgaben seiner Redaktion: „Auch Facebook und Twitter sind zu beschreiben: als manipulative Medienkonzerne, die Verantwortung tragen für das, was sie verbreiten.“ Zudem schiebt er den modernen Kommunikations-Plattformen eine klare Mitschuld am Wahlsieg von Donald Trump zu. Dieser hätte trotz aller Verfehlungen, Lügen und Tricks gewonnen, weil er „18 Millionen Follower auf Twitter und 17 Millionen auf Facebook“ hätte. „Dort erzeugt Trump seine eigene Wirklichkeit und unterstellt denen, die ihn einer Lügen überführen, dass sie Lügner seinen. Er ist ein Vorbild für viele.“

Der Chefredakteur scheint davon überzeugt, dass dies „wichtige Zeiten für den Spiegel“ seien. „Zeiten nämlich, die Medien wie den Spiegel brauchen. Lügner müssen Lügner genannt werden. Rassisten sind zu entlarven als das, was sie sind“. Das klingt so staatstragend, wie es ist – wer wollte da widersprechen? Für ihn steht alles auf dem Spiel: „Unsere Art zu leben, die Pressefreiheit, viele andere Freiheiten und die Demokratien des Westens.“ Die Überleitung zum Spiegel der Nachkriegsjahre, der sich als „Sturmgeschütz der Demokratie“ verstand, gelingt dem Jubiläumsheft nach dieser Vorrede natürlich spielend.

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Im Sonderteil zum Geburtstag wird zum einem, nach Jahrzehnten aufgeteilt, noch einmal die Historie des Magazins zusammengefasst. Zum anderen beschäftigt sich auch die Titelgeschichte „Die große Erosion“ mit der Frage, ob eine Revolution bevorsteht. Immerhin würden „weltweit Populisten die Politik aufmischen, Wutbürger gegen die Eliten randalieren und im Internet asoziale Medien blühen“. Das klingt ein wenig arg auf die gerade in Mode geratene postfaktische Betrachtungsweise getrimmt.

Wie immer wird ein Magazin wie der Spiegel auch künftig an seiner investigativen Leistung und an der Qualität der Einordnung von politischen Entwicklungen gemessen, die Redaktion muss trotz aller glanzvollen Tradition „liefern“. Ab dem nächsten Heft starten die Hamburger dann noch eine dreiteilige Serie mit Beiträgen zur Spiegel-Sprache, den Spiegel-Kritikern und der Wirkung des Spiegels. Zudem liegt der Ausgabe vom 7. Januar eine DVD über investigativen Journalismus bei.

Mit 66 Seiten fällt der Geburtstagsteil nicht allzu üppig aus. Andere Medien wären durchaus in der Lage, sich heftiger selbst zu feiern. Doch auch an ihrem Geburtstag will die Redaktion das machen, „was sie immer gemacht hat: recherchieren und einordnen, gewichten und prüfen, analysieren, aufdecken und beschreiben“, wie es in der Hausmitteilung heißt. Dies sei in Zeiten, die von Fake News, Verschwörungstheorien und Vereinfachern geprägt sei, „vielleicht nicht die schlechteste Idee von Journalismus“.

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Alle Kommentare

  1. Das Titelbild – samt Klappbild – ist ein Requiem. Einheitsmeinungen sind mir zuwider. Das Durchblättern im Kiosk hat mich davon abgehalten, diesen Erguss der Selbstgefälligkeitsonanie zu vergüten.

    1. Gibt es zurzeit sonst noch nennenswerte Alternativen, oppositionelle Parteien?
      Bei Meedia schauen halt Leute vorbei, die mit den Mainstreammedien und ihrer unkritischen Hofberichterstattung schon lange nicht mehr zufrieden sind (und jetzt folgen auch noch vier Jahre (wie von der deutschen Presse auch nicht anders zu erwarten) mit Trump-Bashing (gähn)). (Das deutsche „Kabarett“ ist übrigens auch nicht besser.)
      Bei den Druckerzeugnissen kenne ich als freie und unbeinflusste Presse nur Tichys Einblick (Politik) und Smart Investor (Finanzen). (Übrigens: Ich bin kein Parteimitglied.)

    2. Vielleicht sind die Wähler von Grünen, SPD und Linken auch einfach etwas träge geworden. Kein Wunder, werden ihre politischen Positionen auf allen Kanälen jeden Tag heraustrompetet. Seien es Spiegel, Zeit, Stern, ARD oder ZDF – deren Inhalte könnten genau so auch in einem Koalitionsvertrag von Grüne und SPD stehen. Die Anhänger oppositioneller Positionen müssen sich dagegen schon selbst bemühen, wenn sie zumindest irgendwo ganz unten in den Leserbriefen stattfinden wollen.

      Deswegen möchte ich Dank und Anerkennung an die Redaktion von Meedia entrichten für die liberale Haltung gegenüber Positionen, die ihnen sicher oft nicht gefallen. Bei Lü.. äh, Spiegel gibt es solche Toleranz nicht.

  2. Ich schäme mich fast zu sagen, dass ich bis vor ein paar Jahren noch Spiegel-Abonnent war. Heute ist dieses Druckerzeugnis für mich dass, was in großen Lettern auf der Jubiläumsausgabe steht. Darum war ich für Sekunden verblüfft beim Anblick dieses Titels. Hat die Redaktion etwa ein Anflug von Selbsterkenntnis ereilt? Natürlich nicht. Die Hamburger sind so selbstgefällig, dass sie eine Einstufung als „Scheixblatt“ offenbar als völlig absurd einstufen.

  3. Der Lügel ist kein „Scheixxblatt“. So viel Emotion ist diese traurige Postille nicht wert.

    Ob es sie nun gibt oder auch nicht: völlig Wurst. Heute allein nur von und für Leute gemacht, die in Blasen leben.

    Ja, früüüher …!

  4. Sich zum 70. Geburtstag als „Scheißblatt” zu feiern und primitive Tiraden einer krakeelenden Minderheit in den Rang eines Jubiläumstitels zu erheben, ist ein Armutszeugnis ohnegleichen und nicht mit Selbstironie zu entschuldigen.

  5. … recherchieren und einordnen, gewichten und prüfen, analysieren, aufdecken und beschreiben“, wie es in der Hausmitteilung heißt.

    Selten so gelacht was der SPIEGEL da über sich von sich gibt…!!!

  6. Es ist schon erstaunlich. Dieses Aufmüpfige gegen die Autoritäten, dass den Spiegel früher einmal charakterisiert hat, finde ich heute, wenn auch aus anderer Perspektive, nur noch in der Junge Freiheit wieder. Wie sich die Zeiten doch ändern.

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