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Internationale Internetaktien 2016: Tencent etabliert sich in der Weltspitze, Twitter mit Absturz des Jahres

So sehen Sieger aus: Tencent-Chef Pony Ma Huateng
So sehen Sieger aus: Tencent-Chef Pony Ma Huateng

Erstaunlich unaufgeregtes Jahr für hoch kapitalisierte Internet-Unternehmen mit einem Börsenwert von mindestens 50 Milliarden Dollar: Nachdem die sogenannten FANG-Aktien – Facebook, Amazon, Netflix und Google – 2015 noch spektakuläre Gewinne eingefahren hatten, kehrte in den vergangenen zwölf Monaten die Normalität ein – die einstigen Highflyer performten kaum schwankungsbreiter als Dow Jones-Mitglieder. Während in China ein neuer Rivale erwächst, erlebte Twitter ein neues Höllenjahr.

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5. Netflix: + 12 Prozent

Die erfolgreichste Internetaktie des vergangenen Jahres konnte auch 2016 zweistellige Zuwächse verbuchen – wenn auch in kleineren Dimensionen. Dauerbrenner Netflix wächst und wächst und wächst – und die Wall Street applaudiert weiterhin.

Die Investments in immer neue Eigenproduktionen wie „House of Cards“, „Orange is the new Black“, „Narcos“ oder in diesem Jahr „The Getdown“ und „The Crown“ zahlen sich weiter aus: Netflix‘ Abonnentenzuwachs beeindruckt die Wall Street weiterhin schwer. Nochmals 3,6 Millionen neue Mitglieder konnte der alte Internet-Pionier im September-Quartal verbuchen.

Insgesamt brachte es der US-Streaming-Riese per Ende des dritten Quartals damit bereits auf 83,3 Millionen Abonnenten. Im Weihnachtsquartal soll das Wachstum ungebremst weitergehen: Reed Hastings stellte 5 Millionen neue Mitglieder in Aussicht. Die Wall Street ist von den Wachstumsperspektiven weiter begeistert.

„Ich glaube, dass Netflix die neue Kabelgesellschaft der Welt wird“, adelte etwa  CNBC-Marktkommentator James Cramer den auch schon 19 Jahre alten digitalen Film-Pionier, der unter Medien- und Tech-Giganten Begehrlichkeiten geweckt haben soll. So wurde im Jahresverlauf Übernahme-Interesse von Apple und Disney kolportiert.

Ein möglicher Bieter müsste dafür allerdings sehr tief in die Kasse greifen: Auf 54 Milliarden Dollar ist Netflix‘ Marktkapitalisierung nunmehr schon angeschwollen. Das ist bereits mehr als 21st Century Fox, obwohl Netflix wegen seines rasanten Wachstumskurses im letzten Quartal gerade mal 52 Millionen Dollar verdiente, Rupert Murdochs Film- und TV-Imperium indes zuletzt 862 Millionen Dollar – doch an der Wall Street zählen bekanntlich nur die Zukunftsperspektiven.

4. Facebook: + 13 Prozent

Daran muss man sich erst einmal gewöhnen: Auch Überflieger Facebook ging im fünften Jahr an der Börse zunehmend die Luft aus. Nach beachtlichen Zuwächsen von 37 Prozent im Vorjahr kamen  bis wenige Handelstage vor Jahresschluss 2016 lediglich 12 Prozent dazu.

Dabei hätten die Kurszuwächse des weltgrößten Social Networks deutlich größer ausfallen können: Das Jahreshoch hatte das erst knapp 13 Jahre US-Internehmen erst vor zwei Monaten bei 133,50 Dollar aufgestellt, was zu diesem Zeitpunkt einem Kursplus von 28 Prozent entsprach.

Dann legte Facebook Quartalszahlen vor und verschreckte Anleger. Dabei konnte Konzernchef Zuckerberg erneut eine Fabelbilanz präsentieren: Im jüngsten Quartal erlöste Facebook bereits 7 Milliarden Dollar (ein sattes Plus von 56 Prozent) und  konnte eine Gewinnexplosion von 166 Prozent auf 2,38 Milliarden Dollar präsentieren.

Die Wall Street enttäuschte das Social Network, das inzwischen bereits mit 338 Milliarden Dollar bewertet wird, trotzdem, nachdem Finanzchef Wehner in der anschließenden Analystenkonferenz eine deutliche Verlangsamung des Umsatzwachstums und steigende Ausgaben voraussagte.

Trotzdem liegt Facebook 2016 mit dem Kursplus von 12 Prozent immer noch besser als andere hoch bewertete Internetaktien: Google-Mutter Alphabet bringt es bis kurz vor dem Jahresende lediglich auf Zuwächse von 4 Prozent, während Chinas E-Commerce-Riese Alibaba ein Plus von 7 Prozent einfuhr.

3. Amazon: + 14 Prozent

Minimal vor Facebook im Jahr 2016, aber auch nach dem Börsenwert liegt E-Commerce-Gigant Amazon, der sich mit einer Marktkapitalisierung von 365 Milliarden Dollar zeitweise bereits auf den vierten Platz der Börsenwelt vorgeschoben hatte – dann kam Trump, und Internetaktien gingen in den Sinkflug über.

Auslöser der weiteren Kurszuwächse ist die Bestätigung des vergangenen Börsenjahres: Amazon kann tatsächlich auch Geld verdienen! Über zwei Jahrzehnte hat der frühere Informatiker Jeff Bezos, der sich seine ersten Sporen im computerwissenschaftlichen Bereich bei Bankers Trust und einem Hedgefonds verdiente, der Wall Street das Mantra von der großen Wette auf die Zukunft eingeimpft: Gewinne? Vollkommen oberflächlich. Alles, was zählt, ist ein anhaltend hohes  Umsatzwachstum, um das Einzelhandels-Imperium von Quartal zu Quartal auszuweiten.

Plötzlich geht beides: Schneller bei den Erlösen wachsen als erwartet – und nebenbei sogar gutes Geld verdienen. So geschehen nun schon im zweiten Jahr in Folge: Zwischen Anfang Juli und Ende September konnte der Internetpionier nun schon stolze 32,7 Milliarden Dollar umsetzen, ein Plus von nochmals 29 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Zudem konnte das 22 Jahre US-Unternehmen immerhin schon das achte Quartal in Folge Gewinne auswiesen – insgesamt bereits 252 Millionen Dollar in nur 90 Tagen.

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Zum großen Treiber der Geschäftsdynamik avanciert weiterhin die Cloud Computing-Unit AWS (Amazon Web Services), deren Erlöse allein im vergangenen Quartal von 2,1 auf 3,2 Milliarden Dollar förmlich explodierten – operativ blieben 861 Millionen  Dollar Profit hängen.

Die Bäume wachsen offenkundig in den Himmel: Jeff Bezos erklärte bereits im vergangenen Jahr, dass das Cloud-Geschäft das Potenzial besitze, eines Tages größer als das heutige klassische Handelsgeschäft zu werden. Danach sieht es schon jetzt aus: Nach Schätzungen der australischen Investmentbank Macquarie ist AWS langfristig wertvoller als die E-Commerce-Sparte. Passenderweise kürte die Financial Times AWS-CEO Andy Jassy dann auch zum Manager des Jahres.

2. Priceline: + 18 Prozent

Es bleibt dabei: Priceline, der vielleicht meistunterschätzte Internet-Gigant, von dem in Europa noch niemand etwas gehört hat, legt auch 2016 zweistellig zu.  Dabei zählt das bereits 1997 gegründete Online-Reisebüro nicht nur zu den Pionieren des Internets, sondern mit einem Börsenwert von inzwischen über 73 Milliarden Dollar noch vor Netflix, Paypal, Yahoo und eBay zu den zehn wertvollsten Internetkonzernen der Welt.

Warum, demonstrierte der neue CEO Brett Keller im Jahresverlauf von Quartal zu Quartal aufs Neue: Reisen, Flüge und inzwischen Restaurantbesuche zu buchen, ist eines der erfolgreichsten Geschäftsmodelle des Webs. Mit Booking.com, Priceline.com, Kayak, Agoda.com, Rentalcars.com und dem zugekauften Restaurant-Reservierer OpenTable verfügt Priceline gleich über sechs der meistfrequentierten Buchungsseiten der Welt.

Im jüngsten Quartal konnte Priceline seine Umsätze um 19 Prozent auf 3,69 Milliarden Dollar steigern, während die Nettogewinne wegen Abschreibungen im Zuge der OpenTable-Übernahme auf 506 Millionen Dollar nachgaben.

1. Tencent: + 19 Prozent

Plötzlich hatte China eine neue Nummer eins: Nicht mehr die Industrial Bank of Commerce, PetroChina, China Mobile oder Alibaba konnten sich im Sommer mit dem Titel des wertvollsten Konzerns im Reich der Mitte schmücken, sondern ein Internet-Emporkömmling, der in der westlichen Welt immer noch unterschätzt wird – Tencent.

Das 1999 gegründete Start-up, das zunächst mit dem Instant Messenger OICQ von sich reden machte,  ist nicht irgendein Nachahmer neuer Web-Trends aus dem Silicon Valley, sondern die eigentliche Essenz des chinesischen Internets in einem Unternehmen. Tatsächlich besitzt Tencent mit WeChat den meistgenutzten Messenger Asiens, mit Wallet das in China am meisten verbreitete mobile Bezahlsystem und verfügt über einige der erfolgreichsten Gaming-Angebote der Welt.

Trotzdem steht Tencent bis heute im Schatten des E-Commerce-Riesen Alibaba, dem vor zwei Jahren noch der größte Börsengang aller Zeiten gelang, 2016 nach dem Börsenwert aber zeitweise dem einheimischen Rivalen aus der südchinesischen Handelsmetropole Shenzen den Vortritt lassen musste. (Ende 2016 lag Alibaba mit 217 Milliarden Dollar versus 205 Milliarden Dollar wieder knapp vor Tencent.)

Warum, demonstrierten die jüngsten Quartalszahlen eindrucksvoll: Im Dreimonatszeitraum von Anfang Juli bis Ende September konnte Tencent seine Erlöse um 52 Prozent auf 6 Milliarden Dollar steigern, während die Gewinne um satte 43 Prozent auf 1,5 Milliarden Dollar anzogen. Anleger belohnen das anhaltend zweistellige Wachstum mit Kurszuwächsen von 18 Prozent.

Internet-Verlierer des Jahres: Twitter – 28 Prozent

Und dann gibt es noch den Verlierer des Jahres, der niemanden mehr überraschen dürfte: Nach weiteren 12 Monaten des maximalen Dramas beendete Twitter 2016, wie der Kurznachrichtendienst es begonnen hatte – mit happigen Kursverlusten. Auf ein Minus von 28 Prozent sind die Verluste wenige Handelstage vor Jahresende nun schon angeschwollen.

Angesichts der desolaten Vorstellungen, die das Managementteam um CEO Jack Dorsey lieferte, dem immer mehr Führungskräfte abhanden kamen, überrascht es fast, dass Twitter auf den letzten Metern nicht noch neue Allzeittiefs aufgestellt hat – so desaströs verliefen die letzten Monate.

Der schlingernde 140-Zeichen-Dienst hat auch in einem für ihn – mit der US-Wahl, einem twitternden Präsidenten Trump, Olympischen Spielen und der Fußball-Europameisterschaft – idealen Jahr keinen Weg gefunden, auch nur annähernd in den Bereich der Profitabilität vorzustoßen. Von Quartal zu Quartal verbrennt das inzwischen zehn Jahre Internet-Unternehmen weiter 100 Millionen Dollar.

Dass Twitter in der aktuellen Verfassung keinen Käufer findet, mag da kaum mehr überraschen. Für zwei Wochen bereiteten Spekulationen über eine Übernahme, an der scheinbar Google, Disney, am realistischsten aber noch Salesforce interessiert zu sein schienen, Aktionären kleine Comeback-Träume nordwärts der 20-Dollarmarke, dann lösten sich alle möglichen Annahmen in einer Nacht in Luft auf. Die Folge: Die Twitter-Aktie tat, was sie in ihrer misslichen dreijährigen Börsenkarriere am zuverlässigsten getan  hatte – in den Sinkflug übergehen.

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