„Die Angst herunterzuspielen, ist weltfremd“: Chefredakteurin Tanit Koch zur Kritik am Bild-Titel

„Wir schüren überhaupt nichts“: Bild-Chefredakteurin Tanit Koch verteidigt ihre Berichterstattung
"Wir schüren überhaupt nichts": Bild-Chefredakteurin Tanit Koch verteidigt ihre Berichterstattung

"Angst!" titelte die Bild-Zeitung am Mittwochmorgen zum Anschlag von Berlin. Die Seite eins der Boulevardzeitung erzeugte vor allem im Social Web viel Kritik. Tenor: Das Blatt berichte nicht über Angst, sondern schüre sie. "Wir schüren überhaupt nichts", antwortet Chefredakteurin Tanit Koch auf Fragen von MEEDIA. Die Kritik werde von Leuten geäußert, die "ihre Mitmenschen für einfältig halten".

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Der Titel ihrer heutigen Ausgabe heißt einfach nur „Angst!“. Was wollen Sie mit dieser Titelseite/Aussage transportieren?
Bild wurde einmal treffend als „Seismograph der deutschen Befindlichkeit“ beschrieben. Mit der Schlagzeile „Angst“ bilden wir eine Emotion ab, die viele Menschen in Deutschland in sich tragen. Wann, wenn nicht jetzt – ein bewaffneter Isis-Terrorist ist auf der Flucht, während die Berliner Polizei bereits Entwarnung gegeben hatte –, soll man Angst haben? Es ist ein ganz natürliches menschliches Empfinden. Angst vor zunehmenden rassistischen Übergriffen ist übrigens auch Angst.

Ihrer Wahrnehmung nach: Ist die Angst in der Bevölkerung größer als Trauer und Wut? Woran machen Sie das fest?
Ich glaube, Sie finden all diese Gefühle – auch das der Hilflosigkeit. Medien tun gut daran, diese Stimmungen zu adressieren. Was auch geschieht, nicht nur bei uns. Die Berliner Morgenpost titelt zum Beispiel „Fürchtet Euch nicht“ – wenn keine Furcht herrschte, hätte sie diese Schlagzeile wohl kaum gewählt. Die Angst herunterzuspielen und so zu tun, als würden viele Menschen ihr Verhalten nicht schon längst an die gestiegene Gefährdungslage anpassen, ist hingegen weltfremd.

Die „Angst“ steht auf ihrer Titelseite, findet sich im Blatt-Innern aber eigentlich nur an zwei Stellen wieder: In einem Interview mit einer Leiterin eines Flüchtlingsheims und in einem Interview mit einem Psychologen, der Tipps für Gespräche mit Kindern gibt. Inwiefern rechtfertigt das Verhältnis die „Angst“ auf dem Titel?
Wir hätten leicht eine Doppelseite mit Stimmen von verunsicherten Bürgern füllen können. Bloß: Wo ist der Erkenntnisgewinn? Stattdessen berichten wir über das nachrichtliche Geschehen, zeigen unsere Rechercheergebnisse, stellen die zentralen Fragen. Auch an die Pfarrerin der Gedächtniskirche, die ebenfalls das Thema Angst anspricht. Auf der Letzten Seite lautet unsere eigene Botschaft dazu: Wir sind nicht allein.

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Vor allem im Social Web wurden Vorwürfe laut, dass Bild mit ihrer Titelseite vor allem Ängste schürt. Was entgegnen Sie dieser Kritik?
Solche Vorwürfe kommen gern von jenen, die ihre Mitmenschen für einfältig halten. Wir schüren überhaupt nichts. Das Unsicherheitsgefühl in der Bevölkerung ist – nicht erst seit dem Anschlag von Berlin – unbestreitbar vorhanden. Es ist ein zentrales gesellschaftliches Thema. Es kann wahlentscheidend sein. Aber natürlich sei jedem unbenommen, in dieser Situation lieber pädagogischen Journalismus zu betreiben. Bild tut das nicht. Wir stellen Lebenswirklichkeit dar, das ist unsere Aufgabe. Vor allem hat unsere Titelseite die Kraft, die handelnden Personen – Politik und Sicherheitsbehörden – deutlich darauf hinzuweisen, was ihre Aufgabe ist: größtmögliche Sicherheit für die Menschen in Deutschland an öffentlichen Plätzen.

 

Anmerkung der Redaktion: Die Fragen hat Tanit Koch schriftlich beantwortet.

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Alle Kommentare

  1. „Wir stellen Lebenswirklichkeit dar“

    Das glaubt diese Frau wahrscheinlich tatsächlich.

    Frau Koch sollte sich hin und wieder mit ihren Anwälten unterhalten, um zu verstehen, was die eigentliche Aufgabe von BILD ist.

    „„Das Kerngeschäft der Klägerin (gemeint ist BILD) ist die Vermarktung von Werbung. Journalistische Inhalte sind das Vehikel, um die Aufmerksamkeit des Publikums für die werblichen Inhalte zu erreichen.“

  2. Wer zugeben würde, dass er „Angst hat“, der würde ja zugeben, dass er sich über die realen Folgen der Flüchtlingskrise getäuscht hat. Noch vor zwei Tagen wehrten sich wütende Kommentatoren dagegen, den Attentäter in einen wahrscheinlichen (!) Zusammenhang mit „Flüchtling“ und „Abschiebung“ zu bringen.
    Nur Stunden später wurden die Prantls (& Co.) von den eigenen News-Redaktionen widerlegt. Anis A. kam als „Flüchtling“, der auf der Abschiebeliste stand – weil er wiederholt schwer gewalttätig war, und ein terroristischer „Gefährder“. Trotzdem wurde er mehrfach wieder freigelassen – in dubio pro reo.
    Wer bei diesen Irrtümern „keine Angst“ hat, unterdrückt sie nur aus Angst vor Selbsterkennntis. Oder er ist gefährlich gefühllos. Realitätsverleugnung.

    Ich hatte mich damals – „Refugees welcome“ – voll Begeisterung auch getäuscht. Die Aufnahme Aller schien einfach alternativlos. Und auch nach den „Frankreich“ habe ich noch gehofft, es werde schon nichts Schlimmes passieren bei uns. Jetzt habe ich Angst – vor mir als journalistischem, „Influencer“. Vor unseren Meinungs-Irrtümern über reale Terror-Gefahren, denen Mitbürger zum Opfer fallen – und die halb Europa verrückt machen.

    1. Ich finde Ihren Kommentar problematisch. Vielleicht ist es nur eine sprachliche Unschärfe – es liest sich aber, als ob hier ein Straftäter trotz Schuld freigelassen wurde und daher der Staat hier eine Mitschuld trägt. Das ist aber m. E. nicht der Fall. Diese Tat ist kein Resultat der Flüchtlings- oder Abschiebungspolitik. Es ist die Tat eines Wahnsinnigen. Wenn Sie ein „Influencer “ sind – ein Themenvorschlag von mir: recherchieren Sie mal die Radikalisierung, die Kleinkriminelle im Gefängnis zu Terroristen macht (da kommt die Politik wieder ins Spiel) – denn das ist bei fast allen Tätern der letzten Jahre ein gemeinsamer Nenner (sogar beim NSU!).

  3. Die Angst noch weiter zu befeuern und zu instrumentalisieren ist verantwortungslos Frau Koch. Überlassen Sie das doch lieber den asozialen Prezells dieser Welt.

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