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Schrille Nacht: Vom fehlenden Weihnachtsfrieden in der Medienzunft

Symbolbild: friedliche Weihnachten
Symbolbild: friedliche Weihnachten

Kurz vor Weihnachten wurde der Terrorverdächtige Anis Amri also in Mailand erschossen. Kommt nun doch noch der Weihnachtsfrieden übers Land? Vielleicht. In der Branche ist die Stimmung zum Fest eher gereizt. Der MEEDIA-Wochenrückblick.

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Am Dienstag nach dem Terror-Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche habe ich den Spiegel-Morgenletter „Die Lage“ gelesen. Da schrieb die stellvertretende Leiterin des Hauptstadtbüros, Christiane Hoffmann, über den Anschlag und die Folgen. Das war ein gut geschriebener Letter und ich fand auch vor allem die Beobachtung Hoffmanns, wie ihre Tochter auf die Terror-Nachricht reagierte, lesenswert:

Fast ein wenig erschreckend, wie abgeklärt wir auf das Grauen reagierten. Wie sehr es Normalität geworden ist, lehrte mich meine Tochter. Hatte sie sich Sorgen gemacht, als ich am Montagabend erst spät nach Hause kam? „Nein, bei zwölf Toten war die Wahrscheinlichkeit nicht so groß.“ Es ist eine Generation, die mit dem Terror nebenan aufwächst.

Aber müsste bei so einer Nachrichtenlage nicht auch mal der Chef außerplanmäßig die Morgenlage erklären? Dass der Spiegel für seinen Frühletter immer wechselnde Autoren hat, ist aus arbeitsökonomischer Sicht verständlich. Es erschwert bei so einem Format aber die Leser-Bindung.

Was war das für eine irre Woche so kurz vor Weihnachten: Zuerst dachte man, die Polizei hat den Attentäter aus Berlin gleich geschnappt, dann wurde der Verdächtige wieder freigelassen. Es kam heraus, dass der neue Verdächtige eigentlich schon lange im Visier der Behörden stand, eigentlich längst abgeschoben werden sollte, aber irgendwie entwischte. Die ganze Schwerfälligkeit und Unzulänglichkeit des Staatsapparates in Sachen Grenzschutz, Asyl-Verwaltung und innerer Sicherheit wurde wie unter einem Brennglas vorgeführt. Erschossen wurde der Verdächtige dann von der italienischen Polizei. Ein kleines Detail am Rande war die Verwendung des Hashtags #Tunesier des Bundes-Innenministeriums:

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Und wenn jetzt der Hashtag #demaiziereistdoof der am meisten genutzte gewesen wäre? Hätten sie den dann auch benutzt und hinterher gesagt, sie können das jetzt weder bestätigen noch dementieren, dass Thomas de Maizière doof ist? Später hat sich das BMI für diese Tölpelei entschuldigt und den Tweet gelöscht. Die Geschichte rund um den Weihnachtsmarktanschlag geht im neuen Jahr ganz sicher noch auf ganz vielen Ebenen weiter.

Wo man auch hinschaute, gab’s Ärger. Da war noch diese Geschichte mit der aus dem Ruder gelaufenen Aktion des nunmehr ehemaligen Scholz & Friends-Mitarbeiters Gerald Hensel rund um seinen Hashtag #keingeldfürrechts. Hensel hatte auf seinem privaten Blog dazu aufgerufen, Werbetreibende sollten doch mal prüfen, wo ihre Digital-Werbung ausgespielt wird. Grund war, dass Markenwerbung u.a. auch auf rechten Websites wie dem US-amerikanischen Breitbart.com auftauchte. In einem begleitenden Artikel nannte Hensel auch das Blog „Die Achse des Guten“ des Publizisten Henryk M. Broder in einem Zug mit extrem rechten Seiten. Broder veröffentlichte daraufhin eine ganze Reihe von Artikeln, in denen mit der Aktion Hensels abgerechnet wurde („Der Denunziant von Scholz & Friends“). Es gab dann einen wahren Shit-Orkan gegen Hensel und Scholz & Friends. Diese Woche hat der Medienanwalt Ralf Höcker via Facebook und Pressemitteilung angekündigt, zum ersten Mal seit Kanzleigründung Werbung zu schalten, und zwar bei achgut.com:

Parallel streitet Höckers Kanzlei für die AfD-Vorsitzende Frauke Petry weiter mit der Kölner Journalistenschule wegen deren fragwürdigem Lügen-Ranking. Und die Zeit lieferte sich ganz un-hanseatisch eine „Schlammschlacht“ (Mopo) mit dem Hamburger Abendblatt wegen der Berichterstattung über eine Gerichtsverhandlung zu den Silvesterübergriffen vergangenes Jahr in Hamburg. Und dann ist da noch die schlimme Debatte um die schlimmen Fake-News, die im kommenden Jahr die Bundestagswahl ruinieren werden. Und der „Zickenkrieg“ (T.Knüwer) zwischen Sascha Pallenberg und dem SZ-Magazin darüber, wer nun die exklusivere Facebook-Content-Arbeiter-Story hatte. Undsoweiterundsofort.

Es wird höchste Zeit, dass wir für dieses Jahr den Sack an Unerfreulichkeiten und Streitigkeiten zumachen und Platz schaffen für ein wenig Elch-Content:

Immer dran denken: „Die schärfsten Kritiker der Elche / waren früher selber welche.“ (FW Bernstein)

Von dieser Seite frohe und friedliche Weihnachten!

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